OB-Wahl in Freiburg

Wie war’s bei … der Vorstellung der OB-Kandidaten im Konzerthaus?

Uwe Mauch

Von Uwe Mauch

Fr, 13. April 2018 um 18:04 Uhr

Freiburg

Auf der Zielgeraden zur OB-Wahl in Freiburg steigt die Spannung: Am Donnerstagabend zeigte das Publikum im Konzerthaus gegenüber den sechs Bewerbern großes Interesse und Wohlwollen.

Rund 1600 Freiburgerinnen und Freiburger haben am Donnerstagabend im Konzerthaus die offizielle Vorstellung der sechs Kandidierenden zur OB-Wahl verfolgt. Doppelt so viele wie vor acht Jahren. Um für Gleichbehandlung zu sorgen, gab es Regeln: zeitliche Obergrenzen, festgelegte Reihenfolgen, ausgeloste Bürgerfragen. Das Publikum war wohlwollend und diszipliniert. Die drei Stunden gingen weitgehend ruhig und fair über die Bühne.

Das Ambiente

Ein wenig ist die Stimmung wie im Theater. Das Publikum blickt gespannt auf die Bühne, wo die Inszenierung vor dem dunkelblauen Vorhang beginnen wird. Auf dem schweren Stoff prangen traditionsbewusst drei Fahnen mit Stadtwappen. Zuvor mussten die Gäste ihre Jacken und Rucksäcke abgeben. Dann hieß es Schlange stehen vor den Taschenkontrolleuren am Einlass. Freie Plätze finden sich nur noch wenige auf den Emporen und in den ganz vorderen Reihen. Zwei Gebärdendolmetscherinnen übersetzen für Gehörlose und Schwerhörige. Als die fünf Bewerber und die Bewerberin auf die Bühne schreiten, wirkt die Szene wie bei einer Preisverleihung – und so ähnlich ist das auch, wenngleich die Jury erst am 22. April wählt.

Das Publikum

Richteten sich bisherige Podiumsdiskussionen meist an bestimmte Zielgruppen, so ist am Donnerstagabend ein bunt gemischtes Publikum zugegen. Auffallend hoch ist der Anteil U 40. Die Menschen empfangen die Kandidaten mit herzlichem Applaus – auch als sie einzeln ans Rednerpult treten. Buh-Rufe handelt sich Martin Horn ein, als er Amtsinhaber Dieter Salomon attackiert, er habe keine Visionen. Jener wiederum erhält Pfiffe, als er anmerkt, er sei stolz auf Freiburg gewesen nach der besonnenen Reaktion der Menschen auf den Mord an der Dreisam, und er habe den Eindruck gehabt, manche seien auch stolz auf diesen Oberbürgermeister gewesen.

Der Ablauf

Die Regeln erklärt Ulrich von Kirchbach, der in seiner neuen Funktion als Erster Bürgermeister die offizielle Kandidatenvorstellung leitet. Jeder Bewerber hat zwölf Minuten, um sich und sein Programm vorzustellen. Derweil müssen die Konkurrenten hinter den Vorhang. Es gibt vier Runden mit je drei Publikumsfragen. Und zum Abschluss hat jeder Kandidat noch zwei Minuten Zeit für ein Schlusswort. Den meisten Beifall des Abends bekommt Hauptamtsleiter Adrian Hurst, als ihn von Kirchbach als den Zeitnehmer vorstellt. Der Sozialbürgermeister sieht sich gezwungen, darauf hinzuweisen, dass Hurst nicht kandidiert.

Die Statements

Alle fangen gleich an: Sie bedanken sich bei den Zuhörern für ihr zahlreiches Erscheinen. Monika Steins Rede entspricht teils wörtlich ihrem Wahlprogramm auf der Homepage. Weil die Zeit drängt, geht es Schlag auf Schlag, folgen der Forderung nach einem NS-Dokumentationszentrum die Sportgeräte im öffentlichen Raum. Manfred Kröber rückt das Wachstum in den Mittelpunkt, das die Stadt und den Verkehr an die Grenzen bringe. Er will den Stadtteil Dietenbach verhindern und fordert einen Bürgerentscheid: "Das Problem sind nicht die Eidechsen heute, sondern die Heuschrecken in Zukunft." Martin Horn will einen Neuanfang und verspricht einen Generationenwechsel, zu dem auch die neue Wirtschaftsfördererin Hanna Böhme und der neue Finanzbürgermeister Stefan Breiter zählten. In seinen ersten 100 Tagen werde er unter anderem ein Leerstandskataster erstellen lassen und eine Koordinationsstelle für Digitales einrichten. Oberbürgermeister Dieter Salomon setzt auf seine Erfahrung in Politik, Führung und Management. Er verweist auf Geleistetes, vom Kita-Ausbau bis zur Schulsanierung, thematisiert die Verunsicherung in der Bürgerschaft und will den Spagat schaffen zwischen Bauen und Erhalt. Wer seine Neujahrsrede gehört hat, wird vieles wiedererkannt haben. Anton Behringer entschuldigt sich gleich zu Beginn, dass er nicht frei reden könne. Er bittet das Publikum, gut zuzuhören, denn es werde nicht viel in der Zeitung stehen. Den Großteil seiner Zeit verwendet er auf Kritik an den "BZ-Medien", denen er tendenziöse Berichterstattung und Wahlkampfhilfe für Salomon vorwirft. Er moniert Wachstum, Schulden, Verkehrspolitik. Für weitere Inhalte läuft ihm dann die Zeit davon. Stephan Wermter präsentiert sich als Underdog, der es geschafft hat, und nun anderen Benachteiligten helfen will. Er werde sein OB-Gehalt spenden und sei von Parteien oder Fraktionen unabhängig.

Die Taktik

Monika Stein ist Monika Stein. Sie will mit der Bodenhaftung einer geerdeten Haupt- und Werkrealschullehrerin punkten. Der einzige Auswärtige, Martin Horn, spricht auffallend oft von "Wir in Freiburg". Er schildert die vielen Besuche von Institutionen und Einrichtungen – und zeigt, dass er städtische Themen beherrscht. Er attackiert nur den Amtsinhaber. "Alles reaktionär, alles nur auf die letzten acht, auf die letzten sechzehn Jahre." Dieter Salomon nennt seinen Widersacher nicht beim Namen. Er appelliert ans Publikum, nicht Leuten zu glauben, die allen nach dem Mund reden oder ausgrenzen. Mit Letzterem war offenbar Stephan Wermter gemeint, der seinen Auftritten Pathos verleiht. Ein Oberbürgermeister müsse die Menschen lieben, so wie sie sind. Manfred Kröber fällt nicht nur wegen seiner Fliege aus dem Rahmen. Gegen den Mainstream verteidigt er das Engagement in einer Partei. "Parteilosigkeit ist nicht unbedingt ein Vorzug." Und er verbucht die meisten Lacher. Anton Behringer attackiert Monika Stein ("linke Pädagogin mit guten, aber nicht finanzierbaren Ideen"), Martin Horn ("Sozialarbeiter, der sich Freiburg wie in einer Klausur aneignet") und Dieter Salomon ("Hätte er einen besseren Job gemacht, stünde ich nicht hier").

Die Lacher

Monika Stein, 48 (unterstützt von einem linken Bündnis), findet, "es ist Zeit für die erste Oberbürgermeisterin Freiburgs nach 900 Jahren".
Martin Horn, 33 (unterstützt von SPD, Wählervereinigung Freiburg Lebenswert und Kulturliste): "Ich habe wunderbare Schwestern, eine davon haben Sie in der Badischen Zeitung kennengelernt" (in Anspielung auf deren gefakten Facebook-Kommentar).
Dieter Salomon, 57 (unterstützt von den Grünen): "Freiburg ist nicht mehr die kriminellste Stadt Baden-Württembergs, sondern Offenburg – ich weiß auch nicht, warum."
Anton Behringer, 51 (parteilos): "Die Dienstlimousine hat wohl abgedunkelte Fenster" – nachdem OB Salomon behauptet hatte, es gebe am Bahnhof kein Verkehrschaos.
In Anspielung auf Martin Horn antwortet Manfred Kröber, 38 (unabhängig), auf die Publikumsfrage, was gegen die Krähenplage in Weingarten unternommen werde: "Ich führe mit ihnen ein Bürgergespräch."
Stephan Wermter, 57 (unabhängig) "Ich will nicht, dass Herr Kretschmann jeden Morgen anruft und den Tag bespricht."

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