Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

21. April 2017

"Bewegung ist einfach lebenswichtig"

BZ-INTERVIEW mit Olympiasieger Georg Thoma und Chirurg Urs Steinmann über Spaß am Sport, Verletzungsrisiken und den Mut, den ersten Schritt zu tun.

  1. „Sport macht die Birne frei“: Ein Leben ohne Bewegung ist für Olympiasieger Georg Thoma (links) und Chirurg Urs Steinmann nicht vorstellbar. Foto: stellmach

  2. Ex-Radrennfahrer des RSV Ebnet und Deutscher Querfeldeinmeister: Urs Steinmann Foto: schön

  3. Georg Thoma beim Skispringen 1963 auf der Neustädter Hochfirstschanze Foto: Archiv Brichta

TITISEE-NEUSTADT. Raus in die Natur, wann immer es geht, lockt es Georg Thoma, 1960 Olympiasieger in Squaw Valley, und den ehemaligen Radamateur Urs Steinmann. Sport ist für die quicklebendige Skisport-Legende aus Hinterzarten und den Chirurgen der Neustädter Helios-Klinik so wichtig wie Essen und Trinken. Johannes Bachmann und Peter Stellmach unterhielten sich mit dem berühmtesten Schwarzwälder Sportler und dem Oberarzt über kuriose Unfälle und die beste Vorsorge gegen Verletzungen: lebenslange Bewegung.

BZ: No Sports. Churchills Spruch ist weltberühmt. Verletzt hat er sich damit nicht.

Thoma: (lacht) Aber sicher beim Zigarre rauchen. Und oha, wenn er aus dem Bett gefallen ist.

Steinmann: (lacht) Das mit dem Bett ist wirklich gefährlich.

BZ: Warum also zum Teufel Sport treiben?

Thoma: Wenn ich Sport mach’, dann fühle ich mich besser. Und das schon ein Leben lang. Ich werd’ ja bald 80, aber Bewegung muss sein. Immer. Ich bin 1937 geboren, war ein Kriegskind, musste früh weg von zu Hause. Ich hatte einen zwölf Kilometer langen Schulweg. Was ich gelernt hab’, war Skifahren. Hin und zurück in die Schule, das war ideal. Heute würde man das Grundlagentraining nennen.

Werbung


Steinmann: Sport dient aus Sicht des Sportmediziners der Gesunderhaltung. Die Menschen werden immer dicker, immer unbeweglicher. Bewegung ist einfach lebenswichtig für das Gewohnheitstier Mensch. Das geht eigentlich ganz leicht. Ein bisschen Sport kann jeder machen. Täglich. Einfach die Treppe nehmen, nicht den Aufzug. Das Auto stehen lassen und zu Fuß zum Einkaufen gehen. Auch wenn der Arbeitstag pickepackevoll ist und die Lust an der Bewegung da natürlich schwindet, bin ich überzeugt, dass jeder pro Tag eine halbe Stunde für sich rausschneiden kann, in der er bewegt ins Schwitzen kommt. Das geht mit weniger Fernsehen und Nicht-in-die-Kneipe-hocken.

BZ: Heute haben Langläufer und Kombinierer vor dem Wettkampf die Auswahl zwischen einem Bündel Latten, Sie, Herr Thoma hatten früher nur zwei Bretter.

Thoma: Nicht mal das. Im Krieg mussten wir Schwarzwälder die Skier abgeben. Die wurden weiß angemalt und kamen zu den Soldaten an die Front in Russland und Skandinavien. Da mussten wir Kinder zu Hause die Latten tauschen. Ich hatte nie Probleme mit dem Springen. Langlauf hab’ ich nicht gemocht. Aber ich bin im Winter und im Sommer jeden Tag weit gelaufen. Das hat mir später geholfen. Und das hilft mir heute noch.

BZ: Gab es für Sie jemals diese Idee, ich muss jetzt trainieren?

Thoma: Nein. Ich bin halt einfach immer g’rennt. Im Sommer barfuß, weil wir keine Schuhe hatten. Das war nicht schlimm. Die Hornhaut war dick. Vom Begriff Training hab’ ich erst spät gehört. Der erste Freiburger Sportmediziner war damals Professor Reindell. Der hat uns gesagt, wir müssen Intervalle trainieren. Ich hab’ dumm geschaut und nix kapiert.

BZ: Aber Sie haben sicher Dehnungs übungen gemacht.

Thoma: Ach Quatsch. Das haben wir nicht gekannt. Ich bin ganz allein aufgewachsen auf dem Wunderlehof. Ich hab’ für mich aus Gaudi heraus Salti probiert. Das war’s damals mit dem Dehnen. Pflicht wurde das erstmals bei der Qualifikation für Olympia 1956 in Cortina D’Ampezzo.



BZ: Was bewirkt Sport in Ihrem Körper?

Thoma: Das Denken fällt leichter.

Steinmann: Sport macht die Birne frei.

BZ: Sport kann gefährlich sein. Was ist Ihnen in Ihrer aktiven Karriere passiert?

Thoma: Schwer verletzt hab’ ich mich als Nordischer Kombinierer zum Glück nie.

BZ: Sie hatten einen kuriosen Unfall, mit dem Sie heute Youtube-Star wären.

Thoma: Das war 1962 in Le Brassus in der französischen Schweiz. Da bin ich weit gesprungen. Die Zuschauer haben gejubelt. Ich bin im Siegesrausch rausgefahren aus dem Schanzenknick und plötzlich rauscht da ein Auto quer durch den Auslauf. Ich bin voll Karacho draufgebrummt und hab’ die Karre gedreht. Der Cadillac war kaputt, ich hatte nur ein paar Kratzer. Zum Trost gab’s für mich eine goldene Taschenuhr.

BZ: Herr Steinmann, Sie waren ein erfolgreicher Amateur-Rennradfahrer. Was ist Ihnen auf dem Rad passiert?

Steinmann: Stürzen gehört zum Radsport. Schürfwunden sind normal, oder wie wir Rennfahrer sagen: Tapete ab. In einem Zielsprint hab’ ich mir mal das Schlüsselbein gebrochen. Ich war noch Schüler und bin damals auch noch alpine Skirennen gefahren – das hab’ ich dann mit diesem gegipsten Rucksackverband gemacht. Als Student hatte ich beim Radtraining einen schweren Unfall. In Denzlingen hat mich ein Traktor über den Haufen gefahren. Das hat mich Ehrfurcht gelehrt. Ich hatte unheimlich Glück. Seither bin ich aus Überzeugung fleißiger Helmträger.

"Ich bin gesprungen und dann voll Karacho auf das Auto draufgebrummt. Der

Cadillac war kaputt, ich hatte nur ein paar Kratzer."

Thoma über einen Skisprung-Unfall
BZ: Herr Thoma, Sie sind ein Multitalent. Bis heute sind Sie mit 5:51 Stunden noch immer unerreichter Rekordhalter beim Rucksacklauf über 100 Kilometer von Schonach zum Belchen. Sie waren Ski- und Tennislehrer. Ihr Lieblingssport?

Thoma: Rad fahren. Mit 29 Jahren hab’ ich meine Skikarriere beendet, mit 32 hat mich das Rennradfieber gepackt. Da hab’ ich, als noch keiner von der Rennrad-Wunderinsel Mallorca redete, im französischen Antibes mein erstes Rennradtrainingslager absolviert. Mitte der achtziger Jahre war ich wohl der erste Bergfahrrad-Fahrer im Schwarzwald. Ich hab’ diese damals Clunker genannten Dinger bei einem USA-Urlaub gesehen und mir dann so ein Ding gekauft, so ein, ich sag’s mal schwarzwälderisch: Mondebaik. Meine Frau musste mich damals mit diesem Gerät auf dem Autodach nach Kirchzarten fahren und ich bin dann die 1000 Höhenmeter auf den Hinterwaldkopf und zurück nach Hinterzarten gekurbelt. Ich war jeden Tag auf dem Bock, sei es Renner oder MTB. Beim Rennrad-Langstreckenklassiker zwischen Trondheim und Oslo hab’ ich die 560 Kilometer in 17 Stunden bewältigt.

BZ: Im alpinen Skisport gab’s früher knöchelhohe Schuhe und Kabelzugbindungen, heute scheint bei den Carvern das Optimum an Sicherheit erreicht. Und dennoch scheppert’s. Haben sich die Verletzungsmuster verändert ?

Steinmann: Die klassische Skisportverletzung ist der Unterschenkelbruch. Den gab’s schon immer, aber früher gab das Material leichter nach. Lederschuhe auf Holzski – diese Verbindung löste sich oft, ehe was brach. Heute sind Ski, Schuh und Bindung stabiler. Es gibt Leute, die sich das Schienbein brechen, weil sie die Bindung so hart eingestellt haben, dass die auch bei einem Sturz nicht auslöst. Das ist einfach Dummheit. Heute fahren schlechtere Skifahrer mit besserem Material schneller als sie können. Das höhere Tempo ist ein Problem. Vor allem bei Zusammenstößen mit anderen Skifahrern.



BZ:
Der Schwarzwald ist ein Winterparadies für Alpinskifahrer und Snowboarder. Das Risiko fährt mit. Wie sehen die Arbeitstage des Chirurgen Urs Steinmann an einem normalen Winterwochenende mit 15 000 Skiläufern am Feldberg aus?

Steinmann: Es kommen viele Leute mit verdrehten Knien und gestauchten Knöcheln in die Helios-Klinik. In den meisten Fällen sind das zum Glück nur Stauchungen, Prellungen, Zerrungen. Da reichen zwei Wochen ruhig stellen, dann ist das vergessen. Und dann gibt es die Brüche. An einem Wochenende behandeln wir fünf bis zehn Armfrakturen und drei bis vier Unterschenkelbrüche. Dazu kommen die winterlichen Alltagsunfälle.

BZ: Gibt es Verletzte, bei deren Anblick Sie das Gefühl haben, wie kann man so dumm sein?

Steinmann: Denken darf man das, sagen nicht. Die meisten Patienten sind einfach dankbar, dass ihnen geholfen wird.

BZ: Wie schützt man sich als Hobbysportler und vermeidet Verletzungen?

Steinmann: Der beste Schutz ist: üben, üben, üben. Wer regelmäßig Sport treibt und sich in seiner Lieblingssportart auskennt, der wird mit der Routine immer sicherer. Wer nur alle fünf Jahre kickt, holt sich garantiert eine Zerrung.

BZ: Kicker scheinen in der öffentlichen Wahrnehmung fast immer verletzt.

Steinmann: Fußball ist ein Kampfsport. Da gibt es robusten Körperkontakt. Radfahrer fahren zwar gegeneinander, aber im Normalfall nicht aufeinander. Jede Sportart hat ihre typischen Verletzungsmuster und ihre wunden Punkte. Handballer kugeln sich die Schulter aus. Wir haben an der Helios-Klinik den direkten Kontakt zu Sportlern der Region, seien es jetzt Kicker, Skifahrer oder Radfahrer. Die kommen, wenn’s gekracht hat, zu uns.

BZ: Kann jeder Sport treiben, oder muss man erst den Doktor fragen?

Steinmann: Entscheidend ist, dass man anfängt. Und das gemäßigt und nicht mit dem vielleicht irren Tempo, das man im vergangenen Sommer auf dem Rad oder beim Laufen nach viel Training anschlagen konnte. Sport kann jeder treiben.

BZ: Was sollte man auf keinen Fall tun?

Thoma: (lacht) Zu viel Bier trinken.

Steinmann: Aufs Sofa liegen. Im Ernst, es geht darum, langsam zu beginnen und den Spaß an der Bewegung ganz bewusst zu erleben. Wer das regelmäßig tut, der spürt, dass ihm das gut tut, der muss keinen inneren Schweinehund mehr überwinden. Der treibt Sport, weil er das mit Leidenschaft tut. Das kann man allein oder in der Gruppe.

BZ: Gemeinsam Sport treiben, ist das für Anfänger der leichtere Weg?

Steinmann: Durchaus. Skiclubs bieten im Winter wöchentlich Gymnastikabende, Klubs wie der RSV Hochschwarzwald laden zu gemeinsamen Trainingsausfahrten auf dem Mountainbike ein. Es gibt Leute, die in der Gruppe großen Ehrgeiz entwickeln. Aber es gibt viele, die Sport lieber im Alleingang erleben. Da gibt es kein Für und Wider. Entscheidend ist, dass man einfach damit anfängt, Sport zu treiben.

BZ: Okay, wir haben das Rumlümmeln auf dem Sofa satt und wollen uns bewegen. Wie oft pro Woche soll man zum Einstieg ins Frühjahr Sport machen?

Steinmann: Zwei-, dreimal pro Woche. Zuerst einmal moderat. Es genügt, pro Einheit mit einer halben Stunde Sport zu beginnen. Das kann auf dem Rad sein. Oder strammes Spazierengehen. Da darf man ruhig schwitzen. Das ist die Empfehlung der Sportmediziner. Das kann jeder in seinen Alltag integrieren.

BZ: Und wenn man nur am Wochenende Zeit hat? Bringt es was, sich zum Beispiel jeden Samstag auf dem Rad zwei, drei Stunden lang völlig zu verausgaben?

Steinmann: Das kann eine Möglichkeit sein, wenn man’s aushält.

BZ: Herr Thoma, Sie sind fast 80 und immer noch Leistungssportler. Was machen Sie dieses Frühjahr?

Thoma: Ich bin an der Wirbelsäule operiert worden. Jetzt will ich wieder anfangen. Mit was ganz Neuem. Ich hab’ jetzt ein E-Mountainbike. Matthias Bettinger, der ja schon den Kirchzartener Ultrabike-Marathon gewonnen hat, meint, das wär’ genau das Richtige für mich. Und ich find’ das auch. Das Ding ist schnell. Ich kann jetzt wieder schwierige, steile Strecken fahren. Das passt mir. Mit Wanderern hatte ich als Mountainbiker noch nie ein Problem. Man schwätzt halt miteinander und gut ist. Wenn man will, kommen Wanderer und Bergradfahrer prima miteinander klar und aneinander vorbei.

Georg Thoma

Ein Buch reicht nicht, um die Lebensgeschichte dieses kleinen feinen Mannes mit dem trockenen Wortwitz aus Hinterzarten einzufangen. Im August wird der ehemalige Hirtenbub vom Wunderlehof, der im Winter 1960 als unbekannter Postbote in die USA flog, um in Squaw Valley Olympia-Gold in der Nordischen Kombination zu gewinnen und als Legende heimzukehren, 80 Jahre alt. Thoma ist ein sportliches Multitalent. Nach seiner Karriere als Skispringer und Kombinierer wurde er Tennis- und Langlauflehrer und war der erste Schwarzwälder "Mondebaiker".  

Autor: jb

ZUR PERSON: Urs steinmann

Der 41-jährige Oberarzt ist Chirurg an der Helios-Klinik Titisee-Neustadt und lebt mit seiner Familie in Villingen. Steinmanns Vater versuchte sich einst als Radprofi, Sohn Urs begann als Schüler im Team des RSV Denzlingen mit dem Rennradsport und kurbelte vier Jahre lang für das von Bernhard Baldinger geführte Bundesligateam aus Betzingen. Mit Beginn des Medizinstudiums wechselte Steinmann in die Regionalliga-Mannschaft des RSV Ebnet und entdeckte spät eine große Leidenschaft: Crossfahren. Dreimal wurde er deutscher Querfeldein-Meister der Amateure.  

Autor: jb

Autor: jb, pes