Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
07. August 2012
Wichtiges Motto: "Öffnung"
BZ-INTERVIEW mit Andreas Homoki, dem neuen Intendanten der Zürcher Opernhauses.
Sein Vorgänger zieht seit diesem Festspielsommer in Salzburg die Strippen – nicht wenige Künstler von der Limmat hat er an die Salzach mitgebracht. Mit Beginn der Spielzeit 2012/13 ist Andreas Homoki, zuletzt Chef der Komischen Oper Berlin, als Nachfolger von Alexander Pereira neuer Intendant der Oper Zürich. Was er plant, was anders wird? Georg Rudiger fragte nach.
BZ: Herr Homoki, die Entscheidung nach Zürich zu gehen, ist ja bereits 2008 gefallen. Warum Zürich?Andreas Homoki: Weil die mich gefragt haben. Und Zürich ist eine Top-Adresse. Der Zeitpunkt für den Wechsel war darüber hinaus günstig, denn ich hatte mir sowieso vorgenommen, nach rund zehn Jahren Berlin wieder etwas Neues zu machen. Es gab sehr ausführliche, diskrete Vorgespräche. Meine Frage war, ob ich in Zürich die Produktionsparameter so realisieren kann, wie es mir vorschwebt. Dass das nicht die Komische Oper ist mit Probenzeiten von acht bis zehn Wochen, war mir schon klar. Das brauche ich auch nicht immer, das habe ich in München, Amsterdam oder Hamburg auch nicht. Reizvoll war für mich, dass ich in Zürich wieder mehr "große Oper" machen kann: Wagner, Strauss, die großen Verdi-Opern. Ich hatte ja meine Laufbahn begonnen mit "Frau ohne Schatten" von Richard Strauss. Ein Stück, das ich an der Komischen Oper nie hätte machen können. Die Frage war: Wie kann ich die Zürcher Oper zu meiner Oper machen, ohne sie den Zürchern wegzunehmen?
Werbung
BZ: Ein Vergleich der beiden Häuser zeigt doch sehr große Unterschiede. Zürich hatte in den beiden vergangenen Spielzeiten 14 bzw. 13 Opernpremieren. Dazu kommen noch drei Ballettpremieren pro Saison. Das Haus muss knapp 50 Prozent des Gesamtetats selbst erwirtschaften, die Kartenpreise sind extrem hoch. Es gibt viele Sponsoren, die Ihr Vorgänger fest ans Haus gebunden hat. Bei der Komischen Oper hatten Sie 2011/12 sieben Premieren. Der Eigenanteil liegt bei 15 Prozent. Schreckt Sie die völlig andere Situation in Zürich nicht ab?
Homoki: Auch diesbezüglich profitieren wir von dem langen Vorbereitungsprozess. Wenn man mit den Mitarbeitern des Hauses und der Geschäftsführung redet, stellt sich heraus, dass diese 13 Opernpremieren von vielen schon auch als eine sehr große Zahl empfunden werden. Eine Frage ist zum Beispiel: Wie viel können die Werkstätten in welcher Zeit leisten? Bei uns in Berlin machen wir im Jahr sieben Neuproduktionen, da fangen Sie am Tag nach einer Premiere mit den Proben für das nächste Stück an. Bei 13 überschneidet sich alles ständig. Wir haben alles genau durchgerechnet und kamen dann auf neun Opernpremieren pro Saison, die ich für machbar halte. Die muss man auch erst einmal besetzen mit hochkarätigen Dirigenten und interessanten Inszenierungsteams. Hinzu kommen dann noch drei Neuproduktionen des Balletts.
BZ: War Ihr wichtigstes Ziel in Zürich, die Probenzeiten zu verlängern?
Homoki: Das war nur eins der Ziele. Ich habe in Absprache mit der Geschäftsführung und der technischen Direktion bestimmte Standards festgelegt. Zum Beispiel möchte ich am Haus grundsätzlich sechs Wochen Probenzeit für eine neue Produktion haben. Dann eine bestimmte Anzahl an Beleuchtungsproben, Bühnenproben und so weiter. Auch für Wiederaufnahmen möchte ich genügend Proben ansetzen. Die Qualitätssicherung während der Spielzeit ist mir sehr wichtig. Paradoxerweise wird ja gerade in diesem hochwertigen Opernsegment oft nur auf die Premieren geguckt. Dann müssen Opernbesuche in Zürich zugänglicher werden. Beispielsweise möchte ich Wiederaufnahmen in einer grundsätzlich niedrigeren Preiskategorie ansiedeln. Es gibt ja auch die Tradition der stark ermäßigten Volksvorstellungen in Zürich, bei denen ein Sponsor die Vorstellung bezuschusst und die Besucher nur noch die Differenz bezahlen müssen. Auch Restkarten zu ermäßigten Preisen für Jugendliche möchte ich einführen.
BZ: Die Zürcher Oper hat meiner Erfahrung nach ein viel konservativeres Publikum als die Komische Oper. Spielt das für Ihre Planungen eine Rolle?
Homoki: Diesen Eindruck habe ich nicht. Ich erlebe das Zürcher Publikum als durchaus neugierig – und vor allem als viel weniger aggressiv als in Berlin. In Berlin kann eine Premiere dann auch mal tumultartig werden, weil irgendwelche Leute während der Vorstellung einfach hineinbrüllen und damit weitere Zuschauerreaktionen provozieren. Das habe ich in Zürich nie erlebt.
BZ: Ist Calixto Bieito, der in seiner Berliner Inszenierung die "Entführung aus dem Serail" in einem Sadomaso-Studio angesiedelt hat, ein Mann für Zürich?
Homoki: Warum nicht, wenn es das richtige Stück ist? Ein wichtiges Motto meiner Intendanz in Zürich ist "Öffnung". Man sollte das Publikum nicht unterschätzen. In diesem Zusammenhang ist die Kommunikation mit dem Publikum sehr wichtig. Ich muss die Leute mitnehmen – und darf Ihnen nicht einfach was vor den Kopf knallen. Schon gar nicht in der Schweiz – als Deutscher! Ich bin da vielleicht ein bisschen naiv, denn ich glaube immer an das Gute. Ich werde mit vielen Regisseuren, die mich in Berlin begleitet haben, in Zürich weiterarbeiten. Es wird aber auch neue Namen geben.
BZ: Nehmen denn die Sponsoren Einfluss auf die künstlerische Arbeit?
Homoki: Nein, das ist kein Thema. Bei denen ist allervornehmste Zurückhaltung angesagt. Das Opernhaus Zürich ist eine private Aktiengesellschaft, die von theaterbegeisterten Bürgern gegründet wurde. Das darf man nicht vergessen. Viele deutsche Opernhäuser sind ja aus früheren Hoftheatern entstanden. In Zürich kommt die Opernbegeisterung sozusagen von unten.
BZ: Wie wird das Musiktheater sein, das Sie in Zürich anbieten?
Homoki: Lebendig, hochkarätig, spannend. Und emotional.
ZUR PERSON: ANDREAS HOMOKI
Geboren 1960 in Marl, Studium der Schulmusik und Germanistik. Regieassistent bei Harry Kupfer. Inszenierungen an zahlreichen europäischen Opernhäusern und in Tokio. 2002 Chefregisseur an der Komischen Oper Berlin, 2003–2012 dort Intendant. Nun Intendant des Opernhauses Zürich.
Autor: BZ
DIE ZÜRCHER OPERNSAISON
Jenufa, 23.9. (Fabio Luisi/Dmitri Tcherniakov); Sale, ein Händel-Projekt 4.11. (Laurence Cummings, Christoph Marthaler); Der fliegende Holländer, 9.12. (Luisi/Homoki); Rigoletto, 3.2. (Luisi/Tatjana Gürbaca); Drei Schwestern, 9.3. (Michael Boder/Herbert Fritsch); Lady Macbeth von Mzensk, 7.4. (Teodor Currentzis/Homoki); Don Giovanni, 26.5. (Robin Ticciati/Sebastian Baumgarten); La Straniera, 23.6. (Luisi/Christof Loy).
Autor: BZ
Autor: ruge





