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19. Juni 2017

Ein Plädoyer für das freie Künstlertum

Vernissage der Ausstellung "Skurril, aber auch schön" im Kunstraum Kieswerk in Weil am Rhein war ein Happening.

  1. Naoki Fuku bei seiner Mal-Performance im Kieswerk Foto: Roswitha Frey

  2. Naoki Fuku aus Tokio, Ania Dziezewska, Leon Dziemaszkiewicz und Volker Scheurer (von links) bei der Vernissage der Art Kieswerk Foto: Roswitha Frey

WEIL AM RHEIN. Ein buntes Kunstvölkchen tummelte sich am Freitagabend im Kunstraum Kieswerk, wo mit Staraufgebot, cooler Musik und spektakulären Performances die Ausstellung "Skurril, aber auch schön" eröffnet wurde. Gastgeber Volker Scheurer und seine Frau, die Malerin Ania Dziezewska, haben wieder internationale Künstler an diesem besonderen Kunst-Ort im Dreiländergarten zusammengebracht.

Es war ein Happening in lockerer Atmosphäre in diesem ehemaligen Industriedenkmal, das Scheurer in ein einzigartiges Kunst-Areal mit ausgebauter Galerie, Grotten, Säulenhalle, Krypta und Kunstschutzbunker verwandelt hat. Als illustrer Stargast war der berühmte Modeschöpfer "Manfred" Thierry Mugler aus Paris angereist, um die Eröffnungsansprache zu halten. Der Designer, der besonders in den 80er und 90er Jahren für seine extravagante Mode bekannt war, kam über private Kontakte zu dem Künstler Krzysztof Leon Dziemaszkiewicz zum Kunstraum Kieswerk.

"Er ist der Star neben der Kunst", sagte Scheurer über seinen prominenten Eröffnungsredner, der erst mal etwas auf sich warten ließ. In schwarzen Jeans, dunklem Hemd und Jacke im Military-Look trat der 68-Jährige auf die Bühne vors Mikrofon. Auf Englisch hieß er die Kunstfans willkommen in diesem "Märchenland" und "Künstlerland", wie er den Kunstraum bezeichnete. Die Modeikone hielt ein Plädoyer für das freie Künstlertum, für die Künstler, die mit Leidenschaft für eine bessere Welt, für Liebe, Freiheit und Wahrheit kämpften.

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Solche Künstler seien im Kieswerk anzutreffen: der japanische Maler Naoki Fuku, der mit Energie, Expressivität und Emotionalität zu Werk geht, der Performer Leon Dziemaskiewicz, der aus industriellem Abfallmaterial bizarre Figuren macht, Ania Dziezewska, deren Malerei wahrhaftig schön und kraftvoll sei, und Bildhauer Volker Scheurer, der mit seinen surrealen Bronzen viele Assoziationen weckt und an diesem Abend auch eigene Geschichten las.

Scheurer zeigte sich "sehr stolz", den legendären Modemacher bei der Art Kieswerk 17 dabei zu haben. Die lange Nacht auf dem Gelände hatte Festivalcharakter. DJ Yannick legte Musik im Sound von Kraftwerk auf, die visualisiert wurde. Auf der Bühne spielte das Dharmalarm Trio aus Basel um den Schlagzeuger Samuel Dühsler eine Mischung aus Free Jazz, Standards und Eigenkompositionen. Die Musiker improvisierten auch live zu der Mal-Performance von Naoki Fuku. Der Maler aus Tokio hatte eine große weiße Papierfläche auf dem Boden ausgebreitet und ließ vor den Augen der faszinierten Zuschauer in einer Art Action Painting mit japanischer Tusche ein abstraktes Bild entstehen. Erst zeichnete er in meditativer Haltung eine einfache Form, aus der sich ein Gesicht herausschälte. Dann wurden die Tuschestriche heftiger, eruptiver, explosiver, bald war die Bildfläche übersät von gestischen, impulsiven, herausgeschleuderten Linien. Entsprechend wurde das Spiel der Musiker immer heftiger, schneller, expressiver.

Ausgiebig flanierten die Vernissagegäste durch die Innen- und Außenräume. Dort sieht man von Naoki Fuku eine Serie von menschlichen Studien in Acryl und Tusche. Es sind Porträts und Gesichter von Frauen mit geschlossenen Augen und entrückt-melancholischem Ausdruck, die von einem dichten Netz und Gewirr an vehementen Linien und Punkten überlagert sind.

Der aus Danzig stammende und in Berlin lebende Leon Dziemaszkiewicz zeigt großformatige Figurenobjekte aus Recyclingmaterial: eine riesige schwarze lackierte Gestalt aus Draht, Gerüst, Klebestreifen mit wuchtigem Körper; die sitzende Figur "Europa" mit kariertem Anzug, Füßen und Händen aus Kabelbindern, die transparente Skulptur einer Schwangeren sowie das "Jumping Girl", eine grüne Frauenfigur im weißen Badeanzug, die in der Säulenhalle von der Wand in den Raum springt.

Ania Dziezewska setzt ihre Reihe von neoimpressionistischen, vielschichtigen, farbflirrenden Ölgemälden fort, abstrakte Naturimpressionen, die in geheimnisvolle Tiefen von Blau, Grün, Orange und Rot führen. Ihr neuestes Bild ist eine lichte Nebellandschaft, in der alles hinter einem diffusen grauen Schleier verborgen ist.

Volker Scheurer hat den Kunstschutzbunker in eine blaue Grotte verwandelt mit großformatigen Wandobjekten "Blue Lava" in leuchtendem Ultimativblau und Schwarz und reliefartigen Strukturen, die an geheimnisvolle Lava-Landschaften erinnern. Ähnliche Strukturen hat das monumentale Materialobjekt "Fell der Kreativität" an der Wand der Säulenhalle.

Zu später Stunde führte Leon Dziemaszkiewicz eine spektakuläre Performance auf, die einen Akt der Befreiung symbolisierte: Mit der Schere zerschnitt der Künstler seinen schwarzen Anzug, bis er nackt dastand, sich in Erde wälzte, mit einem orangefarbenen Tuch, einer Taschenlampe und einem Fächer aus langen Stäben zu einer lebendigen Skulptur wurde und in der Dunkelheit verschwand.

Autor: Roswitha Frey