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21. April 2017

Streifzug durch die Streetart-Geschichte

Der Künstler und Kurator Stefan Winterle zeigt in der Basler Galerie Artstübli die Einzelausstellung "Pfadansichten".

  1. „Boarder Control“ aus dem Jahr 2016 Foto: privat

  2. Stefan Winterle Foto: B. Ruda

Auf seinen aktuellen Werken schickt Stefan Winterle die Betrachter auf einen Spaziergang entlang einer Straße, der auch so etwas wie ein Streifzug durch die Streetart-Geschichte ist. Man passiert Garagentore, einen Kaugummiautomaten, Straßenlaternen, eine Klimaanlage, einen Transportsprinter, auf den ein Kollege – wie es in großen Städten wie London und Paris gerade Usus ist – ein Style-Writing hinterlassen hat. Mit den Augen des Künstlers sieht man die Kürzel seiner Stadt. Neben Graffiti- und architektonischen Elementen gehört dazu auch Persönliches wie der gesprayte Namen des Hundes von Stefan Winterle. Schließlich taucht eine Andeutung von Politischem auf, auch wenn der Künstler für die Ausstellung "Pfadansichten" in der Galerie Artstübli in Basel Abstand von allzu plakativen Sujets genommen hat.

Eine Demonstration mit Polizisten und Einsatzfahrzeugen lässt der Künstler auf seinem Pfad nicht aufmarschieren, münzt aber sein vor einem Jahr wirklich an einer Mauer in Marseille gespraytes "face palmar" auf die derzeitig verwirrende politische Situation um. Damit greift er ein Motiv aus der Kunstgeschichte auf – den "Denker" von Auguste Rodin –, lässt die Hand des Mannes sich aber nicht auf Kinn und Nase aufstützen, sondern die Augen bedecken. Die Motive hat er auf Pflastersteine und großporige Betonteile aus dem Straßenbau aufgebracht – ein billiges, bekanntes Material. Über sieben Meter zieht sich das zentrale Werk der Ausstellung hin – ein Diarama mit einem Graffiti-Märchen. Ein Detail darauf kann auch mal nur drei Zentimeter hoch sein.

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Seit 15 Jahren arbeitet der in Ötlingen wohnende Künstler mit der Technik des Schneidens und Lackierens von Schablonen, aus denen er fotorealistische Motive malt. Doch noch nie gelang ihm das so filigran wie neuerdings. Ein Jahr musste er sich zurückziehen, um autodidaktisch den Workflow mit dem Laser zu erlernen und seinen "Werkzeugkasten", der wie seine Bildersprache aus den Anfängen stammt, zu modernisieren. Mit dem Bildträger Beton knüpft er ebenso an die Wurzeln an, als er ganz klassisch nachts seine Werke in urbanen Verwinkelungen und Ecken hinterließ. Winterle kommt nicht von der Kunstakademie, sondern aus der triregionalen Graffiti-Bewegung, also von der Straße, wobei er da keine großen Unterschiede ausmacht. Die Straße war, wie er sagt, eine gute Schule. Statt von Professoren bekommt er von Kollegen und Publikum das wichtige Feedback.

Heute arbeitet er im Atelier und packt nur, wenn er verreist, Schablonen und ein paar Spraydosen ein, um irgendwo etwas zu malen. Als Winterle mit seiner Kunst begann, hatte die Streetart noch ein Schmuddelkind-Image. Selten hat sich damals ein Kunstverein und erst recht kein Galerist getraut, solche Werke auszustellen, und auch ein Atelier war schwierig zu bekommen. Das berücksichtigt er bei seiner Aufgabe als Kurator der Colab-Gallery (ehemals Carhartt-Gallery) in Weil-Friedlingen. Diese aufwändige Arbeit hat er, als er sie von seinem verstorbenen Künstlerfreund Sigi von Koeding alias DARE übernahm, sehr unterschätzt.

Bei den zahlreichen Dossiers, die täglich bei ihm eintrudeln, achtet er darauf, dass der Bewerber auch auf der Straße gelernt hat. "Die Jungen abholen und fördern" versteht Stefan Winterle als Auftrag. Also Künstler, die ausgestellt werden sollten, nicht ausstellen – am Besten, bevor sie den großen Sprung machen. Seit der Londoner Künstler Banksy die Streetart hoffähig machte und die Türen der Museen eintrat, hat sich ein vielfältiges Spektrum entwickelt und das lebendigste aller Gegenwartsrichtungen. Stefan Winterle, 2011 mit dem Markgräfler Kunstpreis ausgezeichnet, ist ein gewichtiger Vertreter.

"Pfadansichten": Galerie Artstübli, Steinentorberg 28, Basel; Vernissage: heute, Freitag, 21. April, 17 bis 21 Uhr (der Künstler ist anwesend); Öffnungszeiten bis 27. Mai: Donnerstag/Freitag 11 bis 18 Uhr, Samstag 14 bis 18 Uhr

Autor: Barbara Ruda