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30. Juni 2012
Wenn der Steiger nicht mehr kommt
War dort Ursprung und Kern der Wirtschaft, prägte Kultur und Gesellschaft: Nach 250 Jahren endet heute der Kohlebergbau im Saarland.
Bei Völklingen verläuft im Saartal die Das/dat-Grenze. Beispiel: Wenn ein Saarbrücker die Worte "das da" in seine Mundart überträgt, sagt er "das do". Ein Mensch aus Saarlouis, der flussabwärts gelegenen, von Ludwig XIV. gegründeten und von Vauban gebauten heimlichen Hauptstadt des Saarlandes, aber sagt "dat lo". Ein Unterschied zeigt sich auch beim Begriff Grube. Der Saarbrücker fährt in die Grub, der Saarlouiser in die Grouf. Das dominierende O in der Mitte ist eigentümlich durchs folgende U gefärbt. Grouf – das authentisch auszusprechen, wird einem Zugereisten kaum gelingen. Grube – das ist mehr als nur ein Wort. 250 Jahre hat der Bergbau das kleine Land an der französischen Grenze geprägt, wurde Steinkohle, das schwarze Gold, aus der Erde geholt. Heute ist Schluss. An der Saar ist die Ära des Bergbaus zu Ende. Er ist tot. Es war ein langes Sterben.
In den besten Zeiten waren fast 70 000 Menschen in den Saargruben tätig. Den Förderrekord gab es 1957 mit 17 Millionen Tonnen . Insgesamt wurden an der Saar 1,5 Milliarden Tonnen Kohle gefördert. Der Niedergang begann noch in den 50er Jahren. Mit "Feierschichten". Wir Schulkinder fragten uns, was die Bergleute wohl zu feiern haben. Eine Grube nach der anderen wurde dicht gemacht. Als nach den Ölkrisen wieder die heimische Steinkohle ins Gespräch kam, galt das als positives Signal. Nicht auf Dauer: 1982 war man bei 26 000 Mitarbeitern angelangt, zehn Jahre später bei 15 000 – und nur noch drei Gruben-Standorten. Der Todesstoß kam dann am 23. Februar 2008: Da bebte an der Saar die Erde. Ursache: der Bergbau, der neben Profit eben auch Probleme beschert. Auf der Richterskala wurde die Stärke 4,0 gemessen. Schäden waren zu beklagen. Der damalige Ministerpräsident Peter Müller blies zum sofortigen Abbaustopp. Und der Bergbau, der mit dem Land eine Symbiose bildete, verlor enorm an Sympathie. Man einigte sich aufs Ende für Mitte 2012.
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Das Finale ist heute in Ensdorf. "Das wird ein emotionaler Tag werden" – diesen Satz hört und liest man öfter. Um die 800 Millionen Tonnen Kohle sind im Saarland noch in der Erde. Dass man die nicht nutzt, ist für manche ein Ärgernis. Nach dem Ausstieg aus der Atomenergie hätte man über die Kohle neu nachdenken müssen, wird argumentiert. Für Kopfschütteln sorgt, dass man in Ensdorf eine moderne, leistungsfähige Förderstätte schließt. Übersehen wird jedoch, dass der Bergbau nur mit Milliarden-Subventionen am Leben zu halten war. Import-Kohle ist billiger. Und durch die extreme Tiefe verteuert sich die Chose: Der Nordschacht des letzten aktiven Bergwerks Saar ist mit 1750 Metern der tiefste betriebene Schacht Europas.
Ohne Bergbau "gibt das Saarland seine Kultur ab", sagt ein Betroffener. An dieser Einschätzung ist was dran. In einem Land, das dem Bodenschatz Kohle lange seine Identität, ja alles verdankt. Die Kohle gab den Menschen Brot. Der Beruf des Bergmanns war selbstverständlich. Auch der Bergmann, der nebenher noch eine kleine Landwirtschaft betrieb, Ziegen hielt, die sogenannte Bergmannskuh. Ohne Kohle lässt sich kein Stahl kochen. Und das Saarland lebte eben von seiner Montanindustrie. Obendrein bilden die Bergleute, bedingt nicht zuletzt durch die harte, gefährliche Arbeit unter Tage, eine verschworene Gemeinschaft: Trotz des Zechensterbens sind in den saarländischen Bergmannsvereinen bis dato 28 000 Mitglieder organisiert. Sie tragen ihre Uniform, pflegen ihr Brauchtum. So konnte man selbst Katastrophen überstehen – wie 1962 die Schlagwetterexplosion in Luisenthal mit 299 Toten.
Eine musikalische Institution des Saarbergbaus und seiner Heimat ist der 1948 gegründete Saarknappenchor. Von den aktuellen Sängern sind 60 Prozent ehemalige oder aktive Bergleute. Wie aber geht es mit dem Chor weiter, wenn es keinen Bergbau mehr gibt? "In den nächsten Jahren haben wir noch keine Not", sagt Walter Engel (62), seit 26 Jahren Erster Vorsitzender. Die in Herne ansässige Betreibergesellschaft RAG, zu der auch die Saar-Dependance gehört, gewährt eine Überbrückung. Dann wird es wohl, wie Engel hofft, eine Stiftung geben, mit der sich die Finanzierung sichern lässt. Der Chor in seinem dunklen Outfit und dem auffallend hellen Klang ("Wir pflegen die Tenöre", erklärt Engel) ist ein Kulturbotschafter des Saarlandes. Auf allen Kontinenten war man bereits, lediglich Afrika fehlt noch auf der Liste. Man singe ein Repertoire "quer durch die Epochen", sagt Engel. Viel Geistliches sei dabei – Joachim Oehm, der Leiter, ist Kirchenmusiker. Zum ehernen Repertoire zählt das Barbara-Lied an die Adresse der Schutzheiligen des Berufs, der Standesstolz kennt. Der langjährige Saarknappen-Chorleiter Peter Marx hat das Lied einst komponiert. Auch eine Bergkapelle existiert.
Die Kohleförderung im Saarland ist zwar abgeschlossen. Allerdings müssen noch die Gerätschaften ans Tageslicht geholt werden, ehe die Schächte mit Beton verfüllt werden. Rund 1400 Saar-Bergleute werden an die Ruhr und vor allem nach Ibbenbüren wechseln, wo erst Ende 2018 komplett Schluss sein soll. Andere gehen in den Vorruhestand. Kündigungen gab es keine.
Heute Abend läuten in vielen Kirchen die Glocken. Die Bischöfe aus Trier und Speyer sowie Vertreter der evangelischen Kirche wollen in Ensdorf zugegen sein. Der Saarknappenchor wird singen. Beim Steigerlied müsste er dann aber den Text leicht abwandeln – denn: Der Steiger kommt ja jetzt nicht mehr. Das Saarland steht an einer Zeitenwende. An den Bergbau, den Ursprung und Kern der Saar-Wirtschaft, bleibt die Erinnerung. Bergmann, Grube, Tiefe, Dunkelheit – das ist auch Mythos. Und Mythen sind langlebig.
Autor: Johannes Adam



