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04. September 2009

Nur Verlieben ist schöner als Fliegen

Bis zu 20 Gleitschirmflieger heben täglich auf dem Startplatz des Delta Clubs Condor Wehr ab / Die BZ testet das luftige Hobby, das angeblich süchtig macht

  1. da kribbelt schon die Angst im Bauch Foto: Sarah Nagel

  2. und verfliegt in der Luft sofort wieder. Foto: Sarah Nagel

  3. Noch mutig vor dem Start Foto: Sarah Nagel

  4. Oben Foto: Sarah Nagel

  5. und unten gibt es beim Schweben einfach zu viel zu sehen. Foto: Nagel/Krug

WEHR. Gleitschirmfliegen ist ungefähr so wie Verlieben: Es kribbelt im Bauch, man schwebt und alle Alltagssorgen sind plötzlich ganz weit weg. Den Richtigen muss man sogar auch dafür finden – das geht in diesem Fall allerdings viel leichter als beim Verlieben. Tandemflieger Frank Müller vom Delta Club Condor Wehr ist zum Beispiel ein geeigneter Kandidat. BZ-Redakteurin Sarah Nagel ist mit ihm vom Startplatz in Bergalingen-Heue abgehoben.

Ein bisschen trägt uns die aufströmende Luft wie die Wellen im Wasser beim Toter-Mann-Spielen. Nur ist alles viel sanfter. Wir schwappen wie in Zeitlupe über die sogenannten Luftblasen und schweben danach einfach weiter. Der Wald sieht aus wie Moos weit unter den Füßen. Im watteweichen Gleitschirmsitz baumle ich vor Frank Müller am Schirm. "Das macht süchtig", sagt er und dreht eine elegante Kurve.

Sein blau-weiß-oranger Gleitschirm lag bis vor wenigen Minuten noch wie ein schlappes, wenn auch großes, Igluzelt auf der Wiese am Hang. Die 30 Meter breite Waldschneise bei Bergalingen-Heue haben sich die Drachen- und Gleitschirmflieger des Delta-Clubs 1995 selbst als Startplatz eingerichtet. Heute filmt dort eine Webcam das Geschehen, Windsäcke plustern sich vor den großen Tannen auf und eine Wetterstation verrät den Fliegern die Aussichten. Die 42 Clubmitglieder – darunter Lehrlinge, Ärzte und Zimmerleute – sind eine eingeschworene Gemeinschaft, schließlich teilen sie ihre Sucht. Nur einmal im Jahr stimmen sie über neue Mitgliedsanträge ab. "Bis jetzt wurde aber noch keiner abgelehnt", verspricht Vorsitzender Peter Faschian.

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Der Gleitschirm richtet sich stolz auf wie ein Pfauenrad
Bis zu 20 Gleitschirmflieger treffen sich an guten Tagen am Hang. Die Startstrecke führt wie eine Rampe ins Tal, statt Absprungschanze folgt Gestrüpp. Bis dahin wird gerannt, bevor es in die Luft geht, erklärt Frank Müller vor dem Start. Komplett eingepackt – in Anzug, Helm und Rucksack, der fast bis in die Kniekehlen hängt –, vor Frank Müller angeschnallt, der wiederum an den schlappen Gleitschirm geschnallt ist, kommt einem das auf einmal gar nicht mehr so einfach vor. Die 420 Höhenmeter ins Tal scheinen sich auszudehnen, alles sieht plötzlich viel tiefer und steiler aus – aber jetzt hänge ich buchstäblich drin. "Eins, zwei drei – looos", ruft Müller und schiebt – etwas versetzt – von hinten. Der Gleitschirm erhebt sich, nach wenigen Schritten trete ich ins Leere – zu früh. Wir sind nicht schnell genug, der Gleitschirm sackt zusammen. Beim zweiten Mal geht alles gut: Der Schirm erhebt sich stolz wie ein Pfauenrad und trägt uns in die Luft. Mit einem Ruck nach hinten schiebt sich der Po auf die Sitzfläche des Rucksacks, der sich jetzt zum Sessel umfunktioniert.

Das Hauptfluggebiet des Delta Clubs ist eine nach Westen schauende Bergflanke, die östlich von Wehr zum Hotzenwald ansteigt. Trotz der Höhe zieht die Angst mit dem Wind davon. Der Schirm gleitet an Vögeln vorbei, die genau wie Frank Müller den Auftrieb suchen. Er orientiert sich außerdem an Segelfliegern und Wolken. Trotz Bauchkribbeln geht es ihm beim Gleitschirmfliegen nicht nur um den Kick: "Es ist ein wahnsinniges Naturerlebnis", erklärt der Wirtschaftsinformatiker, der vor fünf Jahren mit dem Fliegen begonnen hat. Damit seine Freundin auch öfter mal mit kann, hat er nun den Tandem-Flugschein gemacht.

Beim langsamen Absinken bin ich über jede Luftblase dankbar, die Frank Müller vor der Landung noch erwischt. Doch nach etwa 20 Minuten berührt meine Fußspitze wieder den Boden. Die Landung auf der großen Wiese beim Meierhof ist weich. Am liebsten würde ich – trotz leichter Übelkeit – wie die anderen wieder auf den Berg trampen. Denn Frank Müller weiß, wovon er spricht: Gleitschirmfliegen scheint süchtig zu machen – wie Verlieben eben.

Autor: sar