Ein flächendeckender Europäer, den die AfD erschreckt und beunruhigt

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Sa, 15. Oktober 2016

Weil am Rhein

Bei den Weiler Gesprächen war am Donnerstag Ludwig Theodor Heuss zu Gast, der nicht nur über seinen berühmten Großvater Interessantes zu sagen hatte.

WEIL AM RHEIN (ads). "Ich trage einen großen Namen" – der Titel der SWR-Ratesendung mit Wieland Backes hätte auch als Motto über der 20. Ausgabe der Weiler Gespräche am Donnerstag stehen können. Mit Ludwig Theodor Heuss war auf Einladung der Weiler Bürgerstiftung und des SWR der Enkel des ersten deutschen Bundespräsidenten zu Gast.

Er erinnere sich nicht an seinen berühmten Großvater als Menschen, sagte Ludwig Theodor Heuss, der in Lörrach-Tumringen einen Teil seiner Kindheit verbrachte und in Basel lebt, zu Beginn auf eine entsprechende Frage des SWR-Moderators und Studioleiters Matthias Zeller. So erfuhren die gut 30 Besucher im Alten Rathaus, dass er bei dessen Tod gerade drei Jahre alt war. Er schätze aber vor allen Dingen die Vielschichtigkeit und den großen geistigen Horizont seines Großvaters, sagte er mit Blick auf den FDP-Politiker Theodor Heuss (1884 bis 1963), der von 1949 bis 1959 erster Bundespräsident der noch jungen Bundesrepublik Deutschland war. "Ich hätte es mit der deutschen Geschichte schlechter treffen können", konstatierte der 55-jährige Heuss-Enkel.

Sehr bewusst aber schlug Ludwig Theodor Heuss einen anderen beruflichen Werdegang ein, ist heute Professor der Medizin und Chefarzt der Klinik Zollikerberg in der Nähe von Zürich und nebenbei im Basler Schwabe Verlag, dem 1488 von Gutenberg-Schüler Johannes Petri gegründeten und damit weltweit ältesten Verlag, engagiert. "Ich wollte nicht Politik oder Geschichte studieren, sonst hätte ich mich wohl meinem Großvater zu stark verpflichtet gefühlt." Gleichwohl pflegt er das Andenken an Theodor Heuss als Vorsitzender der überparteilichen Theodor-Heuss-Stiftung, die nach dem Tod des früheren Bundespräsidenten 1964 auf Initiative von Heuss’ Sohn Ernst Ludwig Heuss gegründet wurde und sich mit Preisvergaben für bürgerschaftliches Engagement und Zivilcourage starkmacht.

Auch den Vater verlor Ludwig Theodor Heuss, der sich selbst als "spätes Kind" bezeichnet, bereits mit sechs Jahren. Ernst Ludwig Heuss war Direktor der Wybert GmbH in Lörrach sowie später der aus dieser entstanden Gaba AG für Zahnpflegeprodukte in Basel. Er habe wunderschöne Erinnerungen an seine Kindheit im Vogelsang in Lörrach, erzählte Ludwig Theodor Heuss. Anfang der 1960er-Jahre zog die Mutter, "eine starke Frau, die manchmal angeeckt ist", mit ihm nach Basel, wo sie als Musiklehrerin tätig war. Als Eidgenosse fühle er sich dennoch nicht. Vielmehr nannte sich Ludwig Theodor Heuss als Inhaber der deutschen wie der schweizerischen Staatsbürgerschaft augenzwinkernd einen "flächendeckenden Europäer".

Matthias Zeller, der gewohnt souverän und pointiert durch das Gespräch führte, entlockte Ludwig Theodor Heuss deutliche Worte zur aktuellen politischen Situation in Deutschland. So nannte Heuss, der im vergangenen Jahr in die FDP eintrat, das Erstarken einer rechtspopulistisch geprägten Partei wie der AfD "erschreckend und beunruhigend". "Ich hätte gedacht, dass man mehr aus der Vergangenheit gelernt hat", sagte Heuss. Warum er denn bei seiner familiären "Vorbelastung" erst 2015 in die FDP eintrat, wollte Zeller wissen. Hier erinnerte Heuss an liberale Vorbilder wie Ralf Dahrendorf und Hildegard Hamm-Brücher, die Mitbegründerin der Theodor-Heuss-Stiftung, die ihn früh geprägt hätten. Aber erst unter dem Vorsitz von Christian Lindner finde er sich in der FDP wieder. Ludwig Theodor Heuss erwies sich auch in Bezug auf sich selbst als eloquenten und immer wohlüberlegten Analytiker. Seine größte Schwäche sei seine Unsportlichkeit, seine größte Stärke vermutlich sein Organisationstalent, meinte er auf entsprechende Nachfrage.

Der Weiler Oberbürgermeister Wolfgang Dietz, Stiftungsratsvorsitzender und Initiator der Weiler Bürgerstiftung, dankte nach der rasch vergangenen Stunde des Gesprächs Ludwig Theodor Heuss für den Besuch und schloss ein Zitat von dessen Großvater an. "Der Bundespräsident geht jetzt nach Hause, aber der Theodor Heuss bleibt sitzen", habe der Politiker in geselliger Runde gelegentlich gesagt, und das konnte man durchaus auch als Aufforderung an seinen Enkel interpretieren, noch ein wenig dazubleiben.

Einen guten Grund dazu gab es Ludwig Theodor Heuss im Anschluss: Cornelia und Gerlinde Gräble aus Weil am Rhein, die früheren Nachbarskinder der Familie Heuss in Tumringen, zeigten ihm Fotos, auf denen er beim Spielen mit ihnen im Garten der Heuss-Villa zu sehen war.