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26. Juli 2012
Teil 8
Leserfragen: Wer profitiert von der Krise?
Ein Gespräch mit dem Freiburger Wirtschaftswissenschaftler Lüder Gerken über jene, denen Börsenkrachs und Rettungsaktionen nutzen.
Einige Leser fragen nach den Profiteuren der Schulden- und Bankenkrise in Euroland. Bernd Liebetrau sowie Monika und Werner Kiefer aus Stegen weisen darauf hin, dass zu einem Spekulationsgeschäft am Finanzmarkt mindestens zwei gehören. Verlusten wie jüngst bei der Bank JP Morgan Chase müssen anderswo Gewinne entgegenstehen. Wo ist denn das Geld geblieben, Herr Gerken?
Gerken: Bei JP Morgan Chase ging es um Kreditausfallversicherungen. Mit diesen versichert ein Unternehmen der Finanzbranche jemanden, der einem Staat oder einem Unternehmen Geld geliehen hat, dagegen, dass der Schuldner dieses Geld nicht zurückzahlt, weil er pleitegeht. Wer so eine Versicherung abschließt, will sein Risiko minimieren. Kreditausfallversicherungen sind als Wertpapiere handelbar und es gibt viele Varianten. Manche werden schon vor einer Pleite fällig, wenn bestimmte Risikoindikatoren eine Schwelle übersteigen. JP Morgan hat sehr viele Versicherungen verkauft, die den Kreditausfall von 125 großen amerikanischen Unternehmen absichern. Letztlich hat die Bank die Entwicklung der Kreditwürdigkeit dieser Unternehmen falsch eingeschätzt. Die Bank musste denen, an die sie die Versicherungen verkauft hatte, große Geldsummen bezahlen.
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BZ: Ein Zocker zockt den anderen ab?
Gerken: Gewonnen haben Akteure, die sich gegen ein Risiko versichert haben. Wer das war, ist nicht so leicht festzustellen. Ich würde nicht sagen, dass auf beiden Seiten Zocker saßen. Sonst wäre jede Versicherung ein Zocker, etwa auch die Allianz, wenn sie Haftpflichtschäden versichert, in der Erwartung, dass die Versicherungsbeiträge die Schadenszahlungen übersteigen. Vom Grundsatz her dienen Kreditausfallversicherungen dazu, Risiken zu minimieren. Sie kommen nur zustande, wenn Käufer und Verkäufer die Zukunft unterschiedlich einschätzen. Das Skandalöse bei JP Morgan Chase war, dass eine einzige Person in der Bank über unglaubliche Summen verfügte.
BZ: Kritiker sagen, Kreditausfallversicherungen, die Sie sinnvoll nennen, werden eingesetzt, um gezielt auf ein Ende der Eurozone zu wetten. Und diese Wetten könnten das Beabsichtigte erst auslösen.
Gerken: Natürlich wird mit Kreditausfallversicherungen spekuliert. Einige setzen auf den Bestand der Eurozone, andere auf ein Auseinanderbrechen ...
BZ: … und wenn Letztere recht behalten, sind sie große Profiteure jener Krise, die sie selbst verschärft haben?
Gerken: Das kann durchaus sein. Spekulanten können gezielt versuchen, andere Finanzmarktakteure zu schwächen, auch Staaten. Aber Spekulanten können eine Entwicklung nicht aus dem Nichts anstoßen, nur beschleunigen. Sie können nur Erfolg haben, wenn bestimmte Fundamentaldaten nicht stimmen. Die Wettbewerbsfähigkeit der südeuropäischen Eurostaaten ist verlorengegangen, auch, weil die Löhne dort viel zu schnell gestiegen sind. Die Folge ist, dass Ausländer diesen Staaten keine Kredite mehr geben. Obwohl es in den Verträgen für die Eurozone nicht vorgesehen war, kamen ihnen die anderen Staaten zu Hilfe und sie weiteten die Hilfszahlungen Stück für Stück aus. Nun gibt es am Markt verschiedene Einschätzungen, wie weit diese Hilfe noch gehen wird. Wissen kann das niemand. Diese Ungewissheit ist der Nährboden für Spekulation und es entscheidet die richtige Annahme über künftige Entwicklungen darüber, wer am Finanzmarkt Gewinner oder Verlierer der Krise sein wird.
BZ: Sollte man potenziell derart destruktive Spekulationsgeschäfte verbieten?
Gerken: Das finde ich nicht, denn man würde so auch risikominimierende Geschäfte verbieten. Niemand kann im Vorhinein unterscheiden, wo Finanzprodukte eingesetzt werden, um Risiken zu minimieren und wo Spekulation stattfindet, die dem Gemeinwohl schaden könnte.
BZ: Die Öffentlichkeit erfährt nur sporadisch, welcher Spekulant wie viel verdient hat, weil viele im Schatten agieren – etwa die Hedgefonds. Sollte man ihnen nicht mehr Transparenz abverlangen?
Gerken: Transparenz kann nie schaden. Die zentrale Frage ist doch aber, ob mehr Regulierung die Risiken aus dem Finanzmarkt hinausnehmen kann. Ich warne vor der Annahme, wir müssten nur mehr regulieren, dann wären die Risiken weg. Wir haben doch eine recht rigide Regulierung von Banken und trotzdem ereigneten sich gerade in diesem Sektor schwere Krisen, wie der Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers 2008 gezeigt hat.
BZ: Hanns-Christian Tillmann aus Lörrach fragt, wer besonders vom Steuergeld profitiert, das eingesetzt wird, um Banken und Staaten zu retten – in Griechenland die Familie mit Eigentumswohnung, der Rentner, der Arbeitslose? Sind es die Aktionäre der Deutschen Bank, US-Pensionskassen, britische Hedgefonds oder am Ende gar der deutsche Staatshaushalt?
Gerken: Der griechische Staat kann die vielen Kredite nicht zurückzahlen, die er aufgenommen hat. Banken, Fonds, auch Privatleute hatten im großen Stil Kredite nach Griechenland vergeben, bis sich herausstellte, dass die dortige Volkswirtschaft marode ist. Das weiß heute jeder, deshalb gibt es keine Kredite von Investoren mehr. Daher bekam das Land politisch motivierte Kredite der Staatengemeinschaft. Mit diesem Geld wurden die Forderungen der Privaten gegenüber Griechenland abgelöst. Deshalb profitierten all jene, die in griechische Staatsanleihen investiert hatten – Investmentfonds, Versicherungen, Hedgefonds, aber auch Privatpersonen, die 2010 gesagt haben: Mensch, bei den Zinsen, zehn, zwölf Prozent, das mach ich! Ende 2011 ist ein Schuldenschnitt für Athen vereinbart worden, also ein Teilerlass der Staatsschulden. Alle Anleger, die ihre Papiere vor dem Schuldenschnitt losgeworden sind, haben von den staatlichen Rettungsmilliarden für Athen profitiert. Natürlich auch die Aktionäre deutscher Banken.
BZ: Zuvorderst wurden Banken gerettet?
Gerken: Banken und damit auch die Sparer, die ihr Geld zu ihnen gebracht hatten. Aber auch deutsche Versicherer haben in Südeuropa Geld angelegt – etwa die Prämien für private Rentenversicherungen. Sie wurden im Süden angelegt, weil Staatsanleihen dort vor ein paar Jahren ein wenig mehr Rendite brachten als deutsche. Käme es nun zu Staatspleiten, wäre auch die private Altersvorsorge Deutscher bedroht.
BZ: Auch um dies zu verhindern, hat die Rettung Griechenlands Banken und Versicherern genug Zeit verschafft, ihr Engagement drastisch herunterzufahren. Die Risiken wurden sozialisiert, etwa in der Bilanz der Europäischen Zentralbank, die griechische Staatsanleihen kaufte.
Gerken: Ja, der Kauf von Staatsanleihen durch die EZB ist sehr bedenklich. Andererseits muss man sehen, dass besonders französische Privatbanken noch immer stark in Südeuropa engagiert sind – mit dem Geld der französischen Sparer. Hier sieht man mögliche Kettenwirkungen.
BZ: Die Menschen in Griechenland – Arbeitnehmer, Rentner, junge Arbeitslose – sind schon heute große Verlierer.
Gerken: Sicher, die Sparprogramme sind enorm hart für die Menschen. Trotzdem: Die Griechen haben jahrelang mehr konsumiert als die Volkswirtschaft produzierte. Der Wohlstand war höher als die Volkswirtschaft es zuließ. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Das muss jetzt zurückgefahren werden. Das bedeutet Einkommensverluste und bei vielen der Verlust des Arbeitsplatzes.
BZ: Auf der Seite der Gewinner scheint – derzeit – der deutsche Steuerzahler zu stehen. Der Staat leiht sich am Markt Geld, ohne es zu verzinsen. Er bekommt sogar Geld geschenkt. Den verängstigten Anlegern ist das egal, Hauptsache, das Geld ist sicher.
Gerken: Dass Deutschland derzeit wegen negativer Zinsen Geld damit verdient, Schulden zu machen, liegt auch daran, dass viele Südeuropäer ihr Geld hier in Sicherheit bringen wollen. Das ist für Deutschland aber kein Grund zur Freude. Nehmen wir an, ein italienischer Privatanleger kauft deutsche Staatsanleihen. Der Italiener geht zu seiner Bank in Rom, um sie zu bezahlen. Normalerweise müsste Folgendes passieren: Die Bank in Rom überweist das Geld an die italienische Notenbank, von dort fließt es an die Bundesbank und von dort an den Verkäufer der Anleihe, also die Bundesrepublik Deutschland. Aber in der Eurozone läuft das anders. Die Euro-Zentralbanken haben die Überweisungen zwischen sich abgeschafft: Die italienische Notenbank zahlt nicht mehr an die Bundesbank, sondern lässt dort anschreiben wie ein Gast ohne Geld in einem Lokal. Der Geldfluss setzt bei der Bundesbank wieder ein. Sie überweist Geld an den deutschen Staat. Inzwischen hat die Bundesbank wegen dieser Konstruktion Forderungen gegenüber der Eurozone in Höhe von 780 Milliarden Euro – Tendenz steigend. Das Geld ist verloren, wenn der Euro zerbricht.
BZ: Diese These, die der Ökonom Hans-Werner Sinn lautstark vertritt, ist umstritten. Letztlich kommen die großen Risiken in der Bundesbank doch dadurch zustande, weil der Geldfluss zwischen den Privatbanken im Norden und Süden der Eurozone versiegt ist und derzeit die Notenbanken einspringen müssen.
Gerken: Solange der Süden der Eurozone aber nicht wettbewerbsfähig ist, geben Kapitalanleger keine Kredite dorthin – und solange kann man den deutschen Steuerzahler nicht zum Profiteur der Krise erklären. Er wird im Gegenteil große Verluste zu tragen haben.
ZUR PERSON: LÜDER GERKEN
Der liberale Ökonom (54) ist gebürtiger Bremer und ausgebildeter Bankkaufmann. Er studierte Wirtschafts- und Rechtswissenschaften und leitete zehn Jahre lang bis 2001 das Walter-Eucken-Institut in Freiburg. Heute ist er hier Chef der Stiftung Ordnungspolitik und des Centrums für Europäische Politik.
Autor: bür
Die Serie zur Krise
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Zuletzt erschienen: Über der Schmerzgrenze – führt die Krise zu sozialen Unruhen? (BZ, 25. Juli, Seite 6)
Die nächste Folge erscheint am
Samstag, 28. Juli.
Autor: bür
Autor: Ronny Gert Bürckholdt





