Ganz viel vom ganz normalen Wahnsinn

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mo, 06. November 2017

Weil am Rhein

Reinhard Greßlin hat mit "Neurosige Zeiten" in seinem Regiedebüt ein vor Spielwitz nur so sprühendes Ensemble geformt.

WEIL AM RHEIN. Eine Wohngemeinschaft der besonderen Art steht im Mittelpunkt der turbulenten Komödie "Neurosige Zeiten", mit der die Brezelstädter Laienbühne am Freitag im vollbesetzten Weiler Theater am Mühlenrain einen durchschlagenden Publikums- und Lacherfolg feierte. Tam-Chef Klaus-Peter Klein freute sich "riesig", dass die Kanderner Theatergruppe nach zweijähriger Pause wieder wie gewohnt im Herbst auf der Tam-Bühne spielt und denn auch gleich das Publikum begeisterte.

Die Premieren-Aufführung wurde höchst amüsant, denn Reinhard Greßlin hat es in seinem Regiedebüt geschafft, aus einer bunt zusammen gewürfelten Gruppe ein vor Spielwitz nur so sprühendes Ensemble zu formen: Bewährte Stamm-Schauspieler der Brezelstädter, Neuzugänge und sogar Bühnenneulinge agieren in diesem neu formierten Ensemble so pointensicher und mit so viel Gespür für die Charaktere, dass es ein großes Vergnügen ist. Neu-Regisseur Greßlin sorgt für temporeiches Spiel, einfallsreiche Szenen und viel Situationskomik in diesem Zweiakter von Winnie Abel, die er am Schauplatz Weil ansiedelt und mit Lokalkolorit anreichert.

Es sind lauter liebenswert skurrile Typen, die sich auf der Bühne tummeln. Die wahnwitzige Verwechslungskomödie dreht sich um Agnes Adolon, Tochter aus reichem Haus, die ständig auf Männerfang ist. Ihrer Familie gaukelt sie vor, sie lebe in einer mondänen Villa und sei eine erfolgreiche Geschäftsfrau, in Wirklichkeit ist sie zur Therapie in einer offenen Wohngruppe der Psychiatrie. Als sich die werte Frau Mama zum Überraschungsbesuch ankündigt, versucht Agnes die Wohnung in eine "schicke Hütte" zu verwandeln und ihre Mitbewohner, die alle ihre Eigenheiten haben, müssen bei der Vertuschungsaktion mitspielen – was zu den komischsten Verwicklungen, Heimlichtuereien und Täuschungsmanövern führt.

In einem Hauch von Spitze, mit modischen Tattoos, räkelt sich Anja Dietz als Agnes auf dem Sofa und liest ein heißes Magazin. Doch kaum steht die Frau Mama vor der Tür, verwandelt sich die freizügige erotiksüchtige Agnes in eine Karrierefrau im strengen Businesskostüm, um den Schein zu wahren. Als elegante Dame von Welt, mit mondänem Touch und einem Hauch Snobismus, spielt Brigitte Pankratz die Madame Cecile Adolon, die sich über die seltsamen Personen und Geschehnisse im vorgeblichen Haus ihrer Tochter wundert. Oliver Kugel gibt trefflich in Mimik, Gestik und Verhalten den überkorrekten, peniblen Finanzbeamten Hans, einen Ordnungsfanatiker mit Putz- und Kontrolltick, der zwanghaft alles putzt, abstaubt und überprüft. Um das Verwirrspiel noch zu steigern, gibt Agnes den akkuraten Hans als ihren Verlobten aus.

Hinreißend in der Mischung aus Naivität und aufgedrehter Schwärmerei spielt Nadja Rüsen die Marianne, die sich einbildet, die große Liebe des Schlagerstars Hardi Hammer zu sein und ihren Traummann bis ins Haus verfolgt hat. Kein Wunder, dass die maßlos verliebte Stalkerin völlig aus dem Häuschen ist, als ihr Idol plötzlich leibhaftig vor ihr steht. Einen Reporter von der Boulevardpresse im Schlepptau, taucht der angehimmelte "Schlager-Heini" in der Wohngruppe auf. "Was tut man nicht alles für eine Titelgeschichte", setzt sich Karl-Heinz Rattka als Volksmusikheld Hardi in Pose, ganz auf telegenen Show-Star gepolt mit Sonnenbrille, Hut und Schal. Bei der Begegnung mit seinem größten Fan Marianne zeigt sich indes, dass in Hardys Show-Welt vieles vorgegaukelt und falscher Schein ist.

Auch die anderen Bewohner der Therapie-Wohngruppe werden in das Verwirrspiel hineingezogen: Björn Seider gibt mit Baskenmütze und verkleckstem Maler-Hemd überzeugend den jungen Künstler Domian, der sich an der Staffelei in rauschhaft-kreativen Phasen austobt. Ein berührendes Rollenporträt gelingt Sebastian Lenz als schüchternem, menschenscheuem Willi, der Angst vor Fremden hat und ständig in verfängliche Situationen stolpert. Iris Neubert als strenge Frau Doktor im weißen Kittel, Johanna Rütschle als "Tupper-Tante", die sich mit ihrer Tupper-Party verirrt hat, und Wolfgang Roßkopf als fröhlich-jovialer Beschäftigungstherapeut mischen das Tollhaus munter auf. Am Ende wartet manche überraschende Wendung auf die Zuschauer, denn Madame Adolon aus besseren Kreisen entpuppt sich als männermordender Vamp und Volksmusikstar Hardi als netter Typ, mit Herz für die "Chaostruppe".

"Super gespielt", lauteten die begeisterten Kommentare der Premierenbesucher über die Darsteller, die ihre Figuren mit all ihren Problemen und Eigenheiten so liebenswert mit spürbarer Spielfreude und emotionaler Nähe rüber brachten. Regisseur Greßlin machte seiner Truppe auf offener Bühne das größte Kompliment: "Ihr seid die Besten! Das war oscarverdächtig".

Weitere Vorstellungen am 10., 11., 17.,18., 19., 24.,25. 26. November, 1.,2., 3. Dezember, 20.15 Uhr, sonntags 19.15 Uhr. Karten: Tel. 0174 7531249