Kressbronn

Wer bekommt den Zugang zum Bodensee?

Peer Meinert

Von Peer Meinert (dpa)

So, 05. August 2018 um 18:57 Uhr

Südwest

In der Bodensee-Gemeinde Kressbronn wehren sich wohlhabende Anwohner seit zwei Jahrzehnten gegen einen Uferweg für die Allgemeinheit.

Wo es Seen gibt, da gibt es auch Streit um den Zugang. Haben die Privatleute, denen die Grundstücke am Ufer gehören, das Recht darauf – oder hat es die Allgemeinheit? In der Bodensee-Gemeinde Kressbronn wird der Streit schon seit Jahrzehnten geführt. Ohne dass sich eine Lösung abzeichnet. Stein des Anstoßes ist ein geplanter öffentlicher Uferweg am Bodensee. Doch das Vorhaben blockieren Anwohner. Zeitweise schien es zwar, als würden die Pläne im Herzen des Ortes verwirklicht. Doch dann kam ein Gerichtsbeschluss.

"Wir sind erneut ausgebremst worden", klagt Dirk Abel vom Regierungspräsidium Tübingen. Seit fast 20 Jahren haben Stadt und Land mit Einsprüchen, Gegengutachten und Gerichtsbeschlüssen zu kämpfen. Hinzu kommen Demonstrationen. Der Mann im Regierungspräsidium klingt resigniert.

Auch Daniel Enzensperger (CDU), Bürgermeister der 8600-Seelen-Bodenseegemeinde, sieht schwarz. "Das kann wieder durch alle Instanzen gehen", glaubt der 29-Jährige angesichts des jüngsten Urteils des baden-württembergischen Verwaltungsgerichtshofs (VGH) im Mai.

Das Seeufer, um das es geht, ist ein Idyll. Mittendrin ein Steg, an dem Kinder ins Wasser springen und Passagierschiffe ankommen. Östlich und westlich davon private Grundstücke mit kleinen Anlegestegen. Dahinter: hohe Bäume, weitläufige Gärten, luxuriöse Häuser. Wer hier wohnt, will ungestört bleiben.

"Uns gefällt es natürlich besser so", meint Rafael Baur, einer der Anwohner. Natürlich würde ein Uferweg die Ruhe stören, meint der 36-Jährige. "Da stehen unsere Interessen gegen die Interessen der Gemeinde." Familie Baur kämpft seit Jahren gegen das Vorhaben. Den drei Familien Baur gehören drei Grundstücke am See – alles in allem ist nicht mehr als etwa ein Dutzend Anwesen betroffen. Es ist ein Widerstand von wenigen, doch sie haben einen langen Atem.

Erste Pläne des Landes und der Stadt gab es in den 80er-Jahren, rekapituliert Bürgermeister Enzensperger – 2001 wurde das Projekt abgesegnet. "Kressbronn wieder an den See bringen", so lautet das Motto. Dabei geht es nicht nur um den Uferweg, damit verbunden ist auch eine Renaturierung des Seeufers. Sand und Kiesel sollen aufgeschüttet und – laut Regierungspräsidium – illegal errichtete Landungsstege und Molen an den Privatgrundstücken abgerissen werden. Ziel ist eine Flachwasserzone, das Ufer soll wieder so werden, wie es einst war.

Auch das ist den Anwohnern ein Dorn im Auge – von den befürchteten Wertverlusten ihrer Grundstücke ganz abgesehen. Der Kern des Widerstands der Bewohner: Sie sehen ihre Eigentumsrechte missachtet. Nicht zuletzt machen sie geltend, dass sie vor zwei Jahren einen Kompromiss vorgeschlagen hätten, der auch einen Uferweg vorsah. Baur: "Wir sind nicht die absoluten Verweigerer."

Zwar gibt es an vielen Stellen des Bodensees private Grundstücke mit Schildern wie "Durchgang verboten". Doch in Kressbronn sei die Lage besonders krass, meint Enzensperger. In seiner Gemeinde gebe es weit weniger kommunale Ufergrundstücke als anderswo, an denen man ohne das Risiko von Einsprüchen Wege anlegen könne. Irritierend auch für den Bürgermeister: Es gibt Grundstücke, die wurden gekauft, als die Pläne des Uferweges bereits bekannt waren.

Im Februar haben die Arbeiten tatsächlich begonnen. Es wurden sogar zwei Bäume gefällt. Doch dann kamen der Einspruch und das VGH-Urteil. Dabei ging es bei der bisher letzten juristischen Volte vom Mai gar nicht um das Projekt an sich, wie Regierungspräsidium und Stadt betonen. Die Richter mahnten nur an, es müsse vor Beginn der Arbeiten juristisch einwandfreie Enteignungsverfahren geben.

Bürgermeister Enzensperger sitzt derweil zwischen den Stühlen. Man spürt, wie unangenehm ihm der Dauerstreit ist, schließlich ist er das Oberhaupt aller Bürger. Es wäre schön, wenn man am Ufer flanieren könnte, meint er. "Es ist da doch ein besonderes Flair." Er wünsche sich, "dass die Anlieger die politische Entscheidung akzeptieren". Aber mit Blick auf weitere Einsprüche, Klagen und Gutachten fügt er hinzu: "Wir leben eben in einem Rechtsstaat."