Baum sucht Pate

Julia Jacob

Von Julia Jacob

So, 08. Juli 2018

Weil am Rhein

Der Sonntag Die Streuobstbestände auf dem Tüllinger Berg werden erstmals systematisch erfasst.

Um den für die Artenvielfalt bedeutsamen Streuobstbestand auf dem Tüllinger Berg zu erhalten, braucht es eine Verjüngungskur und viel Pflege. Ein Modellprojekt setzt dabei auf den Trend zum Selbermachen und vermittelt Baumpaten.

"Der Tüllinger Berg ist ein ganz schöner Brocken", sagt Isabel Szabó, die das Projekt der Modellregion Biotopverbund Markgräflerland, kurz "Mobil", seit 2015 betreut. Rund 1900 Flurstücke wurden auf der Erhöhung zwischen Lörrach und Weil am Rhein bislang kartiert. Und noch immer gibt es einige blinde Flecken. Unklare Besitzverhältnisse halten das Projektteam auf Trab. "Viele wissen gar nicht, dass sie hier Eigentümer einer Streuobstwiese sind." Um etwa eine Erbengemeinschaft ausfindig zu machen, ist Ausdauer gefragt. Aber Szabó ist zuversichtlich, dass die Bestandsaufnahme bis zum Ende des Projektzeitraums im Jahr 2020 zu einem Abschluss kommt. Noch aber harren 600 Parzellen ihrer Erfassung.

Warum der Aufwand? Die Bestandsaufnahme ist nur ein erster Schritt. Das Projekt Mobil will wissen, wie es um die Streuobstbestände auf dem Hausberg des Dreiländerecks bestellt ist – und wie sie erhalten werden können. Die Zwischenbilanz fällt ernüchternd aus. Rund ein Drittel der Wiesen ist überaltert. Fachbereichsleiterin Astrid Deek, spricht von einer "drastischen Situation", die sich am Tüllinger Berg zeige. "Manchmal sieht man die Bäume im Brombeergestrüpp gar nicht mehr."

Damit das Ökosystem im Vogelschutz und Fauna-Flora-Habitat (FFH) funktioniert, sollte der Anteil der abgängigen Bäume unter zehn Prozent liegen. Totholz bietet vielen Insekten Unterschlupf, zu viel davon darf es aber nicht geben, denn auch Pilze und Parasiten nisten sich hier gerne ein. 15 Prozent Jungbäume gelten als Ideal. Auch hier gibt es auf dem Tüllinger Berg Nachholbedarf. "Wir brauchen dringend Nachpflanzungen", sagt Astrid Deek mit Blick auf die kommenden 20 Jahre. Rückgrat des artenreichen Biotops aber sind ertragfähige Hochstammgewächse. Ihr Anteil sollte bei rund 75 Prozent liegen. Davon aber ist man im Projektgebiet weit entfernt. Vor allem bei der Baumpflege sehen die Expertinnen vom Truz Handlungsbedarf. Nach vielen Gesprächen wissen sie: Viele Grundstückseigner sind mittlerweile zu alt, um sich selbst mit Säge und Baumschere an die Arbeit zu machen. "Oft aber fehlt es schlichtweg am Wissen um den richtigen Baumschnitt." Die Bereitschaft, sich für den Erhalt der besonderen Kulturlandschaft einzubringen, ist da.

Deshalb sucht das Truz gezielt den Kontakt mit den Grundstückseignern. Seit einigen Wochen hängen auf dem Tüllinger Flyer aus, die Eigentümer von besonders wertvollen Parzellen dazu aufrufen, sich mit dem Projektteam in Verbindung zu setzten. Interessenten können bei einer gemeinsamen Grundstücks- begehung eine erste Beratung in Anspruch nehmen. Die Experten vom Umweltzentrum helfen auch gerne weiter, wenn es um die Vermittlung von Baumpflegekursen geht, die über die Projektpartner angeboten werden und für die es mitunter auch Fördergelder gibt, die in Anspruch genommen werden können.

Hoffnung, dass die Streuobstbestände am Tüllinger Berg in eine blühende Zukunft geführt werden können, schöpfen die Experten vom Truz auch aus einer Entwicklung, die sich seit einigen Jahren anbahnt. Immer mehr Leute sind daran interessiert eine Baumpatenschaft zu übernehmen. Dahinter steht oft der Wunsch, aus den süßen Früchten von Apfel, Birne oder Mirabelle Leckereien herzustellen. "Wir profitieren da ganz stark vom Trend zum Selbermachen", sagt Isabel Szabó. Als Gegenleistung übernehmen die Paten die Baumpflege, das Grundstück aber verbleibt im Eigentum der Besitzer.
Baumpaten: Wer sich für eine Baumpatenschaft auf dem Tüllinger interessiert, kann sich beim Trinationalen Umweltzentrum melden unter 07621/ 1614971. Oder per Mail an: nature@truz.de