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02. Februar 2011

Sport im Alter (Teil 3)

Weltrekord mit 70 Jahren

Selbst der Enkel ist auf dem Sportplatz schlagbar – was ältere Sportler noch zu leisten vermögen / Von Michael Brendler

Charles Eugster hat noch Großes vor. Montag, Dienstag und Mittwoch trainiert er jede Woche im Fitnessstudio Ausdauer, freitags folgen anderthalb Stunden Krafttraining, erst Samstag und Sonntag gönnt sich der Schweizer eine sportliche Auszeit. Eine Goldmedaille bei der Ruder-Altersklassen-Weltmeisterschaft fällt einem nicht in den Schoß – vor allem nicht, wenn man über 90 Jahre alt ist.

Dass er in seinem Alter immer noch seit über zehn Jahren im Boot die Medaillen abräumt, sei für ihn nichts Besonderes, sagt der ehemalige Zahnarzt. Er sehe sich nicht als Vorbild, sondern als Vorbote. Leistungssport im hohen Alter werde in einem Jahrzehnt ganz normal sein.

So gewagt, wie sie klingt, ist die Prognose gar nicht. Dafür spricht nicht nur, dass inzwischen ein 70-Jähriger einen Schwimmweltrekord aus dem Jahr 1928 eingestellt hat, sondern auch eine Studie der Deutschen Sporthochschule in Köln. Hier hatten die Wissenschaftler die Laufzeiten und Gewohnheiten von rund 13 000 Marathonläufern zwischen 20 und 79 Jahren miteinander verglichen. Das Ergebnis: Vor dem 55. Lebensjahr war im Schnitt kein Leistungseinbruch festzustellen. Und auch danach war noch vieles möglich: Jeder vierte Rentner war schneller unterwegs als jeder zweite Marathoni unterhalb von 54 Jahren.

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Leistungseinbußen im höheren Alter, so das Fazit der Forscher, seien mehr auf eine inaktive Lebensweise als auf biologische Faktoren zurückzuführen. Und: Auch Senioren seien zu beeindruckenden sportlichen Leistungen fähig. So hatte jeder fünfte untersuchte ältere Teilnehmer erst in den letzten fünf Jahren vor dem Marathon mit dem Training begonnen. "Gegen seinen untrainierten 30-jährigen Enkel kann ein trainierter 70-Jähriger durchaus gewinnen", sagt auch Bernhard Heimbach, der Leiter der ambulanten geriatrischen Rehabilitation der Uniklinik Freiburg. Vorausgesetzt, er tut etwas dafür.

Denn auch darin sind sich die Wissenschaftler einig. Ob Muskel, Herz oder Lunge – der Körper baut ab. Um ein bis zwei Prozent verringert sich ab dem 65. Lebensjahr jedes Jahr die Maximalkraft der Muskeln. Um ein Prozent schlägt das Herz ab Dreißig jährlich schwächer – "aber wer aktiv trainiert, kann diesen Verlauf deutlich verlangsamen", so Heimbach.

So sei es durchaus möglich, sich "die Kräfte eines 30- bis 40-Jährigen bis ins siebte Lebensjahrzehnt zu erhalten." Und auch wenn laut dem Sportmediziner Karlheinz Zeilberger von der Technischen Universität München gilt: "Der biologische Alterungsprozess kann durch ein noch so umfangreiches Training nicht unterbrochen werden" – über das Ausmaß, mit dem er geschieht, entscheiden nicht nur die Gene, sondern auch, was man gegen den Alterungsprozess tut.

Denn die Fähigkeit, neue Kräfte aufzubauen, bleibt dem Körper immer erhalten. Weil auch in den Gliedern eines Über-60-Jährigen noch Stammzellen aktiv sind, können die Muskeln auch im späteren Lebensalter noch wachsen. Das geht sogar soweit, dass laut Studien untrainierte Senioren in der Lage sind, durch sportliches Training ihre Muskelkraft zu verdoppeln. Auch der Herzmuskel reagiert auf regelmäßigen Ausdauersport. Wie beim Jüngeren wird er durch ihn gestärkt, während gleichzeitig der Herzrhythmus sinkt und die Arterien wieder elastischer werden.

Mit dem Aufbau von Muskelmasse allein, ist es allerdings noch nicht getan. Haltungsschwierigkeiten und verminderte Gelenkbeweglichkeit haben auch Ursachen, die weniger in den Gliedern direkt, als im Rückenmark liegen. Mit den Jahren schwinden dort die Nervenzellen. Damit vermindern sich auch die Nerven, die die Muskeln kommandieren. Die Folge: Reaktionsschnelligkeit und Feinmotorik der Arme und Beine lassen nach. Verschärfend kommt hinzu, dass das Gehirn gleichzeitig immer weniger Rückmeldung davon bekommt, was in den Gliedern passiert. Auch die Sinnesorgane vor Ort, die sogenannten Muskelspindeln, werden mit den Jahren unsensibler.

Allerdings lässt sich dem ebenfalls durch Training entgegenwirken, wie ein Freiburger Sportwissenschaftler in der Zeitschrift für Sportmedizin berichtet: Sowohl die Schnellkraftfähigkeit als auch die reflektorische Ansteuerung von Muskeln lasse sich durch sensomotorisches Training im Alter verbessern, schreibt Albert Gollhofer im Fachjournal. Gerade für die Sturzprophylaxe sei deshalb nicht nur auf das reine Krafttraining zu setzen.

Vor jedem intensiven Trainingsprogramm sollte aber zuerst ein Gesundheitscheck beim Arzt stehen, rät der Freiburger Geriater Heimbach. Lunge, Blutzucker, vor allem das Herz gehören dort auf den Prüfstand. Belastung und Stress durch die Anstrengung können ein krankes Herz überlasten. Selbst bei gut trainierten Senioren ist das Infarktrisiko in der sportlichen Belastungsphase doppelt so hoch wie in Ruhe. Die gute Nachricht: Es ist damit immer noch hundertmal niedriger als bei aktiven untrainierten Personen.

Autor: Michael Brendler