Wohnungsunternehmen

Wie ein Streit zwischen Freiburger Mietern und Vonovia eskaliert – wegen Wasserschäden

Anja Bochtler, Simone Lutz

Von Anja Bochtler & Simone Lutz

Mi, 11. Juli 2018 um 10:35 Uhr

Freiburg

Trotz überlaufender Toilette und schimmeligen Wänden ließ sich der Vonovia-Konzern lange bitten, bis er auf Schadensmeldungen reagierte. Zwei Freiburger erhielten eine Kündigung – die Nerven aller Beteiligten liegen jetzt blank.

Es sind ähnliche Fälle: Ekkehard Nieke in Weingarten und Heike Schulze in Landwasser hatten Wasserschäden in ihren Wohnungen. Ihr Vermieter, der Immobilienkonzern Vonovia, der in Freiburg laut eigenen Angaben 2700 Wohnungen besitzt, reagierte nur langsam oder gar nicht. Die Mieter verloren die Nerven, einiges lief schief, schließlich erhielten beide Kündigungen.

Ihr Anwalt Philipp Stark kritisiert den Vonovia-Konzern: Der mache seinen Job als Vermieter "mehr als schlecht", erwarte aber von Mietern fehlerfreies Verhalten.

Eine übergelaufene Toilette war der Anfang des Unheils

Inzwischen hat Heike Schulze das Schlimmste überstanden. Monatelang hatte sie so große Angst, nach 33 Jahren ihre Wohnung zu verlieren, dass sie bei jedem Klingeln zusammenschreckte und sich kaum noch zum Briefkasten wagte. Alles begann mit einer übergelaufenen Toilette im vergangenen August.

Bis die Handwerker kamen, hatte sich das Fäkalwasser in der Wohnung ausgebreitet, es stank, Wände schimmelten. Später während der Sanierung musste sie vier Wochen lang Tag und Nacht den Lärm und die Überhitzung durch die Trocknungsgeräte ertragen – es war Sommer, sie hatte 32 Grad in allen Zimmern und konnte wegen der lauten Geräte nicht schlafen.

Ein paar Monate später machten Handwerker eine Probebohrung am Boden und stellten Asbest fest. Heike Schulze musste ein paar Tage ausziehen, statt in der von Vonovia angebotenen Ferienwohnung kam sie bei ihrem Sohn unter. Für ihren Anwalt war sofort klar: Bei solchen Umständen muss es mindestens 50 Prozent Mietminderung geben. Da passte es nicht schlecht, dass durch einen Zufall nur noch ein Teil der Miete bei Vonovia einging – das allerdings fiel Heike Schulze erst einige Monate später auf.

Vonovia kündigt Ausgleich an

Der Grund dafür war, dass ihr Wohngeld auslief, doch sie wusste damals nicht, dass es ohne einen neuen Antrag von ihr nicht weiter gezahlt werden würde. Als im Februar die fristlose Kündigung für ihre Wohnung kam, fiel sie aus allen Wolken – die Hintergründe verstand sie erst allmählich. Obwohl sie ihr Anwalt Philipp Stark bestärkte, die fehlenden Mietzahlungen als Mietminderung geltend zu machen, hat Heike Schulze im Mai ihren Sohn die fehlende Summe überweisen lassen – ihre Angst war zu groß.

Der Anwalt der Vonovia wollte danach die Kündigung zurückziehen, aber keine Mietminderung anbieten und Heike Schulze die Kosten für das Verfahren aufbürden. Ihr Anwalt hat Widerspruch eingelegt, Mitte August ist eine Verhandlung vor dem Amtsgericht.

Gegenüber der BZ entschuldigt sich der Vonovia-Pressesprecher Max Niklas Gille bei Heike Schulze und kündigt vage einen "Ausgleich" an: "Wir wollen eine Lösung finden." Wäre es auch ohne Nachfrage der BZ zu diesem Sinneswandel gekommen? Darauf antwortet Max Niklas Gille nicht.

Ekkehard Nieke verlor die Fassung – dann kam die Räumungsklage

Kein Ende der Probleme ist bei Ekkehard Nieke in Sicht: Der gelernte EDV-Kaufmann lebt nach vier Schlaganfällen von Rente und Grundsicherung. Er hat eine 45-Quadratmeter-Wohnung in der Krozinger Straße, für die er rund 500 Euro Miete warm zahlt. Vor etwa einem Jahr bemerkte er, dass an der Decke im Wohnzimmer Blasen auftauchten, bald darauf fiel Putz herab, erzählt er. Im Bad stand Wasser auf dem Badezimmerspiegel – Wasserrohrbruch in einer der darüberliegenden Wohnungen.

Nieke erzählt, dass er mehrere E-Mails an den Objektbetreuer der Vonovia schrieb, in dem er den Schaden reklamierte, fünf Termine ausmachte, zu keinem sei der Zuständige erschienen. Inzwischen wuchs in Bad, Wohnzimmer und Schlafzimmer dick Schimmel an den Wänden.

Als endlich ein Handwerker gekommen sei, um Tapete und Putz abzureißen, habe eine Vonovia-Mitarbeiterin per Telefon gefragt, ob der Schimmel von Kochdünsten herrühren könnte – der Schimmelbeseitiger habe ganz klar verneint. Dann ging er – und seitdem sitzt Ekkehard Nieke in einer verwüsteten Wohnung. Was tun? Nieke behielt eine Monatsmiete ein und reduzierte andere Mietzahlungen. Immer noch geschah nichts, sagt er: "Dann ist mir der Kragen geplatzt." Er schickte dem Objektbetreuer eine Mail, in der sinngemäß stand: "Wenn ich dich nächstes Mal sehe, dann renn".

Für die Mail kassierte er eine Anzeige. Dann schickte er noch eine Mail, in der er den Objektbetreuer beleidigte. Ende Januar 2018 erhielt er eine Räumungsklage von Vonovia, Nieke soll nachzahlen, er sitzt in seiner demolierten Wohnung und weigert sich. Sein Antrag auf Prozesskostenhilfe wurde abgelehnt, Drohung und Beleidigung schlagen schwer zu Buche. Sein Anwalt hat Beschwerde eingelegt.

Der Vonovia-Pressesprecher Gille äußert sich zum laufenden Verfahren knapp. Er betont nur, die Drohung gegen den Objektbetreuer sei "ein starkes Stück" gewesen. Dass Ekkehard Nieke als schwer kranker Mann – eingepfercht in einer demolierten Wohnung und ohne Unterstützung durch den Objektbetreuer – verzweifelt gewesen sei, hält er für "irrelevant". Ekkehard Niekes körperliche Beeinträchtigung (er braucht einen Rollator) seien der Vonovia nicht bekannt gewesen, sagt Max Niklas Gille – obwohl der Anwalt diese genau geschildert hat. Zudem sagt Gille, der Objektbetreuer habe mit Ekkehard Nieke vergeblich einen Termin suchen wollen – das sei gelogen, sagt Nieke empört: "Ich beschwere mich doch nicht zigfach und verweigere dann die Beseitigung der Schäden!"