Überwältigende Hilfsbereitschaft

Gerold Zink

Von Gerold Zink

Sa, 30. September 2017

Vogtsburg

Nach dem Großbrand vor zweieinhalb Jahren erstrahlt das Oberrotweiler Weingut Bercher-Schmidt in neuem Glanz.

VOGTSBURG-OBERROTWEIL. Den 8. April 2015 wird die Familie Schmidt nicht so schnell vergessen: Ein Feuer zerstörte Kelterhalle, Lager und Dachstuhl des Weingutes, nur mit viel Einsatz gelang es der Feuerwehr, ein Übergreifen der Flammen auf das Wohnhaus zu verhindern. Doch dies ist Geschichte. Jetzt freut sich die Winzerfamilie, dass nach über zwei Jahren die Aufbauarbeiten weitgehend abgeschlossen sind und eine moderne Kelterhalle sowie ein Barrique-Keller und ein Probierraum geschaffen wurden.

Die Flammen haben damals in dem verwinkelten Anwesen in der Herrenstraße 28 viel vernichtet, zum Glück jedoch nicht den Weinbestand. Allerdings waren rund 40 000 Flaschen mit Ruß bedeckt und auch die Kapseln waren nicht mehr zu gebrauchen. Noch heute rührt es Juniorchef Fabian Schmidt, wenn er daran denkt, wie viele Freunde, Verwandte und sogar ganze Fußballteams gekommen sind, um die Kapseln auszuwechseln und die Flaschen zu säubern. "So etwas vergisst man nicht und es macht dankbar", sagt Fabian Schmidt. Deshalb hat die Familie jetzt auch ein Fest organisiert, um allen Helfern ein großes Dankeschön zu sagen.

Probierraum in ehemaliger Garage
Im Herbst 2015, also rund fünf Monate nach dem Brand, wurden die zerstörten Balken abgetragen und im Oktober 2015 mit dem Wiederaufbau begonnen. Nach den Abrissarbeiten wurden zuerst die Fundamente gelegt für Lager, Kelterhalle, eine Wohnung und den neuen Probierraum in der ehemaligen Garage. Insgesamt sind Räume mit einer Größe von rund 350 Quadratmetern entstanden. Dabei wurden auch über 200 Jahre alte Bruchsteinmauern stehen gelassen und in das neue Konzept integriert, wie Seniorchef Franz Schmidt, seine Frau Beate Wiedemann-Schmidt und Fabian Schmidt erzählen.

Bei dem Gedankenaustausch, wie das in weiten Teilen neue Weingut aussehen sollte, standen zwei Punkte im Vordergrund: "Wir haben uns überlegt, wie wir die Arbeitsabläufe optimieren und die Trauben schonender verarbeiten können. Außerdem wollten wir das Erscheinungsbild des Weingutes verbessern, offener werden", sagt Fabian Schmidt.

Augenfällig wird Letzteres besonders an der neuen 30 Quadratmeter großen Probierstube, die nun direkt an der Straße liegt und das Weingut auch von außen leichter als solches erkennbar werden lässt. Der mit Jugendstil-Platten bedeckte Boden, Fragmente einer alten Bruchsteinmauer, dunkle Tische und Stühle sowie ein behutsamer Umgang mit Licht verleihen dem Raum eine angenehme Atmosphäre. Nicht minder schön ist der neue 50 Quadratmeter große Barrique-Keller, in den der Gast vom Hof aus einen Blick werfen kann und unter dem sich der alte Gewölbe- und Fasskeller des Betriebes befindet. Die Kelterhalle (100 Quadratmeter) ist dagegen eher schlicht gehalten. Hier stand im Vordergrund, dass sie mit einem Gabelstapler zu befahren ist und Platz für die Verarbeitung der Trauben bietet. Dass sie mit einem Rolltor verschlossen werden kann, vermeidet Lärm und hohe Temperaturen.

Verbesserung der Arbeitsabläufe
Insgesamt haben die beiden Familien Franz und Beate Wiedemann-Schmidt sowie Fabian Schmidt und Corina Ziegler rund eine Million Euro in den Wiederaufbau gesteckt. Mit dem jetzt Geschaffenen sind sie zufrieden, zumal beide Ziele – eine Verbesserung der Arbeitsabläufe und ein ansprechendes Erscheinungsbild – erreicht wurden. In dem Weingut wohnen mittlerweile vier Generationen: Die Älteste ist Annemarie Wiedemann (83) und der Jüngste Rian Schmidt (4).

13 Hektar Weinberge
Das Weingut Bercher-Schmidt bewirtschaftet nach Angaben von Franz Schmidt rund 13 Hektar Weinberge in den bekannten Lagen Bischoffinger Rosenkranz, Steinbuck und Enselberg, Kiechlinsbergener Ölberg, Oberrotweiler Henken- und Käsleberg sowie Burkheimer Feuerberg. Die Jahresproduktion liegt derzeit bei rund 80 000 Flaschen, soll aber auf 100 000 Flaschen erhöht werden. 50 Prozent der Weine werden direkt an Privatkunden verkauft und 50 Prozent an die Gastronomie.

Franz und Fabian Schmidt haben sich die Arbeit grob aufgeteilt, wobei die Grenzen fließend sind. Vater Franz Schmidt kümmert sich vor allem um die Reben und den Verkauf und Sohn Fabian um den Keller und ebenso um die Kunden. Beate Wiedemann-Schmidt, die sich auch als Malerin einen Namen gemacht hat, ist nicht nur die gute Seele des Hauses, sondern auch für alle eine wichtige Ansprechpartnerin, die hilft, wo sie helfen kann.

Beim Ausbau der Tropfen achtet Fabian Schmidt sehr darauf, dass die Besonderheiten der einzelnen Lagen sich später auch in den Weinen finden. Alle Weine sind trocken und sollen vor allem bei den weißen Sorten eine schöne Säurestruktur aufweisen. "Sie müssen Lust auf ein zweites Glas machen, bekömmlich und fruchtig sein sowie eine gute Mineralität aufweisen", fasst er seine Philosophie zusammen.

Volker Finke war zu Gast
Der Wiederaufbau des Weingutes war "ein hartes Stück Arbeit", sind sich alle einig. "Ohne die Hilfe vieler hätten wir das nicht geschafft", sagt Franz Schmidt dankbar. Beim Helfer- und Einweihungsfest gab es für Fußballfans übrigens eine besondere Überraschung: Volker Finke, der ehemalige Trainer des SC Freiburg, berichtete von seinen Fußballerlebnissen in Japan und Afrika. Dass die Mühen der vergangenen zwei Jahre bereits beginnen, Früchte zu tragen, macht eine kleine Geschichte deutlich, die Fabian Schmidt erzählt: "Kürzlich sind Gäste in die Probierstube gekommen. Sie haben gesagt, dass sie schon 20 Jahre an den Kaiserstuhl kommen, aber erst jetzt das Weingut als solches wahrgenommen haben."