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03. August 2012

Wie im Film – nur schöner

Auf den Spuren des Handwerks durch das beschauliche Kinzigtal.

  1. Pause: Die Kinder haben sie sich wirklich verdient. Foto: Manuela Müller

  2. BUBU Foto: Manuela Müller

Nur mit Räuberleiter ist der Holländer zu erklimmen. Unsere Jungs haben Schwierigkeiten, auf den riesigen Baumstamm zu klettern, der da in Schiltach neben dem Fluss liegt. Selbst Anlauf und Springen helfen nichts. Ein Meter ist einfach zu hoch.

Zu seinem Namen kam der Holländer, weil die Holländer seit dem 17. Jahrhundert scharf auf solche Hölzer waren: Mindestens 30 Meter Länge und am dünneren Ende ein Durchmesser von 40 Zentimeter waren Pflicht. Amsterdam ist wohl auf Holz aus dem Schwarzwald gebaut.

"Die hatten doch keine Lastwagen früher. Und so einen Baumstamm kann doch keiner tragen", sagt der fünfjährige Emil, der mit Papas Hilfe endlich auf dem Holländer sitzt. Stimmt. Deswegen war der Fluss so wichtig. Er war über Jahrhunderte Transportweg. Für uns ist er in diesen Tagen Wegweiser bei unserer Radtour.

Die Kinzig entspringt nahe Freudenstadt und bahnt sich auf 93 Kilometern ihren Weg nach Kehl, wo sie in den Rhein mündet. Wir fahren erst einmal anders herum: von Offenburg in den Schwarzwald. Gemütlich arbeiten wir uns in der Kinzigtalbahn durch knackiges Grün, links und rechts Berge. Wald und immer mal wieder eine Burg. Die Sonne malt eine Idylle. Die breite Kinzig kommt näher und ist dann wieder gar nicht zu sehen. Das Tal wird enger.

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Für das Bähnle geht es ab Alpirsbach weiter aufwärts nach Freudenstadt, für uns abwärts. Wobei das nicht ganz stimmt. Kurz hinter dem Ort mit der bekannten Brauerei nehmen wir erst noch eine ordentliche Steigung auf uns. "Ich dachte, wir müssen gar keine Berge fahren", beschwert sich Emil, der mit Schweißperlen an den Schläfen sein Kinderfahrrad schiebt. Die Mühe hat sich gelohnt: Kühe stehen an der Grenze zwischen Württemberg und Baden auf der Wiese rum. Die Aussicht ist Beleg für die zurückgelegten Höhenmeter. Hinter uns Apfel-, Zwetschgen- und Mirabellenbäume. Und sogar ein Traktor fährt an uns vorbei. Jetzt runterrollen lassen. Der Fahrtwind im Wald tut gut. Und da ist wieder die Kinzig.

Dann Schiltach. Ein Wettbewerb der Häuser: Welches ist das schönste im ganzen Ort? Braun oder rot gestrichene Fensterrahmen, die dunklen Balken des Fachwerks, Butzenscheibenfenster, grüne Fensterläden, Blumen auf Fensterbänken. Ein paar Kinder spritzen sich im seichten Wasser der Kinzig nass, ein Vater paddelt mit seinem Sohn auf einem Kanu vorbei. Vom Ufer aus schauen wir ins Dachgeschoss der Gerberei Trautwein. Dort hängen Tierhäute, die der Wind wie beige Wellen hin und her wiegen lässt.

Eine Gruppe richtiger Mannsbilder hat die Flößertradition in Schiltach wieder aufleben lassen. Wir freuen uns darüber, denn so entstand am Fluss der Park mit dem Holländer und den Infotafeln. "Eine Gambe? Wofür ist die denn gut?" Papa liest. Sie war nötig, um das Wasser zu stauen. Mit dem Öffnen der Gambe entstand eine Flutwelle, die das Floß Richtung Wolfach trug. Hinter dem Schüttesägemuseum ist ein solches Floß in Originalgröße zu sehen. Wow, wie riesig!

Wenn von hier aus heute ein Floß ins Land fährt, steht ganz vorne Thomas Kipp, der Obmann der Schiltacher Flößer. Man kann ihn sich mit seinem gepflegten Vollbart und dem Jagdhut gut vorstellen: die schweren Stiefel bis über die Knie, die Beine auf die Hölzer gestemmt, jeden Muskel angespannt, das Stangenruder in der Hand.

Wir nehmen am nächsten Tag trotzdem lieber den Radweg nach Wolfach. Ein kurzes Stück Landstraße, bevor der Weg gemütlich wird. Von Autos keine Spur mehr. Auf dem Kindersitz ruft der dreijährige Willi: "Kühe, … Schafe, … Kühe, … Ziegen, …" In den dunkel bewaldeten Bergen hängen Wolken. Eine Katze duckt sich hinter hohem Gras weg. Ein Sägewerk. Nieselregen. Wiesen. Die Kinzig.

Sie führt uns zu Gerhard Maier. Er ist Chef der Wolfacher Tourist-Information. "Hier wurden die Floße festgemacht, bevor sie Richtung Rhein fuhren", sagt er und hängt sich dabei an einen starken Eisenring, der in einer Hauswand befestigt ist. Auf der anderen Seite des Flusses ist der Wolfacher Flößerpark. Wofür wohl der kleine Ofen da war? "Das ist ein Wiedofen, und das ein Wiedstock." Lange, dünne Eschen- und Haselnusshölzer wurden damit zu strapazierfähigen Seilen – oder besser gesagt Wieden – gemacht. So konnten die großen Baumstämme zu einem Floß zusammengebunden werden. Und dann ging es damit auf dem Wasser gen Westen. Die Wolf verbreitert die Kinzig hier. Auch das Tal wird hinter Wolfach breiter. Ein grünes Bett, durchschnitten von dunklem, blaugrauen Plätschern. Eingerahmt von Bergen. Von dort oben muss man eine Aussicht haben!

Wir testen es. Oberhalb von Hausach, ein Bauernhof. Von der Kinzig ist hier nichts mehr zu sehen. Eine andere Welt. Rosa Ringwald serviert uns frischen Apfelsaft. Die weißen Haare hat sie unter einem Netz ordentlich zusammengesteckt. Falten hat sie kaum, obwohl sie viel lacht, während ihre Hände arbeiten. Nur noch zwei Schäppelmacherinnen gibt es in der Region. Rosa ist eine davon. Schäppel? Das ist die Kopftracht, die unverheiratete Frauen aus Hausach an Festtagen tragen. Eine Art Krone auf einem Ring aus Pappe. Ungefähr 2000 Perlen, Pailetten, Spiegelchen, auf Draht gefädelt und aneinander gesteckt. Dazu schmale, weiße Bänder in Schlaufen gelegt und ein breites, rotes Band, mit dem das Schmuckstück auf dem Kopf befestigt wird. 25 Stunden Arbeit stecken in dem Kunstwerk. Julia sitzt neben der Oma und hilft ihr. Sie ist viel langsamer, aber auch erst acht Jahre alt. Vielleicht wird sie es sein, die in 20 Jahren junge Frauen, Museen und Sammler von Trachtenpuppen mit schillernden Kronen versorgt.

Die Kinder meinen, wir sollten einen Schäppel mitnehmen. Oder zumindest eine von den jungen Hofkatzen. Aber: kein Platz in den Gepäcktaschen. Zurück ins Tal. Auf dem Radweg werden wir überholt: Familien mit älteren Kindern, die quatschen, lachen, singen. Wie in einem Werbefilm.

Im Trachtenmuseum in Haslach denken wir wieder an Rosa und ihre Enkelin, die auch gut in einen Werbefilm passen würden – oder hier ins Museum: so viele verschiedene Kopfbedeckungen aus der Gegend! Schade eigentlich, dass alle Welt nur den Bollenhut aus Gutach kennt.

"Mama, meine Muskeln tun weh." So schön es auch ist: 50 Kilometer in vier Tagen sind genug für einen Fünfjährigen. Der Dreijährige hätte es auf dem Kindersitz noch eine Weile ausgehalten. Wir wollen aber ausruhen. In Prinzbach, abseits des Tals. Also doch noch mal bergauf!

"Sie sind mit dem Fahrrad da?", fragt die Bedienung im Hotel-Restaurant Badischer Hof ungläubig. "Und der Kleine ist selbst geradelt? Bei der Hitze?" Ja! Emil platzt fast vor Stolz. Eine kalte Dusche, den Sprung in den Pool und das vom Hausherrn gejagte Abendessen haben wir uns jetzt verdient.

Autor: Manuela Müller