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16. September 2016

Wo individuelles Tun zur kollektiven Kunst wird

Florian Mehnert macht mit "Freiheit 2.0" Big Data zum Erlebnis.

Big Data – jeder ist ein Teil davon, sei es beim Tastenklick am PC, beim Telefonieren, beim Scrollen im Smartphone, als Nutzer des Navigationsgeräts oder spielerisch auf der Suche nach dem Pokémon. Aberwitzige Datenmengen laufen sekündlich über Server und hinterlassen dort, gewollt oder ungewollt, Spuren. Was dem Individuum in seiner scheinbaren Banalität kaum Beachtung wert ist, summiert sich zu einem unverwechselbaren Fingerabdruck der Gesellschaft – so wertvoll, dass er ganz im Verborgenen inzwischen zu einer begehrten Handelsware, einem millionenschweren Geschäft für Konzerne und Trendforscher geworden ist. Dieses Verborgene ans Tageslicht, regelrecht auf die Straße heraus zu holen, hat sich der Waldkircher Künstler Florian Mehnert mit seinem Projekt "Freiheit 2.0" auf Einladung des Weiler Kunstvereins vorgenommen.

Plakativ, in grellen Neonfarben durchzieht seit wenigen Tagen ein immer dichter werdendes Netz von Linien die Stadt Weil am Rhein. Die Linien verbinden 13 Geschäfte entlang der Hauptstraße sowie acht weitere Orte im benachbarten Frankreich, in Riehen und in Basel mit dem "Büro der Freiheit", das Mehnert in der städtischen Galerie Stapflehus in Altweil bezogen hat.

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Farbenfrohe Datenverbindungen

Subtil sind demgegenüber die Veränderungen, für die die farbenfrohen "Datenverbindungen" an den Geschäften gesorgt haben. Da hat sich der Begriff der Freiheit in die vertrauten Firmenlogos der Teilnehmer hineingeschlichen. Trotz teils meterhoher Lettern erwischt sich der Betrachter immer wieder dabei, an der Freiheit einfach achtlos vorbeigelaufen zu sein und die Veränderung in den Namen schlicht übersehen zu haben – womit Künstler Florian Mehnert dann gar nicht mehr so subtil die Frage nach der Achtung und Wertschätzung stellt, die wir der Freiheit entgegenbringen.

Faszinierend wird Mehnerts Spiel mit der Big Data dort, wo er einlädt, das ganz individuelle Tun, in ein kollektives Kunstwerk einzubringen. Eine App macht es möglich, dass alle 30 Sekunden die Standortdaten jedes Teilnehmers abgerufen werden (selbstverständlich anonymisiert). Im Büro der Freiheit werden diese Daten visualisiert und entfalten eine ganz eigene Ästhetik – banale Informationen verstricken sich zu einem dichten Netz über die Stadt Weil am Rhein bis weit ins Umland hinaus, in dem sich die Erzeuger regelrecht zu verheddern scheinen.

Das Stapflehus soll in den kommenden vier Wochen, die partizipative Kunstinstallation startet morgen, Samstag, und endet am 16. Oktober, aber nicht nur Date und Steuerungszentrale sein. Florian Mehnert lädt dort in der kommenden Woche täglich ab 15 Uhr ein, die Ausstellung mit den drei großen Videoprojektionen zu besuchen und mit ihm ins Gespräch zu kommen. Zudem ist das Stapflehus Ort der hochkarätig besetzten Kolloquien zu ganz verschiedenen Aspekten von Big Data.

Eröffnung der Kunstaktion "Freiheit 2.0" ist am Samstag, 17. September, um 18.30 Uhr im Stapflehus. Die App "Freiheit 2.0" kann im Appstore und bei GooglePlay kostenlos heruntergeladen werden.

Weitere Infos und das vollständige Porgramm der Kolloquien unter http://www.freiheit.florianmehnert.de

Big Data-Kolloquien

Samstag, 17. September

13 Uhr: Auf den Spuren von Daten – Künstlerische Sichtungen im Unsichtbaren digitalisierter Alltäglichkeit
Christa Karpenstein-Essbach ist apl. Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Mannheim.

15 Uhr: Manipulation durch Datenauswertung
Benjamin Kees studierte Informatik und Ingenieurpsychologie. Er ist Vorstandsmitglied im Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF e.V.)

16 Uhr: Freiheit in der nächsten Gesellschaft
Andreas Leo Findeisen lehrte nach dem Studium von Philosophie und Komposition am Institut für Kulturphilosophie und Medientheorie, Akademie der bildenden Künste Wien.

17 Uhr: Diskussion mit den Referenten und Künstler Florian Mehnert

Sonntag, 18. September

14 Uhr: Auf den Spuren von Daten (Vertiefung mit Prof. Christa Karpenstein-Essbach)

15 Uhr: Manipulation durch Datenauswertung (Benjamin Kees)

16 Uhr: Die nächste Gesellschaft (Vertiefung von Andreas Leo Findeisen)

17 Uhr: Diskussion mit den Referenten und Künstler Florian Mehnert

Montag, 19.September:

18.30 Uhr: Könnte eine soziale Revolte Einfluss auf Big Data nehmen? Interaktive Diskussion mit Florian Mehnert und Andreas Leo Findeisen

Büro der Freiheit: Alle Veranstaltungen finden in der städt. Galerie Stapflehus, Weil am Rhein, Bläsiring 10 statt.  

Autor: us

Autor: Ulrich Senf