Weltmeister unter Druck

Georg Gulde

Von Georg Gulde

Sa, 21. Juli 2018

Leichtathletik

Johannes Vetter hat trotz erfüllter EM-Norm bei der DM einen Leistungsnachweis zu erbringen.

NÜRNBERG/FREIBURG. Er hat die zu erfüllenden Normleistungen für die Heim-Europameisterschaft der Leichtathleten in Berlin (6. bis 12. August) bereits erbracht und wurde schon nominiert – dennoch ist die deutsche Meisterschaft am Wochenende in Nürnberg für Johannes Vetter von großer Bedeutung. Denn der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) fordert vom Speerwurf-Weltmeister des vergangenen Jahres nach einer Verletzungspause einen Leistungsnachweis.

Die Situation ist auf den ersten Blick eindeutig, aber auf den zweiten Blick vertrackt. Der 25-jährige Athlet der LG Offenburg ist nicht nur Weltmeister, sondern auch Weltjahresbester mit einer Weite von 92,70 Metern, aufgestellt bereits am 11. März im portugiesischen Leiria. Von den elf besten Weiten in diesem Jahr gehen zehn auf das Konto der deutschen Speerwerfer Vetter, Andreas Hofmann (MTG Mannheim) und Olympiasieger Thomas Röhler (LC Jena). Drei der elf besten Würfe von 2018 stammen von Johannes Vetter. Doch neben den drei Genannten haben auch Bernhard Seifert (SC Potsdam/85,17 Meter) und Julian Weber (USC Mainz/82,80) die EM-Norm von 81,50 Metern übertroffen. Doch der DLV hat – wie die anderen Verbände auch – bei der Europameisterschaft nur drei Startplätze pro Disziplin. Da macht das Männer-Speerwerfen, in dem der komplette EM-Medaillensatz für die Deutschen nicht abwägig ist, keine Ausnahme.

Johannes Vetter, der kraftvolle Speerwerfer aus Offenburg, hat nun aber aufgrund einer Muskelverletzung an der Oberschenkelrückseite seit rund eineinhalb Monaten nicht an einem Wettkampf teilnehmen können. Der letzte Start erfolgte am 5. Juni im finnischen Turku. Es herrschten kühle zehn Grad – aber zu keiner leichtathletischen Disziplin haben die Finnen eine so heiße Beziehung wie zum Speerwerfen. Außerdem lockte ein ungewöhnlicher Preis. Hätte ein Athlet den finnischen Rekord von 93,09 Metern überboten, hätte er eine Insel gewonnen. Eine kleine zwar, aber immerhin. Das Eiland gehört zu dem rund 20 000 kleine Inseln umfassenden Turku-Archipel. Für Johannes Vetter wurde der Insel-Traum indes zum Bumerang: Er kehrte ohne Insel, dafür aber verletzt zurück.

Aufgrund der langen Ausfallphase hat der DLV Vetter für die Europameisterschaft lediglich "vorbehaltlich einer adäquaten Leistungsdarstellung bei der deutschen Meisterschaft im Sinne der Nominierungsrichtlinien 2018" nominiert. In diesem Behördendeutsch steht es auf der Homepage des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. "Das ist nicht mit einer konkreten Weite verbunden", sagte DLV-Mediendirektor Peter Schmitt zur BZ. Er erklärte, zwischen Vetter und dem DLV habe es im Vorfeld der deutschen Meisterschaft wegen des Leistungsnachweises "keinerlei Ärger gegeben". Eine Parallele zum Hickhack um die Olympia-Nominierung von Ex-Speerwurf-Weltmeisterin Christina Obergföll (LG Offenburg) für die Spiele 2016 in Rio de Janeiro sieht Schmitt nicht.

Johannes Vetter wollte sich nicht äußern. Am Donnerstagabend erklärte er der BZ telefonisch, dass er vor der deutschen Meisterschaft keine Interviews mehr gebe. Vetters Coach, Bundestrainer Boris Obergföll, reagierte auf die Gesprächsanfragen der BZ nicht.

Neben Johannes Vetter startet in Nürnberg noch etwa ein Dutzend Leichtathleten aus Südbaden. Ihren sechsten Titel in Folge will die aus Freiburg stammende Hochspringerin Marie-Laurence Jungfleisch holen, die bereits – ohne Wenn und Aber – für die EM in Berlin qualifiziert ist. Endkampfchancen haben auch die unter rund 1400 DM-Teilnehmern mit der Startnummer 1 versehene 400-Meter-Läuferin Sophie Sommer vom TV Bahlingen, die 4x100-Meter-Frauen-Staffel des USC Freiburg und Hochsprung-Routinier Martin Günther (ehemals TV Wehr).