Im Rollstuhl durch das Winzerdorf

Wie barrierefrei ist Ihringen?

Susanne Bremer

Von Susanne Bremer

Mo, 10. September 2018 um 19:07 Uhr

Ihringen

Alle Menschen sollen überall dabei sein dürfen. Manchmal ist dies aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Aus diesem Grund hatte die Aktion Mensch zum Abschluss des Ihringer Ferienprogramms ein ganz spezielles Thema. 13 Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 13 Jahren schauten fünf Stunden lang in der Kaiserstuhlgemeinde genauer hin. Sie prüften, wo es schon barrierefreie Angebote gibt und wo noch Verbesserungen möglich sind.

IHRINGEN (BZ). Mit der Aktion wurden mehrere Ziele verfolgt: Zum einen wurden die Teilnehmer für Menschen sensibilisiert, die in irgendeiner Form eingeschränkt sind, zum anderen lernten sie die weltweit nutzbare App wheelmap.org kennen, in die Informationen zur Barrierefreiheit eingestellt werden können. An diesem Tag übernahmen die Organisatoren der Veranstaltung das Hochladen der Bewertungen in die App. Gemeinsam hatten sich unter der inhaltlichen Federführung der kommunalen Inklusionsvermittlerin Christina Clement das Jugendzentrum Ihringen mit Jugendreferentin Carina Laule und Jutta Schillinger sowie Susanne Bremer dieses wichtigen Themas angenommen.

Mit Rollstühlen, Blindenstöcken und Augenklappen ausgestattet, konnten die Kinder und Jugendlichen die Veranstaltungsinhalte selbst erfahren. Diese Leihgaben hatten das Sanitätshaus Pfänder sowie Ramon Kathrein von "Finsterlebnis Freiburg" zu Verfügung gestellt. Kathrein gab einige Tipps, wie Jugendliche buchstäblich die Blickrichtung ändern können, wenn der Sehsinn beeinträchtigt ist. Nach einer Vorstellungsrunde, in der das große Interesse und die Neugier der teilnehmenden "Detektive" deutlich wurden, erläuterte die Inklusionsbeauftragte Christina Clement das Anliegen. Dabei beeindruckte die 12-jährige Rhona mit ihrer Feststellung, dass die Menschen behindert werden, etwas zu tun und nicht, dass sie behindert sind. Noch deutlicher wurde dies, als in der angeregten Diskussion gemeinsam erarbeitet wurde, dass oft auch Menschen mit Kinderwagen, Rollatoren und Koffern mit Rollen in diesem Sinn "behindert" würden.

Essen, ohne zu sehen
Selbst in der Mittagspause, in der die Gruppe mit frisch zubereitetem Essen im Jugendzentrum versorgt wurde, kreisten die Gespräche rund um die Einschränkungen, die Menschen mit Behinderung erfahren können. Wie findet sich ein Sehbehinderter auf seinem Teller zurecht, wie gießt er sich Getränke ein? Für solche Fragen gab es Tipps, die natürlich gleich ausprobiert wurden. So reicht es beispielsweise, wenn man beim Einschenken das Glas anfasst und dabei mit einem Finger ins Glas fasst. Berührt die Flüssigkeit den Finger, hört man auf einzugießen.

Ampelsystem und Karte
In zwei Gruppen wurden im Ortskern Plätze und öffentliche Gebäude erforscht. Es wurden aber auch Arztpraxen, Restaurants, Hotels, Geldinstitute sowie Einkaufsmöglichkeiten nach den vorher erörterten Kriterien unter die Lupe genommen. Dazu gehören für Rollstuhlfahrer bei Automaten und Briefkästen etwa die Breite von Türen (mindestens 70, besser 90 Zentimeter), die Bodenbeschaffenheit (sind Rampen vorhanden) und sind die Einrichtungen ohne Stufe erreichbar. Wenn diese Merkmale alle erfüllt sind, wird nach dem Ampelsystem eine grüne Fahne in der Karte der App hochgeladen. Wird nur eine gelbe oder gar rote Fahne erreicht, können Zusatzbemerkungen erklären, wie man sich behelfen kann.

Rollstuhlgerechtes Rathaus
Begeistert waren die Gruppen von der Mediathek im neuen Schulgebäude der Neunlindenschule. Der Abstand zwischen den Regalen ist für den Rollstuhl breit genug. Sogar Hörbücher für Sehbehinderte sind vorhanden. In der Kirche und dem Gemeindehaus der evangelischen Gemeinschaft wird mit induktiven Höranlagen zusätzlich an Menschen mit eingeschränktem Hörvermögen gedacht. Im Rathaus informierte Michaela Gündel vom Bürgerbüro über Eingänge und Hilfestellungen, die schließlich zu der Beurteilung "rollstuhlgerecht" führten.

Inklusionsbeauftragte gibt Tipps
Trotzdem könnte in Ihringen noch einiges getan werden. So könnten zu schmale Bürgersteige und unebene Pflasterungen im Zuge von Bauvorhaben verändert werden, sagte Inklusionsvermittlerin Clement. Besitzern von Geschäften, Gaststätten oder Hotels gibt sie gerne Tipps, wie Barrierefreiheit durch kleine Maßnahmen erreicht werden kann. Wie leicht Behinderungen aus dem Weg geräumt werden können, bemerkten die Barriere-Kundschafter, als sie Mülltonnen und auch einige Hinweisaufsteller entdecken, die gedankenlos mitten auf dem Bürgersteig gestellt worden waren. Kurzerhand schoben sie die Hindernisse an die Seite und setzten damit die Botschaft dieses Tages "mitdenken, mithelfen oder auch mitmappen" bei wheelmap gleich um.

Weitere Infos: Kommunale Inklusionsvermittlerin Christina Clement, Telefon 0491754237411, E-Mail: inklusion@ihringen.de; www. wheelmap.org