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19. September 2009
WEINKELLER: Ein Schatten auf den Reben
Man darf es, glaube ich, durchaus als Alarmsignal sehen, wenn die Ausnahmen nicht mehr die Regel bestätigen, sondern zur Regel werden. Jedenfalls, was den Beginn der Weinlese im Zuge der globalen Erwärmung angeht. Auch dieses Jahr sind wir im langjährigen Schnitt gesehen schon wieder mindestens eine Woche im Vorsprung. Unter dieser Verkürzung der Vegetationsperiode leidet der Extraktreichtum der Trauben, einfach gesagt, die Entwicklung all jener Stoffe, die jenseits von Wasser und Alkohol den Geschmack des Weins bestimmen und vor allem für eine gut ausgebildete Säurestruktur und eine vielfältige, feine Aromatik verantwortlich sind. Dieses Problem nimmt man inzwischen so ernst, dass in Versuchsrebstücken mit Gegenmaßnahmen experimentiert wird. Mit Drahtanlagen zum Beispiel, die so konstruiert sind, dass die Reben sich selber beschatten, um so die Vegetationsphase wieder zu verlängern. Das klingt schon für sich paradox und hat dazu noch eine doppelt bittere Pointe: Unter der kürzeren Reifezeit leiden in besonderem Maß jene Rebzüchtungen (respektive die daraus gewonnenen Weine), die hauptsächlich auf Masse und einen hohe Fruchtzuckergehalt der Trauben (beziehungsweise Alkoholgehalt des Weines) gezielt haben. Sprich: die anspruchslosen Massenweine, bei denen die Komplexität des Beerengeschmacks und damit der Aromatik und Säurestruktur genauso vernachlässigt wurde wie die Reduzierung der Erträge. Was uns im Grundsatz lehrt: Ganz egal, ob in den großen oder kleinen Zusammenhängen – wenn wir im Umgang mit der Natur den kurzfristigen Profit vorne anstellen, sind wir am Ende die Gelackmeierten. Nachhaltigkeit beginnt im kleinsten Rebberg– und nicht nur für Winzer.
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Der Autor ist Winzer, Kellermeister und Inhaber des Restaurants/Weinguts "Schwarzer Adler" in Oberbergen, Kaiserstuhl.
Autor: Fritz Keller
