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10. März 2017

Keine Angst, sich immer wieder neu zu erfinden

Mit der Übernahme eines Malerbetriebes in Lörrach begann auch das künstlerische Leben von Erwin Sütterlin, der als Theatermacher auch Weils Kulturleben prägte.

  1. Fast drei Jahrzehnte lang war Erwin Sütterlin der Motor des von ihm gegründeten Theaters am Mühlenrain. Heute Abend übergibt er die Leitung der inzwischen der Stadt gehörenden Bühne an Klaus-Peter Klein. Foto: Lauber

WEIL AM RHEIN. 28 Jahre lang hat Erwin Sütterlin sein Theater am Mühlenrain (Tam) geführt und beim Publikum damit großen Erfolg gehabt. Nun geht diese Zeit zu Ende. Seit dem 1. März gehört das Tam der Stadt Weil am Rhein, Klaus-Peter Klein übernimmt als Pächter die Theaterleitung. Heute Abend findet die feierliche Übergabe im Theater statt. Grund genug für die BZ, sich von Erwin Sütterlin noch einmal erzählen zu lassen, wie alles anfing.

Wer glaubt, die Sütterlins hätten eine besondere künstlerische Ader gehabt, der liegt falsch, versichert Erwin Sütterlin. Er, der 1936 in Altweil geboren wurde und mit sieben Geschwistern aufwuchs, hatte zunächst nur im Sinn, was andere Buben auch im Sinn hatten: Forellen fangen und Fußball spielen. Immerhin, er fiel schon in der Hebelschule durch gute Leistungen auf, wechselte dann an die Leopoldschule in die Sprachklasse. Schließlich schlug man ihn vor für die "höhere Schule", aber Erwin wollte nicht: "Ich habe lieber Blödsinn gemacht."

Ohnehin hätten ihn seine Eltern auch nicht sonderlich gefördert, eher gebremst. Was ihm die Mutter aber möglicherweise mitgegeben hat, war ein Hang zum Widerstand, eine Neigung dazu, seinen eigenen Weg zu gehen. Die Mutter, die daheim der dominante Part war, habe ein gutes Gespür gehabt, sei gegen Hitler gewesen und habe daraus auch keinen Hehl gemacht. So scheute sie sich nicht, über die Grenze hinweg mit den Schweizer Bekannten zu reden, obwohl das verboten war. Dem Vater verbot sie, in die Partei einzutreten, der ältere Bruder durfte nicht ins Jungvolk.

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Für Erwin schlug die Mutter eine Laufbahn bei Post oder Bank vor. Doch Erwin war wenig begeistert. Als aber die Maler ins Haus bestellt wurden, war ihm schlagartig klar: Das will ich machen, da hab ich mehr Freiheiten, muss nicht so präzise arbeiten wie etwa ein Schreiner. So kam’s jedenfalls, dass der junge Mann eine Ausbildung als Dekorationsmaler beim Weiler Malermeister Karl Zäh machte und dabei erstmals auch künstlerische Impulse erhielt. Zur Ausbildung gehörte nämlich auch das Vergolden und Schriftenmalen.

Erst war er Dekorationsmaler, dann Galerist

Nach Gesellen- und Meisterprüfung zog es Erwin Sütterlin 1960 in die Ferne. Er fand Anstellung in München, wurde Geschäftsführer eines Malerbetriebs, kam aber schon bald wieder zurück nach Weil, wo er sich 1961 selbständig machte und in einem alten Viehstall seine Werkstatt einrichtete. Nur ein Jahr später gab er das Weiler Domizil aber auf und übernahm in Lörrach die Werkstatt Schwärzel im Riesgässchen. Und dort bot ihm der frühere Ratsschreiber Walter Jung, der als Verwalter des Anwesens tätig war, auch die darüber liegende Wohnung zur Miete an.

Dort begann Erwin Sütterlins künstlerisches Leben. Ein Zimmer wurde zum Büro, die übrigen drei Räume machte er zur Galerie – damals gab es in Lörrach nur die Galerie Kost – und begann Heimatmaler auszustellen. Wie kam’s dazu? Ganz einfach, sagt Sütterlin, er habe in Lörrach als Maler kaum Gelegenheit gehabt, sich kreativ zu betätigen: "Da war einfach zu wenig, das mich befriedigt hat." Später mietete er auch noch einen Anbau an der Werkstatt zur Badstraße hin dazu, der einen Gewölbekeller hatte. Weil aber Galerien inzwischen sehr "in" waren, entschied er sich schon bald, wieder etwas ganz anderes zu machen und ein Theater im Keller einzurichten. Mundartdichter Manfred Marquardt riet ihm zwar ab: "Lass das, du hast doch keine Ahnung." Doch er ließ sich nicht beirren.

Prominente Kleinkünstler gingen fortan bei Sütterlin ein und aus, Gerd Fröbe etwa, Hans-Dieter Hüsch oder Franz Hohler. Später holte er die Theatergruppe s’Bühneli in sein Theater oder die Brezelstädter Laienbühne und startete die beliebte Reihe der Dämmerschoppen mit Variété. Verdient habe er mit all dem nichts, sagt Sütterlin. Sein Steuerberater habe ihm stets geraten, lass’ es doch. Das änderte sich auch 1989 nicht, als er dem in arg beengten Verhältnissen angesiedelten Theater im Riesgässli Lebewohl sagte und im Weiler Mühlenrain ein altes Anwesen erstand. Zunächst fanden die Theatervorstellungen dort ebenfalls in einem Gewölbekeller statt – wo heute das Tam-Beizli seinen Sitz hat. Erst ein Jahr später war das benachbarte landwirtschaftliche Anwesen so weit hergerichtet, dass das Theater am Mühlenrain in viel großzügigere Räume umziehen konnte.

Mit dem Engagement prominenter Namen war es in Weil jedoch vorbei. Wieder einmal setzte Sütterlin auf eine neue Strategie. Er wollte Theateraufführungen auch im Freien anbieten. Weil es wegen der Wetterabhängigkeit aber schwierig war, Gruppen zu finden, entschied Sütterlin schließlich: "Dann machen wir’s halt selber." Schließlich bot er einen Theaterkurs an, der auf große Resonanz stieß. 30 Teilnehmer meldeten sich an, so entstand die Tam-Theatergruppe. Und weil es immer wieder Probleme mit Regisseuren gab, nahm Sütterlin schließlich auch die Inszenierung in die eigene Hand. Und bald wechselte die Truppe vom Hochdeutschen zur Mundart, was für Sütterlin bis heute ein Garant des Erfolges ist.

Nun hat er Zeit für all seine Hobbys

Seither hat er drei Theaterteams aufgebaut. Sein Nachfolger Klaus-Peter Klein war von Anfang an dabei. Der größte Erfolg war das Stück "Di blaui Muus", das 40-mal gespielt wurde. Derzeit läuft die Komödie "Häxxeschüss", die wegen des großen Erfolgs noch einmal verlängert wurde. Ob Erwin Sütterlin aber künftig auch noch Regie führen und in kleinen Rollen zu sehen sein wird, steht noch dahin. Das sei Sache des neuen Theaterleiters, sagt Sütterlin, aber: "Wenn ich gefragt werde, bin ich wieder dabei."

Ansonsten freut sich Erwin Sütterlin nun aber auf ruhigere Tage und nimmt daher "mehr mit einem lachenden, denn mit einem weinenden Auge" Abschied vom Tam. Denn nun sei er die ganze Verwaltungsarbeit los, "die ich nicht so gern gemacht habe". Dafür hat er nun Zeit, um seinen zahlreichen Hobbys zu frönen. Sütterlin spielt, seit er 18 Jahre alt ist, Klavier und er hat sich vor fünf Jahren auch noch das Gitarrenspiel beigebracht. Außerdem will sich Sütterlin den Sprachen widmen, er hat Kenntnisse in Französisch, Englisch und Spanisch. Und er ist ein leidenschaftlicher Koch, wobei fast nur vegetarische Kost auf den Tisch kommt, allenfalls Fisch: "Die Tiere tun mir leid." Außerdem macht er jeden Tag Gymnastik und fährt gerne mit dem Velo.

Autor: Hannes Lauber