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21. Juni 2011

Wenn Musik und Dichtung zu Malerei inspirieren

Sehr sehenswerte Ausstellung des Spätwerkes von Hans Martin Erhardt im Georg-Scholz-Haus / Schreibnacht am kommenden Samstag.

WALDKIRCH. Die sechs derzeit von Hans Martin Erhardt im Georg-Scholz-Haus ausgestatteten Räume haben es in sich. "Es" ist in diesem Fall eine transzendente und transzendierende Inszenierung großer und immerwährender Themen wie Heimat, Vergänglichkeit, Stillleben, Zyklen zum Werk des Dramatikers Samuel Beckett und zu Johann Peter Hebel oder über die Musik.

Jedem der Themen ist ein eigener Raum gewidmet, ausgestattet mit zehn bis zwanzig Werken des Künstlers: das Spätwerk des heute 76-Jährigen, anknüpfend an die Themen der Jugend: Malerei und Druckgrafiken, die nahezu alle in den letzten Jahren entstanden sind – großartig, metaphysisch und sehr beeindruckend, sowohl in der Einfachheit der Mittel, der Akkuratesse der technischen Ausführung als auch in dem ungeheueren Tiefgang, den sie entfalten.

Konzertant springen im Raum "Musik" im ersten Obergeschoss die zinnoberfarbenen Striche und Punktierung inmitten eines lindgrünen Hintergrundes auf den Betrachter über und man hört es förmlich, das Musikstück, vielleicht ein Geigen/Cello-Duo, oder das Zwitschern der Vögel im Wald intoniert unter anderem von Saint-Saëns oder ein Gitarrensolo am Lagerfeuer? Oft schon haben bildende Künstler versucht, Musik zu malen und aus Bildern Klangwelten und Musikstücke herzustellen – Hans Martin Erhardt gelingt dieses auf scheinbar einfache Weise. Seine Verbindung der Druckkunst mit der Musik waren die Klangwelt von Duke Ellington (Mood Indigo) und Arvo Pärt (Arbos). Als Hommage an Igor Strawinsky sind die Linolschnitte zu seinen Ballettmusiken "Apollon Musagete" und "Orpheus" zu sehen.

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Der Moment, in dem eine schwarze Welle gerade am Kippen ist, ein heller schmaler Weg inmitten einer undurchdringlichen Finsternis; der Moment, in dem die Sonne ganz verschwindet und es dunkel, schwarz und tiefste Nacht wird, wird dargestellt in neun quadratischen Bildern. Nur auf zweien finden sich leichte helle orangene Farbtöne – es ist fast so, als würde man den endgültigen Sonnenuntergang, die Vergänglichkeit alles Seienden miterleben.

Hans Martin Erhardt selbst sagt zu dem Gedicht "Vergänglichkeit" von Johann Peter Hebel, die "Bilder" Hebels, beispielsweise der Gebrauch der Worte "schwarz" und "bleich" ("Und d’ Sunne bleicht der’s schwärzer alli Tag", "Deutschland, bleiche Mutter", "schwarze Milch der Frühe") seien von einer Aussagekraft, die ihn als Künstler gepackt habe. Aber er habe sich sehr überlegen müssen, was da für ihn noch zu tun übrig bleiben kann, wenn er sich auf derart anspruchsvolle Texte einlässt. Seine Interpretation dieses Gedichtes ist jedoch ganz und sehr gelungen und stellt ein sehr eigenes, hoch anspruchsvolles, dichtes und intensives Werk dar, das seinerseits wieder neue Interpretationen zulässt.

Prof. Wirth schreibt über den Künstler: "Durch den Maler und Graphiker Hans Martin Erhardt wird ein Werk präsentiert, das ganz für sich in der heutigen Kunstlandschaft steht und sich von allen anderen auf klare Weise abhebt. Es hat die Aura einer ungewöhnlichen Stille, die nach Dauer dürstet und sich nur im Schweigen vollenden kann." Jeder dieser Werkzyklen wird letztendlich sein Geheimnis behalten und seinen Zauber und seine Aura nur im kontemplativen Betrachten entfalten. Diese Ausstellung im Georg-Scholz-Haus ist ein Geschenk des Künstlers an seine ursprüngliche, für ihn selbst jedoch späte Heimat. Ein Besuch der bis 17. Juli dauernden Ausstellung kann sehr empfohlen werden.

Schreibnacht: Das Georg-Scholz-Haus in Waldkirch veranstaltet im Rahmen der Ausstellung "Vergänglichkeit" des Emmendinger Künstlers Hans Martin Erhardt am kommenden Samstag, 25. Juni, 20 Uhr, eine Schreibnacht in der Ausstellung mit Maria Becker und Roland Burkhart. Zur Finissage am 17. Juli wird aus den dabei entstehenden Werken vorgelesen.

Autor: Nicola Gastiger