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20. April 2017 17:48 Uhr

Offenburg

Wenn Notruf 110 für die skurrilsten Anliegen gewählt wird

"Mein Chihuahua hat Durchfall": Der Notruf 110 ist schnell gewählt – doch Tausende Anrufe bei Polizei und Ortenauer Leitstelle in Offenburg sind skurril und kosten unnötig Zeit.

  1. Mehr als 100000 reine Notfall-Anrufe gehen im Führungs- und Lagezentrum des Polizeipräsidiums Offenburg im Jahr ein. Hinzu kommen viele Tausend skurriler Anliegen, für die die 110 eigentlich nicht gedacht ist. Foto: Seller

"Mein Chihuahua hat Durchfall", "Der Nachbar macht keine Kehrwoche" oder "Die Polizei kann zum Essen kommen": Das Polizeipräsidium Offenburg und die Integrierte Leitstelle des Ortenaukreises (ILS) haben tausendfach im Jahr mit skurrilen Anliegen zu tun, die alles anderes sind – aber kein Notfall.

"Der menschlichen Fantasie sind beim Notruf offenbar keine Grenzen gesetzt" Martin Baumann, stellvertretender Leiter Führungs- und Lagezentrum
Einiges scheint auf den ersten Blick sogar nachvollziehbar: Eine ältere, vielleicht einsame Dame kocht mittags, aber wie immer ist niemand da, um ihr Gesellschaft zu leisten. Die Polizei, dein Freund und Helfer, denkt sie möglicherweise und wählt die 110. Andere wollen sich – weniger nachvollziehbar – an einem griesgrämigen Nachbarn rächen, der das Treppenhaus nicht anständig fegt. Doch egal wie, so oder so werden Ressourcen gebunden, die dafür eigentlich nicht zuständig sind. "Es stimmt. Der menschlichen Fantasie sind beim Notruf offenbar keine Grenzen gesetzt", bestätigt Martin Baumann, stellvertretender Leiter des Führungs- und Lagezentrums im Polizeipräsidium Offenburg, auf Nachfrage.

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Von den 143 000 Einsätzen des Polizeipräsidiums Offenburg im Jahr 2016 zum Beispiel waren rund 35 000 keine Notfälle im polizeilichen Sinne, sondern Auskünfte, Fehlanrufe oder Ähnliches. In der Integrierten Leitstelle Ortenau, die alle Einsätze von Feuerwehr, Krankentransport und Rettungsdienst in der Region koordiniert, nehmen die Mitarbeiter rund einhundert mal innerhalb von 24 Stunden kuriose Anrufe entgegen, berichtet ILS-Leiter Georg Santl. Allerdings kommt die Polizei ja nicht nur bei Notfällen, sondern bearbeitet die komplette Bandbreite von Hilfeleistungen über Kleinstunfälle bis zu schweren Straftaten, erklärt Martin Baumann. Hinzu kämen rund 3000 reine medizinische Notrufe, die an die Integrierte Leitstelle weiterverbunden werden.

Anrufe unter der Nummer 112, die polizeiliches Einschreiten ebenfalls erforderlich machen, werden jedoch anderweitig erfasst. Dazu gehören zum Beispiel Verkehrsunfälle mit Verletzten oder Suizide. Rund 102 000 reine Notrufe gehen im Jahr unter der Nummer 110 im Führungs- und Lagezentrum des Polizeipräsidiums Offenburg ein, so Baumann. Die Diskrepanz zur Gesamtzahl erkläre sich durch die Einsätze, die auf den Revieren und Polizeiposten in der ganzen Region starten, weil Bürger sich direkt dort melden, um einen Unfall, einen Einbruch oder Diebstahl zu melden.

Kuriose Anrufe sind zwar lustig, kosten aber Zeit

Kuriositäten sind für Außenstehende mitunter unterhaltsam, bedeuten aber für die Helfer oft unnötige Arbeit und kosten Zeit, die dann wiederum an anderer Stelle fehlt. "Die Polizei kommt, wenn der Bürger ein Problem hat, das er selbst nicht lösen kann. Die 110 ist in diesem Fall schnell gewählt", bedauert Martin Baumann. Wenn sich die Menschen auf zwischenmenschlicher Ebene mehr bemühen würden, müssten deutlich weniger Streifenwagen ausrücken.

Alkoholische und kognitive Einschränkungen mancher Anrufe erschwerten zudem die Kommunikation, so der Polizeihauptkommissar.

Wie schnell Polizei oder Feuerwehr im Fall der Fälle vor Ort ist, variiere je nach Lage, Personalstärke und technischer Verfügbarkeit. Die Integrierte Leitstelle in Offenburg informiert die Polizei zum Beispiel prinzipiell zeitgleich bei Alarmierung der Feuerwehr. "Dort wird dann eigenständig nach Prioritäten entschieden", sagt Georg Santl.

Wer bezahlt eigentlich die Einsätze, die am Ende doch keine sind? "In manchen Fällen bekommen die Verursacher die Rechnung, zum Beispiel bei Fehlalarmen oder wenn wir Betrunkene in Gewahrsam nehmen müssen", berichtet Marin Baumann. Letzteres passiere fast jeden Tag.

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Autor: Christine Storck