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03. April 2009
"Wir gehen nirgendwo mehr hin"
Noch vier ältere Damen leben in der großen Seniorenwohnanlage St. Urban in Herdern – und sie wollen auch um jeden Preis bleiben.
Rose Bruns wird wütend, wenn sie über die verfahrene Situation nachdenkt. "Das Stift muss sich damit abfinden, dass wir nicht ausziehen werden", sagt sie, und ihr Tonfall ist durchaus resolut. Die 87-Jährige ist eine von vier älteren Damen, die noch in der betreuten Seniorenwohnanlage St. Urban in Herdern leben. Die will der Eigentümer, das Evangelische Stift, schleunigst verkaufen, weil er klamm ist und St. Urban für das Stift nicht wirtschaftlich zu betreiben ist. Doch das mit dem "schleunigst" ist so eine Sache, die Kaufverhandlungen ziehen sich seit Monaten hin.
Verkauft ist bislang nur ein Teil des 45000 Quadratmeter großen Grundstücks in bester Herdermer Hanglage. Den erst vor wenigen Jahren aufwändig sanierten früheren Klinikbau mit den vier Mieterinnen zu verkaufen, gestaltet sich schwierig. "Alle Interessenten sagen, dass sie über die Räume frei verfügen wollen", räumt der Interimsmanager des Stifts, Martin Beck, ein. "Ich habe den vier Damen gesagt, dass es keine Garantie gibt, dass sie bleiben können."Doch diese interessiert der Wink mit dem Zaunpfahl nicht. Sie wollen ausharren, komme was wolle. Auch einen Rechtsstreit scheuen sie nicht. Obwohl Rose Bruns einräumt: "Wenn es zu einem juristischen Verfahren käme, würde mich das gesundheitlich schon sehr belasten." Mittlerweile lassen sich die vier Bewohnerinnen, die auf drei verschiedenen Etagen leben, von Rechtsanwalt Tilman Winkler beraten. Der schätzt, dass ein Rechtsstreit durch die Instanzen mindestens drei Jahre dauern würde, vorher müssten seine Mandantinnen auf keinen Fall ausziehen.
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In dem 26 Wohnungen umfassenden früheren Klinikbau ist es still geworden in den vergangenen Monaten. Vor einem Jahr waren hier immerhin noch neun Wohnungen vermietet. Das waren zwar auch viel zu wenige, aber damals war noch ein bisschen Leben auf dem Anwesen. Nun begegnet man kaum noch jemandem in den Gängen, von den 13 Stift-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern sind noch drei übrig geblieben. Das benachbarte Gästehaus, die schöne Villa St. Urban, ist seit Jahresende nicht mehr in Betrieb. Die Räume werden alle nicht mehr genutzt, das Büfett im Foyer, wo noch vor einiger Zeit sonntags ein Brunch angeboten wurde, ist leer, auch das Kulturprogramm wurde eingestellt. Alles aus Kostengründen. Die Seniorinnen können die dortigen Aufenthaltsräume und die Caféteria nicht mehr benutzen. Was ihnen vom einstigen Zusammenleben geblieben ist, sind das gemeinsame Kartenspiel und Spaziergänge im Park.
Ein Gespräch mit Rose Bruns, Rosa Maria Krizamits und Gisela Winkler – sie ist die Großmutter von Rechtsanwalt Tilman Winkler – muss in einem schmucklosen ehemaligen Büro stattfinden, das bei weitem nicht den Ausblick des feudalen früheren Aufenthaltsraums bietet; die vierte Bewohnerin, Helga Sprenger (71), ist an diesem sonnigen Frühlingsmorgen nicht zu Hause. "Das Haus ist trotzdem nach wie vor schön", findet die 77-jährige Rosa Maria Krizamits. Das Essen bereiten sich alle vier Bewohnerinnen selbst zu, von daher können sie die Schließung der Caféteria noch verschmerzen. Nur am Wochenende, wenn auch die Arztpraxen im Untergeschoss geschlossen sind, sei es sehr still, sagen die Bewohnerinnen.
Ein Umzug innerhalb der Stadt kommt für das Quartett jedoch nicht in Frage, weder in ein anderes Haus des Stifts noch in eine Einrichtung eines anderen Anbieters. Dabei hat Stift-Vorstand Martin Beck allen Vieren eine Unterkunft in der Anlage eines privaten Anbieters im gehobenen Preissegment in der Oberau angeboten und verspricht, dass ihnen durch einen Umzug keine finanziellen Nachteile entstünden. "Das Stift ist auch bereit, einen Ausgleich zu zahlen."
"Wir gehen nirgendwo mehr hin", betont derweil Rose Bruns. Es ärgert sie, dass ihr und den anderen Bewohnerinnen das Gefühl vermittelt wird zu stören. "Das christliche Gefühl bleibt auf der Strecke." Zudem findet sie: "Es ist einmalig schön hier. Es gibt in Freiburg und Umgebung nichts Vergleichbares. Hier habe ich das Glück gefunden. Ich habe auch früher schön gewohnt, aber nicht mit so einem Ausblick."
Vor vier Jahren hat Rose Bruns ihre Zelte im norddeutschen Oldenburg abgebrochen und das Haus verkauft, um in der Nähe ihres Sohnes zu sein. "Das mache ich nicht mehr rückgängig." Rund 1800 Euro zahlt sie für ihre betreute Wohnung, die Miete allein liegt bei 17,80 Euro pro Quadratmeter. Zu viel, findet Anwalt Winkler, 11 bis 12 Euro seien in der Lage laut Mietspiegel normal. Auch Rosa Maria Krizamits und die 88 Jahre alte Gisela Winkler sind von weit her nach Freiburg gekommen, um in der Nähe ihrer Kinder zu sein. Der Gedanke, noch einmal die Umzugskisten packen zu müssen, erzeugt bei ihnen allen ein Gefühl der Unruhe. "Man muss bedenken: Das ist das Ende des Lebens für uns", beschreibt Rose Bruns ihre Situation.
Sanierer Beck sieht sich juristisch auf der sicheren Seite und hat ein Rechtsgutachten eingeholt für den Fall, dass er den Bewohnerinnen die Kündigung schicken muss. Dass Stift müsste dem Gericht nachweisen, dass ein Verkauf mit Mietern wirtschaftlich nicht zu vertreten ist, erklärt Anwalt Winkler. Gleichzeitig beteuert er: "Ein Rechtsstreit wäre das Letzte, was wir wollen. Die Damen können für die Situation ja nichts." Dass sie ausziehen müssen, steht für ihn aber außer Frage. "So schmerzlich das ist."
Autor: Frank Zimmermann
