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11. August 2017

Mehr staatliche Förderung gewünscht

Bezahlbarer Wohnraum beschäftigt Verwaltung, Politik und die Bürger / Podiumsdiskussion zeigt: Stadt kann wenig Einfluss nehmen.

  1. Andreas Heiler, Gerhard Zickenheiner, Martin Fischer und Christoph Huber (von links) diskutierten. Foto: Mink

  2. Die Baulandpreise steigen an – damit auch die Mieten. Foto: SymbolbiLd: Armin Weigel/DPA

WEIL AM RHEIN. Exorbitante Mietpreise und 50 Bewerber für eine Wohnung: Weil am Rhein hat zu wenig bezahlbaren Wohnraum, nicht zuletzt, weil der Bund die Förderung von Sozialem Wohnungsbau lange vernachlässigt hat. Dennoch macht die Stadt vieles richtig, so stellt sie etwa Bauland per Erbbaupacht zur Verfügung, um Baukosten und damit Mieten zu senken.

Rund 20 Personen waren am Mittwoch zu einer von den Grünen initiierten Diskussion zum Thema Wohnraum gekommen. Auch in Weil sind 15 Euro Kaltmiete im Neubau keine Seltenheit. Das beschäftigt die Stadt, die darauf aber nur wenig Einfluss habe, wie Erster Bürgermeister Christoph Huber sagte. Denn 80 Prozent der Mietwohnungen seien in privater Hand, den Rest teilen sich die Baugenossenschaft Haltingen-Weil und die Städtische Wohnbaugesellschaft.

Nur auf Letztere hat die Stadt Einfluss, und hier gibt es günstigen Wohnraum. Im Schnitt verlangt die Wohnbau eine Kaltmiete von 5,71 Euro pro Quadratmeter, berichtete Geschäftsführer Andreas Heiler. Die teuerste Miete beträgt 7,89 Euro. Entsprechend groß ist die Nachfrage: Wenn die Wohnbau eine Wohnung ausschreibt, melden sich 40 bis 50 Interessenten. "Die Genossenschaften tragen dazu bei, die Mietpreise abzumildern", betonte Gerhard Zickenheiner, Architekt und Bundestagskandidat der Grünen. Aber im sozialen Sektor gab es in den vergangenen Jahren wenig Bautätigkeit. Der Bauboom der jüngsten Zeit habe zur Folge, dass man kaum Handwerker finde und diese hohe Preise verlangen würden. "Wir sind Teil einer Großstadt", sagte Zickenheiner in Anspielung auf Basel. Von 2000 bis 2007 seien die Baulandpreise um 40 Prozent gestiegen, seitdem nochmals um 30 Prozent, sagte er. Die Grundstückspreise seien weit jenseits dessen, was ein Grundstück Wert sein kann, meinte Huber.

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Was auch zur Verteuerung beiträgt: Die Menschen beanspruchen immer mehr Wohnraum. 1955 hatte ein Bürger 16 Quadratmeter zur Verfügung, heute sind es 46 bis 49. Weil aber die Flächen knapp sind, werden sie teurer. Auch die veränderten Baunormen verteuern das Bauen, und darunter fällt nicht nur die Energieeinsparungsverordnung, die Zickenheiner zur Einhaltung der Klimaziele für notwendig hält. Obwohl die Materialien besser geworden sind, muss heute viel stabiler gebaut werden.

Die Bautätigkeit ging in Baden-Württemberg seit Mitte der 1990er Jahre um 80 Prozent zurück, berichtete Huber. Entgegen der Prognosen ist die Bevölkerung in Weil aber gestiegen, weil die prosperierende Region ein Zuzugsgebiet ist. Die Statistiker glaubten, Weil werde 2012 mit 30 024 Einwohnern den höchsten Stand erreichen. Heute hat die Stadt mehr als 31 200 Einwohner. Weil hat bezogen auf die Fläche eine höhere Einwohnerdichte als Lörrach, Konstanz und Freiburg. In der Stadt sind derzeit 372 neue Wohnungen genehmigt, in Planung oder als Bauantrag vorliegend, rund 50 Prozent davon werden laut Huber Mietwohnungen.

Die Stadt stellt nun der Wohnbau Bauland im Wege der Erbaupacht zur Verfügung, in der Schweiz ist das schon lange üblich. Zickenheiner lobte die Erbbaupacht ebenso wie das Basler Gesetz, nach dem Boden gar nicht mehr verkauft werden darf, um ihn der Spekulation zu entziehen. Aber solche Maßnahmen könne sich nicht jede Kommune leisten. Zuhörer berichteten von Rentnern, die keine bezahlbare Wohnung fänden. Ein Ehepaar würde gerne in eine kleinere Wohnung ziehen und seine große einer Familie frei machen, aber sie finden keine Wohnung, die sie bezahlen können.

Zickenheiner hält einen Wechsel der Mentalität für nötig, weg vom Einfamilienhaus und hin zu Wohnungen in Geschossbauten. Verteuert wird Bauen auch durch die Forderung nach Stellplätzen, die meist in Tiefgaragen gebaut werden, wo ein Platz 22 500 Euro kostet. Zickenheiner und Huber hielten es für sinnvoll, wie in der Schweiz weniger Stellplätze vorzuhalten, dafür den öffentlichen Nahverkehr stärker zu fördern und auszubauen. Auch die Bauweise mit vorgefertigten Modulen kann Bauen billiger machen.

Eine vorgeschriebene Quote für den Bau von Sozialwohnungen hält Huber nicht für zielführend, mit Zickenheiner ist er der Meinung, der soziale Wohnungsbau müsse von staatlicher Seite besser gefördert werden, denn heute lege der Bauherr dabei drauf.

Autor: Thomas Loisl Mink