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17. August 2012

Wie Wurst in eine Pelle gedrückt

"Jedes Ding hat seine Zeit", heißt es schon im Buch der Prediger des Alten Testaments. Daran hat sich bis heute nichts geändert, nur dass die Zeiten immer schnelllebiger zu werden scheinen und die Dinge sich ergo immer kurzfristiger ablösen. In unserer Sommerserie erinnern wir an solche, die gestern noch ganz aktuell waren, heute aus dem Alltag verschwunden sind. Wenigstens nahezu. Heute: der Hüfthalter.

  1. Zum Bustier der Hüfthalter Foto: Brenda Miller (Fotolia.com)

An dieser Stelle muss mal gesagt werden: Es gibt Dinge, die sind zu Recht verschwunden. Eines davon ist sicherlich der Hüfthalter, Schrecken ganzer Frauengenerationen. Für alle, die ihrer Oma nie beim Anziehen zugesehen hatten: Ein Hüfthalter war so eine Art kurzes Mieder, das über der Unterwäsche getragen wurde. Hergestellt aus fleischfarbenem, körperformendem Material begann es an der Taille und endete am Ansatz der Oberschenkel; am Saum baumelten einige Clips, an denen man Strümpfe montieren konnte. Von der Taille bis zum Oberschenkel aber wurde der weibliche Körper wie Wurst in einer sehr stramm sitzenden Pelle zusammengedrückt. Der Sinn des Ganzen ist klar: Hier sollten Bauch und Hintern in ihre Schranken gewiesen werden.

Fürchterlich. "Mein Hüfthalter bringt mich um!" klagte Ende der 60er Jahre eine Dame im Fernsehen, die sich in ihrem Schlafzimmer der beengenden Ummantelung entledigte – Werbung für die Miederwarenfirma Playtex. Diese bewarb damit die zweiteilige Alternative zum Hüfthalter, eine damals topmoderne 18-Stunden-Stretch-Miederhose samt Zauberkreuz-BH. Allerdings stellte Playtex die Fernsehspots bereits nach einigen Monaten wieder ein, weil die Zuschauer die Botschaft nicht kapierten und annahmen, die 18-Stunden-Hose wolle sie umbringen. Nichtsdestotrotz, der Spruch überlebte und gilt heute als einer der bekanntesten Miederwarenwerbungen überhaupt. Bei der Markteinführung 1966 in den USA lief die Werbung übrigens unter "My girdle is killing me".

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Dabei war der Hüfthalter nicht immer das Altweiberkleidungsstück, als das er heute gilt. Ganz im Gegenteil: Anfang des 20. Jahrhunderts löste er in Folge der Reformbewegung Korsett und Schnürkorsett ab. Sein Siegeszug begann, als im Ersten Weltkrieg die Männer an die Front zogen und Frauen sie in der Fabrik und in der Landwirtschaft ersetzen mussten. Es entwickelte sich das Schönheitsideal der "Garçonne": Frauen wirkten plötzlich knabenhaft, der Busen verschwand unter den ersten "Büstenhaltern", das starre Korsett wurde durch den flexibleren Hüfthalter ersetzt. Außerdem brauchte man den Hüfthalter als Strumpfhalter – die Strümpfe wollten schließlich irgendwo befestigt sein.

Allerdings: Mit dem Aufkommen der Nylon-Strumpfhose und der Miederhose wurde der Hüfthalter samt baumelnden Clips überflüssig. Zwar zwängten sich Frauen noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein, doch heute spielt er keine Rolle mehr. Höchstens sexy Korsettimitationen werden von Models ohne Bauch und Hintern bei Dessous-Modenschauen vorgeführt. Auch Betriebsnudel Madonna pflegt noch eine eigenartige Vorliebe für Kegel-BHs und Satinhüftgürtel. Für den Rest für uns ist der Hüfthalter dahin verschwunden, wohin er gehört: ins Dunkel der Geschichte.

Alle Teile der Serie unter      http://mehr.bz/dinge

Autor: Simone Lutz


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