Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

22. Januar 2011 18:13 Uhr

Kurzkritik

Wie war’s beim … Schlagerfestival in Heitersheim?

Schlager polarisieren: Genuss oder Grusel? Kein Zweifel, das Schlagerfestival in Heitersheim ist Geschmackssache. Aber das sind Konzerte ja eigentlich sowieso. Die Zielgruppe war jedenfalls begeistert – drei Stunden lang.

  1. Hansy Vogt gibt Kommandos. Das Publikum macht mit. Foto: Patrik Müller

Erster Eindruck: Lange Tischreihen, kein Merchandising-Stand, keine grimmigen Security-Gorillas vor der Bühne – rein optisch könnte das SWR4-Schlagerfestival auch eine Jahreshauptversammlung sein, zumindest vor Programmbeginn. Allerdings ist das Publikum dafür dann doch einen Tick zu gut gelaunt. Die Moderatoren Edi Graf und Reiner Kirsten übrigens auch.

Set-List/Line-Up: Vom Abba-Medley (SWR4-Band) über klassische Bierzelt-Musik wie "Die Hände zum Himmel" (Tony Marshall) und Schmachtschlager wie "Mädchen sind was wunderbares (Oliver Thomas) bis zum Modern-Talking-Cover "Ich bin stark nur mit dir" (Mary Roos) ist eigentlich alles dabei. Das Nockalm-Quintett deckt den volkstümlichen Part des Festivals ab, die Feldberger geben die Lokalmatadoren. Und Mara Kayser ("Alle Männer dieser Welt") lieferte das zarteste Programm des Abends ab.

Die Musik: DOM, wie Radiomacher heute sagen: deutsch-orientiert, melodiös. Und zwar in Reinform. Einfache Melodien zum Mitklatschen, eingängige Refrains zum Mitsingen, jede Menge Herzschmerz und Gefühl. Mal live, mal playback, mal mit Stampfbeat, mal mit Akkordeon. Mary Roos und Mara Kayser geben sich verträumt, die Männer gut gelaunt – irgendwo zwischen Stimmungskanone und Schwiegermutters Liebling.

Werbung


Bühnengebaren: Routiniert, routiniert, routiniert. Hier beeindruckt vor allem Tony Marshall, dem das Kunststück gelingt, mit ganz wenigen Bewegungen eine enorme Bühnenpräsenz auszustrahlen. Kein Zweifel: Der Mann hat Erfahrung – der ausgebildete Opernsänger feierte 2004 sein 50-jähriges Bühnenjubiläum.

Augenschmaus: Die strahlend weißen Zähne von Feldberger-Sänger Hansy Vogt? Das offene Hemd von Oliver Thomas? Die rote Krawatte von Mara Kayser? Oder das nach wie vor volle Haupthaar des über 70 Jahren alten Tony Marshall? Die Entscheidung fällt schwer. Immerhin: Der Sänger steht zu seinem Toupet.

Bestes Zitat: "Ich bin 1,80 groß, habe Schuhgröße 43, Kragenweite 41 – und ich bin Jungfrau" (Reiner Kirsten)

Zweideutigster Refrain: "Ach lass mich doch in deinem Wald der Oberförster sein!" (Tony Marshall)

Unnützes Wikipedia-Wissen: Tony Marshall wurde als Herbert Anton Bloeth geboren. Reiner Kirsten als Reiner Jäkle, Oliver Thomas als Oliver Dyba, Mary Roos als Rosemaria Schwab. Mara Kayser kommt aus dem Banat, wie Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Und Mary Roos war acht Jahre lang mit Gottfried Wendehals verheiratet - das war der Kerl mit der "Polonaise Blankenese".

Was in Erinnerung bleibt: Die Interpreten sind Musiker zum Anfassen, im wahrsten Sinne des Wortes – und lassen sich auch mal von Fans am Bühnenrand umarmen. Die Feldberger und Oliver Thomas stehen in der Pause am Halleneingang, verkaufen CDs, kritzeln Autogramm und lassen sich bereitwillig mit ihren Fans fotografieren. Mal ehrlich: Rockstars würden das eher nicht tun.

Publikum: Überraschend bunt gemischt. Tendenziell natürlich eher älteres Semester, einige Mittdreißiger sind aber auch dabei. Einige klatschen das ganze Festival hindurch begeistert mit, andere sitzen still da, summen leise mit und/oder wippen mit den Füßen. Fünf Frauen sind im Dirndl gekommen, ein paar Konzertbesucher winken mit Leuchtstäben.

Preis/Leistung: Top. 27 Euro für knapp drei Stunden Programm. Die Flasche Bier (0,33 Liter) kostete zwei Euro, eine Cola 1,50 Euro. Für ein Konzert ist das günstig.

Bewertung:
Zwei plus. Die Fans bekamen ein wirklich solides Schlagerfestival und gingen zufrieden nach Hause. Die Gegner waren gar nicht erst in die Heitersheimer Malteserhalle gekommen – warum auch?

Fotos: Impressionen vom Schlagerfestival

Autor: Patrik Müller