Wenn Russen Tschaikowsky spielen

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Sa, 10. Februar 2018

Klassik

Denis Matsuev, Gergiev und das Mariinsky-Orchester in Freiburg.

Ein dunkler, satt-samtiger Klang: Er prägte (im Rahmen des Russland-Festivals) diesen starken Albert-Abend mit dem Mariinsky-Orchester St. Petersburg. Und bestimmte im ausverkauften Freiburger Konzerthaus auch Denis Matsuevs Interpretation des Klavierkonzerts Nr. 3 von Sergej Rachmaninow. Wie der Solist zu Beginn die Melodie in den Raum stellte: geradezu bescheiden, unschuldig – und dabei doch mit viel Gefühl, vibrierend, voll von innerem Potenzial. Als ein ruhiges, unplakatives Motto, eine Überschrift über diesem höllisch schweren "Rach 3", wie Insider gelegentlich sagen.

Womit der konkrete nachschöpferische Zugang schon angedeutet war: ein virtuoses Jonglieren mit den Nuancen des Leisen, der Stille. Immer wieder entpuppte sich Matsuev, der 1998 beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb obsiegt hatte, als sehr fähiger Klavierlyriker vor dem Herrn. Doch auch die fürs spätromantische Genre obligatorischen (Kraft-)Reserven sind da, auf die Zehntelsekunde abrufbar. Nie aber sind das im Kontext von Soli und Kadenz nur Pranke oder leeres Gedonner, sondern immer hat man es, wie vom Komponisten intendiert, mit dem Resultat von Emotion zu tun, die aus tiefster Seele kommt. Und zwar auch bei dieser aktuellen Freiburger Wiedergabe.

Alles ist im Fluss – und dabei doch bestens strukturiert

Trefflich und geistesverwandt klang stets das Zusammenwirken mit dem von Valery Gergiev so engagiert wie umsichtig geleiteten Orchester, das dem Solisten sensibel die Bahn ebnete – und umgekehrt. Da wurde mitunter gleichsam der Salon zu einem Ort tiefgründiger existenzieller Debatten. Mit diesen Akteuren konnte man Rachmaninows d-Moll-Konzert von 1909 lieben lernen. Als Zugabe bot der 42-jährige Matsuev, der auf der Höhe seiner Kunst ist, von Jean Sibelius die Etüde a-Moll op. 76 Nr. 2 als Mischung aus Scarlatti und Hummelflug.

Musik von Claude Debussy unter russischen Vorzeichen: So erlebte man das "Prélude à l’après-midi d’un faune". Bereits die syrinx-ähnlichen Flötenkringel (hervorragend: Nikolay Mokhov) hatten Wärme. Komponist und Dirigent erwiesen sich sehr bald als Klangtüftler – gerade auch beim beseelten Gestalten der Pastelltöne. Der Parameter Klangfarbe steht obenan. Man vernahm das 1894 uraufgeführte innovative erste Meisterwerk des vor 100 Jahren verstorbenen Komponisten in einer sinnlichen, bisweilen fast schwebenden Wiedergabe. Auch dort, wo der Franzose unverkennbar unseren deutschen Wagner rezipiert.

Wenn Russen Tschaikowsky spielen, dann klingt diese Musik mitunter ein bisschen anders als bei westlichen Interpreten. Das jedenfalls ist eine Quintessenz der Auslegung von Sinfonie Nr. 5. Tschaikowsky mit den Mariinskys und deren Chef Valery Gergiev: Da war man bald quasi daheim. Alles ist im Fluss – und dabei doch bestens strukturiert. Bei diesem Dirigenten, jenem eleganten Zuchtmeister, kommt die Schicksalssinfonie ungemein plastisch und expressiv daher. Das Lyrische – Beispiel: Andante cantabile – kann da auch mal fast zelebriert wirken (warum denn nicht?). Walzer, Scherzo-Momente, das Hymnische: Aus allem spricht eben Gefühl. Streicher, Holzbläser, Blech: durchweg erstklassig. Und so wunderbar dunkel im Klang! Der Dirigent ohne Partitur, Pult und Podium, beweglich buchstäblich ganz auf dem Boden der Orchestertatsachen, zeigt sich als ein kluger, tiefschürfender Regisseur.

Auch bei der Strawinsky’schen "Feuervogel"-Zugabe (Wiegenlied und Finale). Vor allem aber die e-Moll-Sinfonie: Die exemplarische Tschaikowsky-Durchdringung strahlte nachhaltige Wärme aus. Sogar noch für den Heimweg an diesem kalten Winterabend.