Nachdenken über Kunst

Wie entsteht ein Bild? Gruppenausstellung im Kunstraum Bürkle

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Do, 12. Juli 2018 um 19:32 Uhr

Kunst

Die Gruppenausstellung "Auf der ganzen Linie!" im Freiburger Kunstraum Alexander Bürkle geht konzentriert der Frage nach, wie ein Bild entsteht.

"Die bildnerische Form überhaupt beginnt beim Punkt, der sich in Bewegung setzt", schrieb Paul Klee 1922 in seinen Beiträgen zur bildnerischen Formlehre. Nach dem Ansetzen des Stiftes entstehe so die Linie, die Fläche definiere. Ein halbes Jahrhundert später dachte der US-amerikanische Bildhauer Fred Sandback Klees Formlehre weiter und faltete Linie und Fläche mit radikal reduzierten Setzungen in die Dreidimensionalität.

Im Freiburger Kunstraum Alexander Bürkle eröffnet eine seiner unbetitelten Arbeiten von 1972 – Sandback war damals gerade mal 29 – nun eine konzentrierte Gruppenschau zur Linie als konstituierender Größe der Zeichnung, als Motiv, Raummodell oder Spur des Körpers auf dem Grund. Die diagonal in die Ecke des ersten Saales gespannte Raumzeichnung Sandbacks – ein weißer Acrylfaden, Länge: 794 Millimeter – korrespondiert hier schön mit einer Drahtskulptur von Norbert Kricke, die aus nichts als einer ebenfalls weißen, in zwei rechten Winkeln in den Raum gebogenen Linie besteht.

Tatsächlich ist das Ausgreifen der Linie in den Raum eines der Leitmotive dieser Ausstellung. Katharina Hinsberg etwa, die mit zwei Werkgruppen vertreten ist, schnitt früh scheinbar willkürlich aufs Papier geworfene Linienkringel fein säuberlich mit dem Cutter aus, so dass anstelle des Strichs längliche Löcher klafften – um dann gut zehn Jahre später sämtliche Flächen zwischen den Linienzeichnungen ihrer Serie "Ajouré" wegzuschneiden und die Blätter so umgekehrt in filigrane Netze zu verwandeln, die flirrende Schatten werfen. Auf den kleinformatigen Blättern des Leipziger Künstlers Sebastian Rug, nebenan zu sehen, entstehen unter den winzigen, maschenartigen Bewegungen des Bleistiftstifts zarte Gitterstrukturen, die an textile Gewebe erinnern.

In diesem Spannungsfeld von Wiederholung und Differenz, Kalkül und Zufall bewegen sich auch die Zeichnungen von Christiane Schlosser. Die Arbeiten der Berlinerin gruppieren sich um Richard Longs "Clod, Spring, Circle" auf großen Papierbögen und im wandfüllenden Format einer 120-teiligen Tuschearbeit in leuchtendem Hokkaido-Kürbis-Orange. Das zentrale Thema ihrer in horizontalen Linien angelegten Strichzeichnungen ist die Entscheidung, den Stift ein oder mehrere Male pro Zeile abzusetzen. Im Wechsel von Linie und Leerstelle entstehen so eigenwillig rhythmisierte, diagrammartige Zeichnungen, die vom Verstreichen der Zeit erzählen, aber auch von Selbstdisziplin, Körperkontrolle und Verausgabung.

Auf andere, aber kaum weniger kontrollierte Weise erkundet Caroline Kryzecki den Bildraum in ihren teils riesigen Kugelschreiberzeichnungen. Entlang extrem langer Lineale trägt die junge Künstlerin die aus der Mine laufende Farbe hier Linie um Linie und Schicht um Schicht in fächerartigen Strukturen auf. Das Ergebnis sind abstrakte Zeichnungen, die aus der Ferne schimmern wie gebürstetes Metall.

Mit ähnlichen Mitteln – etwa einer Glasscherbe als Lineal – konstruiert auch der Stuttgarter Thomas Müller seine spektakulären Bildräume, die mal an die fotografischen Abstraktionen aus Wolfgang Tillmans berühmter Serie "Freischwimmer" erinnern, mal an Wegenetze oder Makroansichten botanischer Gitterstrukturen. Müller erforscht in seinen Zeichnungen die bildnerischen Möglichkeiten der Materialien, die er verwendet. Er knüpft damit in gewisser Weise an die Idee des Inventars an, von der ausgehend die kürzlich verstorbene US-amerikanische Künstlerin Marcia Hafif die Malerei ab Anfang der 1970er Jahre in ihre Einzelteile zerlegte. Was sie dabei interessierte, war die Frage, was genau eigentlich ein Bild ist – eine Frage, die auch im Zentrum der Sammlung der Ege Kunst- und Kulturstiftung und viele ihrer Ausstellungen im Kunstraum Alexander Bürkle steht. Zu den absoluten Höhepunkten der Gruppenschau "Auf der ganzen Linie!", die am Sonntag eröffnet, gehören so – neben wunderbar zarten Graphitzeichnungen von Rudolf de Crignis – zehn unscheinbare Blätter, auf denen Hafif zwischen Februar 1972 und Oktober 1973 in systematisch variierten Strichfolgen Einblick in die Genese ihres später wegweisenden Konzepts des Radical Painting gab.

Im letzten Raum der Schau warten dann schließlich wunderbar farbintensive Aquarellzeichnungen von Beate Terfloth als Doppelhommage an zwei weitere Heldinnen der Kunstgeschichte – an Agnes Martin und an die japanische Schriftstellerin Sei Shonagon, Autorin des legendären "Kopfkissenbuchs" aus dem 10. Jahrhundert, das als Kulttext der Wahrnehmungssensibilität gilt.

Kunstraum Alexander Bürkle, Robert-Bunsen-Str. 5, Freiburg. Bis 16. Sept., Di bis Fr So 11–17 Uhr. Vernissage am 15. Juli um 11 Uhr.