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26. Juni 2012

... weil Kultur uns Zukunft gibt

Das Publikum sang für die Musiker: Das SWR-Sinfonieorchester mit François-Xavier Roth und dem Pianisten Kirill Gerstein.

  1. Kirill Gerstein Foto: Borggreve

Till Eulenspiegel, dazu die Geschichte vom einarmigen Pianisten und die humane Züge zeigende Marionette Petruschka: In summa ist das doch ein Fest eher der Außenseiter. Gefeiert wurde es nun beim finalen Freiburger Saisonkonzert des SWR-Orchesters. Jenes Top-Klangkörpers, der an diesem Abend so exzellent spielte, als ginge es um sein Leben.

Genau dem ist ja so: Vom "Orchester in sehr schwieriger Zeit", wobei selbst die Vokabel "tot" nicht fehlte, sprach Chefdirigent François-Xavier Roth, ehe er im stark frequentierten Freiburger Konzerthaus in einem eindringlichen Appell ("Wir brauchen euch") um Mitstreiter im Kampf gegen das banausische Sparszenario des Intendanten warb. Sympathie blieb dem Orchester und seinem Dirigenten nicht versagt: "Das muss bleiben, lasst uns singen, weil Kultur uns Zukunft gibt", sang das in der Pause mit Liedblättern versorgte Auditorium frei nach Schiller auf die Melodie von Beethovens "Freude, schöner Götterfunken" zum Abschluss. Wann ist derlei jemals vorgekommen? Dem am Freitag tagenden Rundfunkrat sollte das jedenfalls zu denken geben.

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Orchestrale Virtuosität: Nur so wäre auf den Punkt zu bringen, was sich zuvor einen ganzen Abend lang ereignet hatte. In der klassischen Moderne bei Igor Strawinskys "Petruschka", dieser Burleske in vier Szenen (hier in der revidierten Version von 1947). Vom bewusst flimmernden Holzwuseln bis zur perkussionsintensiven Attacke, von der Flötenlinie bis zum Gassenhauer. Oder wo der junge Richard Strauss in seinem "Till" und dessen lustigen Streichen den riesigen Orchesterapparat immer wieder derart filigran splittet, dass man noch heute drüber staunen kann. Wo Strauss sich zudem unverhohlen als ein mindestens ebenso fitter Bruder der französischen Instrumentationskoryphäe Hector Berlioz erweist.

Roth und die auf allen Ebenen fulminanten SWR-Sinfoniker boten eine Interpretation, die den Hörer beim "Es war einmal" einladend abholte und ihn bald mitten ins Geschehen stellte. Dann diese Eleganz bei Strauss, dieser Streicherwohllaut. Oder diese Einzelaktionen (Holz und Blech) mit ihren wunderbaren Farben bei Strawinsky, dessen "Petruschka" hier zur packenden Ausdruckskunst geriet.

Und das Klavierkonzert für die linke Hand, das Maurice Ravel einst für Paul Wittgenstein geschaffen hatte, jenen Pianisten, der sich sogar vom Handicap eines im Ersten Weltkrieg eingebüßten Arms nicht entmutigen ließ, seinen künstlerischen Weg fortzusetzen: Es wurde zu einem Zeichen der Zuversicht und Zukunft. Selbst in den Momenten der Auflehnung, der Verzagtheit und, auch dies, der Destruktion. Bei der Freiburger Interpretation verbanden sich das Orchester und der Solist Kirill Gerstein gleichsam zur Einheit. Der Pianist, der vor der Aufgabe steht, das Faktum der in Partitur zwangsläufig ausgesparten Hand kaschieren zu müssen. Gerstein gelang das souverän, bei diesem Werk, das ja Mehrsätzigkeit in der Einsätzigkeit praktiziert. Bei aller Brillanz fördert der Solist sehr engagiert das Melos zutage. Auch die Momente von Blues und Melancholie. Ja, Gerstein ist ein Melodiker. Farben über Farben – der Komponist heißt schließlich Ravel – an den Tasten und beim Orchester. Eine sehr bündige Wiedergabe, auch wo sie das Feld des Scherzos tangiert. Beidhändig überaus perlend in Aktion, bedankte sich Gerstein mit einer Gershwin-Zugabe.

Man tut gut daran, mit der Hoffnung zu leben. Das gilt auch für ein Orchester. Unsere besten Wünsche begleiten es. Zumal nach dieser Leistung. Qualität lässt sich nicht verhindern.
– Das Konzert wird am 14. September um 20.03 Uhr auf SWR2 gesendet.

Autor: Johannes Adam