Wie eine neue Oper entsteht

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Mo, 11. Februar 2019 um 10:53 Uhr

Theater

Michael Wertmüller und Pavel B. Jiracek über Entstehung, Form und Inhalt von "Diodati. Unendlich"

Dreieinhalb Jahre Vorbereitungszeit waren nötig, um die Oper "Diodati. Unendlich" zu schaffen, die jetzt im Basler Theater kurz vor der Uraufführung steht. Zusammengeschlossen haben sich für das Auftragswerk der Schweizer Komponist Michael Wertmüller und die deutsche Dramatikerin Dea Loher. Zwei Themenstränge aus zwei Jahrhunderten lassen sie aufeinandertreffen und vertont wird das Ganze mit einem, so die Ankündigung, "rauschhaften Mix aus Zwölftonmusik, Blues, Jazz und Heavy Metal".

Auch wenn die umgekehrte Richtung möglich gewesen wäre, stand der Text stand diesmal an erster Stelle, die Musik folgte. Wie entsteht aber eine neue Oper? Der Frage wollten der Basler Dramaturg Pavel B. Jiracek und der Komponist in einem Werkstattgespräch auf den Grund gehen. So einfach lässt sie sich indes nicht beantworten. Für Michael Wertmüller schon gar nicht. Als Schlagzeuger zunächst im klassischen Orchester und später vermehrt im Jazz und der Neuen Musik aktiv, hat der gebürtige Thuner auch ein Kompositionsstudium an der heutigen Universität der Künste in Berlin bei dem Experimentalmusiker Dieter Schnebel vorzuweisen. "Diodati" ist neben weiteren Kompositionen seine vierte Opernarbeit. Den Auftrag für die große Bühne erteilten Operndirektorin Laura Berman und Intendant Andreas Beck.
Für das Libretto hat Dea Loher, die ihrerseits zum zweiten Mal mit Wertmüller zusammenarbeitet, zwei Partien zusammengebracht. Die eine geht auf das Jahr 1816 zurück und den eher unfreiwilligen Aufenthalt von fünf Briten in der Villa Diodati am Genfer See. Zu den Gästen zählen unter anderem die beiden Romantiker Lord Byron und Percy Shelley sowie dessen spätere Frau Mary, deren legendärer 1818 erschienener Roman "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" hier seine Wurzeln hat. Die fünf Bühnenfiguren, zu denen sich als Vision in Basel auch noch Byrons Halbschwester gesellen wird, hatten sich in der Schweiz eigentlich auf die Suche nach der "erhabenen Natur" machen wollen, als infolge eines Vulkanausbruchs in Indonesien ein Jahr zuvor, weltweit der Sommer ausfiel und es unablässig regnete und stürmte.

In der Villa wurde daraufhin beschlossen, einander Geschichten zu erzählen, unter anderem über so schauerliche und fremdgesteuerte Kreaturen wie Mary Shelleys im Labor produziertes Monster. In der Oper, die in Basel die Amerikanerin Lydia Steier inszeniert, geht es jetzt um die Suche nach Freiheit und Individualität, aber auch um die Grenzen der Freiheit. Mit Blick auf die jüngsten Experimente mit Genscheren und menschlichen Klonen sei das Thema übrigens hochaktuell, daran erinnerte Jiracek. Der Dramaturg brach auch schmunzelnd eine Lanze für den musikalischen Kosmos, der mit dem Werk auf die Bühne kommt: "Man sitzt auf der Stuhlkante und wippt mit, was man sonst ja nicht so hat bei Neuer Musik."

In Kombination mit der zweiten Ebene – Dea Loher führt hierfür das Genfer Kernforschungszentrum Cern mit ein – wird die Oper zu einem extrem komplexen Gebilde. Hatten mit ihren Experimenten zum Urknall und dabei entstehenden Schwarzen Löchern Cern-Forscher auch schon Irritationen ausgelöst, bringt das Opernduo Loher/Wertmüller sein Konstrukt jetzt bezogen auf die Genschere auf die Bühne. Das Libretto bestehe aus 23 teils narrativ, teils lautmalerisch aufgebauten Bildern und sehe für sich schon aus wie ein Kunstwerk, so der Komponist. Seine Musik nimmt das auf, indem zusätzlich nach Maßverhältnissen des Goldenen Schnitts die verschiedenen Partien anfangs länger und später immer kürzer werdend, sich die beiden Themenstränge quasi scherenförmig begegnen. "Die neue Zeit überrennt so die alte", erklärt Wertmüller die Idee.

Info: "Diodati. Unendlich", Premiere So 24. Februar, 19.30 Uhr, große Bühne des Theaters Basel. Nächster Termin im Rahmenprogramm: Matinée mit dem Inszenierungsteam: So 10. Februar, 11 Uhr, Theaterfoyer.