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28. Januar 2012
"Kinder sind total gierig zu lernen"
BZ-INTERVIEW: Karl Gehweiler zum Plan, unter dem Dach des Gesangvereins Weil einen dritten Kinderchor ins Leben zu rufen.
WEIL AM RHEIN. Allenthalben wird vom Sterben der Chöre gesprochen. In Altweil plant Dirigent Karl Gehweiler, unter dem Dach des Gesangvereins Weil nun einen dritten Kinderchor zu gründen. Ulrich Senf unterhielt sich mit dem vielseitig engagierten Musiker.
BZ: Was ist das Erfolgsrezept Ihrer Kinderchorarbeit?Gehweiler: Das lässt sich nicht so einfach auf einen Punkt reduzieren. Der Bereich der Kinder- und Jugendchöre nimmt eine sehr erfreuliche Entwicklung, so dass wir seit langem auf Werbung verzichten, um nicht gänzlich aus den Nähten zu platzen. Aber natürlich machen wir mit unseren Auftritten auf uns aufmerksam. Das Wichtigste ist aber, dass die Kinder Spaß an dem haben, was ich mit ihnen mache und das scheint derzeit einfach zu funktionieren.
BZ: Wie wichtig ist dabei die Auswahl der Lieder?
Gehweiler: Ich schaue, dass die Liedtexte spielerisch mit der Sprache umgehen. Die Frage, ob das ein Popsong oder ein klassisches Lied ist, spielt eine kleinere Rolle. Vor einiger Zeit war ein Brahmslied der absolute Hit unter den Kindern. Das Wichtigste ist, dass etwas Kindgerechtes geboten wird. Dann sind die Kinder total gierig, zu lernen. Für mich bedeutet das, dass ich mich sehr genau vorbereiten muss. Kinder spüren sofort, wenn da etwas nicht richtig rüber kommt.
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BZ: Und wie motiviert man die Kinder?
Gehweiler: Ich setzte sehr auf Interaktion zwischen den Kindern. Wenn sie sich gegenseitig beobachten, sich vordirigieren und anfangen, aufeinander zu reagieren, dann läuft der Rest fast von alleine.
BZ: Erzeugt das aber nicht auch eine ungute Konkurrenz zwischen den Kindern?
Gehweiler: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder sich selbst sehr genau einschätzen können und die Leistung anderer respektieren – viel besser als Ältere. Da lassen sich Begabungen entdecken, die ich gezielt fördere und für die Kinder ist es ein Erlebnis, wenn sie ihre sprachlichen Fähigkeiten im Lied schulen.
BZ: Welche Bedeutung haben die jährlichen Singspiele?
Gehweiler: Die gehören sicher zu den Höhepunkten mit einer enormen Außenwirkung. Derzeit bin ich bei der Auswahl für das nächste Stück und das ist gar nicht einfach, da ein Stoff für Kinder intelligent genug sein und einen aktuellen Bezug haben muss, damit wir was daraus machen können. Um die Stücke dann musikalisch aufzupeppen, arrangiere ich inzwischen viele der Stücke speziell für uns.
Gehweiler: Die Frage lässt sich auf den gesamten musischen Bereich ausdehnen. Wir spüren auch an der Musikschule ein steigendes Interesse. Es ist heute vielen Eltern bewusst, dass die allgemeine Musikalisierung ein wichtiger Aspekt des Menschwerdens ist – dafür hat auch der Pisa-Schock gesorgt. Was nun in den Grundschulen als Basis gelegt wird, erreicht viel breitere Schichten als früher.
BZ: Welche Bedeutung messen Sie Castingshows wie Deutschland sucht den Superstar oder das Supertalent bei?
Gehweiler: Deren Wirkung ist nicht zu unterschätzen. Gerade die Älteren im Chor wissen alles über die Kandidaten. Das verringert die Hemmschwelle, sich zu produzieren. Sie lassen die Kinder und Jugendlichen erleben, dass jeder scheinbar alles erreichen kann, wenn er sich anstrengt. Jedoch kann vor einer Jury nur eine gute Leistung bestehen.
BZ: 35 Mädchen und Jungs im Kinderchor, 21 im Jugendchor, aber nur 35 Sängerinnen und Sänger im Hauptchor, inklusiv der Singgemeinschaft Lörrach – wo bleibt der Gewinn für den Gesangverein?
Gehweiler: Der Kinder- und Jugendbereich ist die größte Abteilung im Chor und die "Senioren" sind mächtig stolz auf diese Abteilung. In einem modernen Verein ist es ganz wichtig, dass es diese verschiedenen Bereiche gibt. Bei uns ergänzt sich das ja noch durch den Chor ’08 "VoicesInMotion". Allen ist bewusst, dass es keinen nahtlosen Übergang zwischen den Abteilungen gibt. Einfach die Generation, die über 60 Jahre alt ist, mit den Kindern zusammenzuwürfeln, das geht im täglichen Probealltag nicht.
BZ: Heißt das, dass die Kinder- und Jugendarbeit dem eigentlichen Gesangverein gar nicht so viel bringt?
Gehweiler: Das sehe ich nicht so. Was sich inzwischen immer häufiger ergibt, ist, dass ehemalige Chorsängerinnen als Mütter nun ihre Kinder zum Chor bringen und dann auch selbst wieder einsteigen. Und mit der Krönungsmesse haben wir gezeigt, dass wir alle zusammen singen können. Der 37-köpfige Chor ’08 "VoicesInMotion" hat mit seinem stimmlichen Vermögen übrigens maßgeblich die hervorragende Leistung getragen. Das schafft Identität für den Verein.
BZ: Sie sorgen sich da also nicht um den Fortbestand des Gesangvereins nach inzwischen 175 Jahren?
ZUR PERSON: KARL GEHWEILER
Der 55 Jahre alte Musiklehrer und stellvertretende Leiter der städtischen Musikschule hat 1996 als Dirigent des Gesangvereins Weil den Altweiler Kinderchor ins Leben gerufen. Inzwischen hat der sich in einen Kinder- und einen Jugendchor aufgeteilt. Gehweiler dirigiert zudem den Gospelchor Sankt Josef Rheinfelden.
Autor: us
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