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17. Februar 2009
über seine Arbeit im Offenburger Kontaktladen zu bloggen?
Wie ist es eigentlich: Der alltägliche Wahnsinn
Seit Anfang Januar beschreibt der Mahlberger Sebastian Frey in einem Blog kurze Episoden aus seiner Arbeit im Offenburger Kontaktladen. Der Blog ist unter http://www.soziale-manieren.de zu finden.
Ende letzten Jahres wurde ich angefragt wegen des Blogs. Er ist Teil der Jahreskampagne von Caritas Deutschland, die das Thema "Soziale Manieren" hat. Die AGJ, unser Fachverband in der Erzdiözese, ist wegen des Blogs direkt auf uns zugekommen – wir sind als einziges niederschwelliges Betreuungsangebot eher ein bunter Hund im Caritas-Programm. Der Kontaktladen ist ein offener Treff. Er ist für Menschen da, die von illegalen Drogen schwerstabhängig sind. So schwer, dass sie keine Termine mehr einhalten können. Der Großteil unserer Klientel ist in Substitution. Das heißt, sie bekommen Methadon als legalen Ersatzstoff für Heroin. Diese Leute müssen einen Platz haben, von dem sie wissen, der ist für sie offen, da können sie hinkommen mit ihren Problemen.
Wir geben im Kontaktladen Überlebenshilfe, wir tauschen Spritzen aus, es gibt dort Kaffee, andere Getränke und zweimal die Woche Essen. Der Kontaktladen hat nur vier Stunden täglich geöffnet, aber in dieser Zeit sind meist 70 bis 80 Leute da. Vom Analphabeten bis zum Studenten ist da alles dabei, der Großteil ist aber sicher Arbeitslosengeld-II-Empfänger. Die Drogen nehmen so viel Zeit in Anspruch, dass meist nicht genug Raum zum Arbeiten bleibt.
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Die Arbeit mit Abhängigen ist nicht einfach. Es ergeben sich aber manchmal auch nette Gespräche, manchmal sitzt man einfach zusammen und blödelt rum. Viele sind auch dankbar, etwa wenn es etwas Gutes zu essen gibt; manche kommen auch nur, weil sie uns sehen wollen. Manchmal gibt es Erfolge, heute etwa kam für einen Klienten der Bescheid der Rentenversicherung, dass für ihn nach Entgiftung und Therapie auch eine stationäre Nachsorge bewilligt wurde. Das Erfolgsziel für uns ist, dass die Klienten regelmäßig zum Arzt gehen und nur Methadon nehmen – und nicht noch zusätzlich Heroin, Alkohol und Schlaftabletten.
Drogen müssen gekauft und verkauft werden – deshalb sind Abhängige konstant dabei, Dinger zu drehen. Wir müssen im Laden immer gegen Dealerei und Hehlerei ankämpfen und unseren Besuchern die Grenzen aufzeigen. Bei Streit versuche ich zu schlichten, wenn das nicht klappt, hole ich die Polizei – ich bin ja nicht im Nahkampf ausgebildet. Deshalb sind immer mindestens zwei Sozialarbeiter im Laden. Im letzten Vierteljahr war es vergleichsweise ruhig – ansonsten hatten wir 2008 von der Körperverletzung über eine Massenschlägerei bis hin zu versuchtem Mord in und um die Einrichtung alles. Natürlich hat man Angst, wenn die Fäuste fliegen oder Messer gezückt werden. Aber für diese Dinge gibt es ja die Polizei. Sobald die gerufen wird, räumt sich der Laden meist schnell. Es ist sicher keine Arbeit, die man ewig macht – eher ein paar Jahre. Gerade für einen jungen Sozialarbeiter ist sie aber auch spannend und interessant. Man kann den ganzen Tag wirbeln. Etwa mit Ämtern telefonieren und eine schon fast durchgeklagte Räumung noch einmal hinbiegen. Man kann extrem viel tun, es ist aber auch gleichermaßen belastend. Wenn ich mit dem Zug nach Hause fahre, muss die Sache abgeschlossen werden – da habe ich 20 Minuten Zeit, um den Deckel draufzutun. Wenn ich die Arbeit innerlich mit nach Hause nehmen würde, könnte ich meinen Beruf an den Nagel hängen.
In meinem Blog geht es um den alltäglichen Wahnsinn im Kontaktladen. Um das Aufzuschreiben, muss ich jeden Tag eine kleine Supervision betreiben, immer wieder schauen: Wie war der Tag heute. Inzwischen habe ich auch einiges an positivem Feedback auf meinen Blog bekommen. Auch meine Kollegen und Chefs lesen es – unsere Klienten sicher eher nicht.
– protokolliert von Katharina Meyer
Autor: kam
