Ortenau

"Animal Hoarding": Rund 50 Tiere aus Wohnhaus befreit

Helmut Seller, aktualisiert um 11:21 Uhr

Von Helmut Seller & aktualisiert um 11:21 Uhr

Mo, 09. Januar 2017 um 23:41 Uhr

Offenburg

Einsatz in Willstätt-Hesselhurst: Veterinäramt, Polizei, Feuerwehr und Helfer aus Tierheimen haben rund 50 Tiere aus einem Haus befreit: darunter Katzen, Kaninchen und Tauben. Vier tote Tiere wurden geborgen. Für die Behörden ein Fall von "Animal Hoarding" – krankhaftem Tiersammeln.

Ein Fall von sogenanntem Animal Hoarding – krankhaftem Tiersammeln – hat am späten Montagabend in Hesselhurst einen Einsatz von Feuerwehr, Polizei, Veterinäramt und freiwilligen Helfern aus Ortenauer Tierheimen ausgelöst. 23 Katzen, 22 Kaninchen und drei Tauben wurden laut dem Sprecher des Landratsamts Ortenaukreis, Kai Hockenjos, in dem Willstätter Ortsteil aus dem früheren Pfarrhaus in der Ortenaustraße befreit. Außerdem wurden vier Tierkadaver gefunden, drei Katzen und ein Kaninchen. Die Tiere wurden dort von einer allein lebenden Frau gehalten.

Bisher konnte der Kontakt zu der Frau, die gerade in Frankreich vermutet wird, laut Hockenjos nicht hergestellt werden. Gegen sie werde ein Tierhalteverbot ausgesprochen. Außerdem wurde Strafanzeige wegen einem Verstoß gegen das Tierschutzgesetz erstattet, sagt der Landratsamtssprecher. Was die Ernährung angehe, seien die Tiere in einem guten Zustand gewesen. Die Kater sind kastriert. Einige Tiere hätten aber Augenentzündungen und Durchfallerkrankungen – dementsprechend sehe auch das Haus aus, in dem es keinen Strom gibt.

"Animal Hoarding": die Sucht, Tiere zu horten

Blaulicht flackerte in der Nacht zum Dienstag über das stattliche Jugendstilgebäude in Hesselhurst. Das frühere Pfarrhaus wurde vor einigen Jahren von der Kirche an eine ältere Dame aus Frankreich verkauft. Die Frau lebt recht zurückgezogen in dem großen Haus an der Hesselhurster Durchgangsstraße. Im Dorf weiß man nur, dass sie im benachbarten Straßburg in den Diensten des Europaparlaments steht. Auch dass sie Tiere hält, hat sich schon herumgesprochen.

Was niemand weiß: Zum Verhalten der Frau passt der amerikanische Begriff "Animal Hoarding" offenbar perfekt. Umschrieben wird damit laut dem Deutsche Tierschutzbund die Sucht, Tiere zu horten. Wer ihr verfallen ist, hält Tiere in großer Anzahl, ist aber nicht in der Lage, sie angemessen zu versorgen. "Es fehlt an Futter, Wasser, Hygiene, Pflege und tierärztlicher Betreuung", beschreibt der Tierschutzbund die Symptome. Und: "Die Halter erkennen nicht, dass es den Tieren in ihrer Obhut schlecht geht."

Dass es sich im Hesselhurster Fall ganz klar um Animal Hoarding handelt, ist offenkundig. Das bestätigt an diesem Abend Judith Delong vom Veterinäramt des Ortenaukreises, die zu weiteren Details allerdings auf die Pressestelle des Landratsamtes verweist. Auch die Polizei ist involviert, verweist aber wiederum aufs Veterinäramt – ein sinnloses Informations-Pingpong, das in der Ortenau mittlerweile fast Alltag ist. Doch alles, was die Behördenvertreter sagen könnten, ist ohnehin offensichtlich und wird später unter der Hand von Helfern bestätigt, die in dem Hesselhurster Gebäude im Einsatz waren.

Wohnraum übersät mit Exkrementen

Die Tiere sprangen in dem Haus und einem zugehörigen Gartenhaus frei herum. Entsprechend übersät war der Wohnraum mit Exkrementen. Einer der Helfer sprach von einer "Messie-Wohnung". Um die 20 Katzen sollen durch die völlig verdreckten Räume gesprungen sein – eingefangen werden konnten sie dem Vernehmen nach teils nur dadurch, das Vorhänge aus den Räumen über sie geworfen wurden. Ein Helfer soll durch ein Tier sogar verletzt worden sein.

Die Eigentümerin selbst war nicht vor Ort, sie soll, wie man im 820-Seelen-Dorf Hesselhurst weiß, zu ihrer Mutter nach Lothringen gefahren sein. Weil es in dem Gebäude mangels Strom nicht möglich war, Licht einzuschalten, sorgte die Freiwillige Feuerwehr Willstätt unter ihrem Kommandanten Christian Hetzel für die nötige Beleuchtung, Dem Vernehmen nach sollen die Tiere aber noch am Tag ihrer Rettung mit Essen versorgt worden sein, wohl sogar im Auftrag der Besitzerin. Wer letztlich die Behörden verständigt hat, war in der Nacht auf Dienstag nicht zu klären.

Strafverfahren droht

Fakt ist: Alle von den Helfern geborgenen Tiere sind nun in der Obhut erfahrener Helfer der Tierheime Offenburg und Kehl. Für sie ist "Animal Hoarding" nichts Neues: Wie Stefanie Götzenberger von der Tierherberge Offenburg bestätigt, kommen vergleichbare Fälle etwa einmal im Jahr vor. Sollten im Hesselhurster Fall nähere Untersuchungen gesundheitliche Mängel ans Licht bringen, so werden auch Tierärzte eingeschaltet. Der vermeintlichen Tierfreundin droht nach ihrer Rückkehr aus Frankreich ein Strafverfahren.

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