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21. Mai 2013

Schwelgerisch schöne Interpretationen

Die Chanteuse Asgard wandelt mit ihrem Akkordeon im Kesselhaus in Weil am Rhein auf den Spuren von Piaf, Brel & Co.

  1. Asgard Foto: Martina David-Wenk

Wo sonst als in Weil im Kesselhaus sind französische Chansons und Musettemelodien besser aufgehoben? Schließlich ist die französische Grenze fast in Spucknähe. Ein Abend mit französischer Musik ist ein Teil des grenzüberschreitenden Selbstverständnisses, das sich Weil am Rhein gerne verpasst. Dass Oberbürgermeister Wolfgang Dietz Gast einer solchen Veranstaltung ist, passt politisch in diesen Prozess der sich nach Frankreich öffnenden Stadt. Doch der Oberbürgermeister wird seine Samstagabendtermine nicht nur aus politischem Kalkül besetzen, ein Abend mit Akkordeon und den unvergesslichen Liedern von Edith Piaf oder Jacques Brel verspricht ein genüsslicher zu werden, jenseits aller Verpflichtungen.

Tatsächlich vermochte Asgard, einen Hauch der französischen Lebenskunst über die Grenze zu transferieren. Sie interpretierte Klassiker einer vergangenen Epoche. Zum Schwelgen schön waren diese Interpretationen, sie brauchte auch nicht viel: das Instrument und ihre glasklare und doch warme Stimme. Asgard besitzt eine herzliche Stimme, eine die gefangen nimmt und doch ist es mitunter schwierig, Klassiker, wie die Chansons Edith Piafs, möglichst detailgetreu nachzusingen. Und dies, obwohl die gelernte Schauspielerin und Sängerin über charmanten Liebreiz verfügt. Zu sehr ist die tiefe dramatische Stimme des Originals im Ohr. Asgard will und kann es nicht mit der Piaf aufnehmen, verbeugt sich stattdessen vor ihrem musikalischen Werk, was in diesem Falle die Grenze zur Beliebigkeit touchiert. Stücke wie "sous le ciel de Paris", oder "je ne regrette rien", sind Allgemeingut geworden, da hebt sie eine persönliche Interpretation wieder heraus.

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Bei den Musettes-Walzern und instrumentalen Stücken fehlt diese Wiedererkennung. Dort ist es der Zauber des Unbekannten, der aufmerksam macht und diese Verbindung von Künstler und Publikum zu knüpfen vermag. Hier ist Leidenschaft und Musikalität spürbar, die Asgard auch bei ihren Vokalstücken aufblitzen lässt, die durch Erinnerung an das Original jedoch verdeckt sind. Es war ein Europaabend im Kesselhaus unweit der Grenze. Musik aus einer Epoche, in der die Versöhnung Europas Zentralanliegen nicht nur der deutschen und französischen Regierung war. Hier wurde der Geist einer Zeit heraufbeschworen, in der die französische Lebensart als erstrebenswert galt, erstrebenswerter als der angelsächsische Pragmatismus. Jacques Brels "ne me quitte pas" hielt den Vergleich mit dem Original übrigens aus. Der männlichen Verzweiflung stellt Asgard die weibliche entgegen, die muss nicht dunkel sein. Die darf hell und klar sein, wie ihre Stimme, die eben anders ist. Beifall im vollbesetzten Kesselhaus und zwei Zugaben.

Autor: Martina David Wenk