Warum die Zeit mal schnell und mal langsam geht

Wie die Zeit vergeht

Sonja Zellmann

Von Sonja Zellmann

Mi, 16. Januar 2019 um 11:08 Uhr

Neues für Kinder

Eine Stunde mit Freunden ist in Nullkommanix vorbei. Die fünf Minuten bis zur großen Pause können aber eine Ewigkeit dauern. Und das, obwohl doch jede Minute gleich lang ist. Warum sich Zeitspannen ganz unterschiedlich anfühlen können, hat Andrea Kiesel, Psychologieprofessorin an der Universität Freiburg, Sonja Zellmann erklärt.

BZ: Woran liegt es, dass uns eine Stunde manchmal ganz lang und manchmal viel zu kurz vorkommt?

Kiesel: Um das zu erklären, muss man unterscheiden, wie man Zeit erlebt, während man etwas macht, und wie man sie erlebt, wenn man sich später an ein Erlebnis erinnert. Denn da gibt es einen spannenden Gegensatz: Während ich etwas mache, vergeht die Zeit umso schneller, je mehr passiert, je aufregender oder spannender etwas ist. Während ich aber dasitze, mich langweile und nichts geschieht, vergeht die Zeit ganz langsam. Erinnert man sich jedoch einen Tag später an die jeweilige Situation, ist es genau anders herum: Dann hat man an die Zeit, in der ganz viel war, eine sehr reichhaltige Erinnerung und schätzt sie plötzlich als lang ein. Die Zeit, in der man nichts erlebt hat, kommt einem hingegen kurz vor, weil man da ja auch nichts zum Erinnern hat. Ist man zum Beispiel eine Stunde in einem Freizeitpark, fährt dort ganz viele Bahnen und erlebt eine Menge, vergeht die Zeit im Flug. Denkt man danach aber an jeden einzelnen aufregenden Moment, hat man eine sehr lebhafte Erinnerung daran und die Stunde erscheint gar nicht mehr kurz.

BZ: Kann man Zeit denn irgendwie festhalten, wenn man will, dass sie langsam vergeht? Zum Beispiel am Geburtstag?

Kiesel: Das ist schwierig, denn während der Geburtstagsparty genießt man ja das Erlebnis und will nicht plötzlich eine Pause machen, um es in Gedanken festzuhalten. Dann wäre das Erleben auch ganz anders und sicher nicht mehr so schön. Gut ist allerdings, wenn man sich gleich im Nachhinein stark daran erinnert, also darüber nachdenkt, was war, mit den Eltern nochmal über den Tag spricht oder ihn in einem Tagebuch festhält. Denn Erinnerungen bleiben stärker im Gedächtnis, wenn man sich das Erlebnis, sobald es vorüber ist, nochmal richtig einprägt.

BZ: Und kann man die Zeit bei Langeweile beschleunigen?

Kiesel: Manchmal ist es ja gar nicht schlecht, Zeit zu haben. Man kann mal in Ruhe nachdenken, sich Geschichten ausdenken, Pläne schmieden, sich an schöne Dinge erinnern – oder zum Beispiel was malen oder basteln. Und sobald man sich beschäftigt, vergeht auch die Zeit wieder schneller.

BZ: Erwachsene sagen oft Dinge wie: "Mensch, das Jahr ging wieder schnell vorbei." Und Kinder denken dann: "Wie bitte? Fand ich gar nicht." Erleben Große und Kleine Zeit unterschiedlich?

Kiesel: Viele Erwachsene erleben – anders als Kinder – in ihrem Alltag nicht viel Neues. Neues bleibt aber viel besser im Gedächtnis. Auch Gefühle sind wichtig fürs Erinnern, und Kinder sind oft mit stärkeren Gefühlen bei der Sache. Kinder haben also tendenziell mehr Erinnerungen an ein Jahr, weshalb es ihnen viel länger erscheinen kann als einem Erwachsenen.