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02. Februar 2011

Sport im Alter (Teil 3)

"Wir haben sie auf der Altersskala acht Jahre jünger gemacht"

Wie die Universitäten in Freiburg und Basel die Fähigkeiten des Menschen im Alter erforschen.

  1. Balanceübungen sind im Alter sehr wichtig. Foto: usage Germany only, Verwendung nur in Deutschland

Kleiner Aufruf, große Wirkung: Als die Badische Zeitung im April vergangenen Jahres Freiwillige für ein Forschungsvorhaben suchte, war die Resonanz gewaltig. Einige hundert Seniorinnen und Senioren interessierten sich für das Projekt, das die Freiburger Universitätsklinik in Zusammenarbeit mit dem Institut für Sport und Sportwissenschaft und der Uni Basel ins Leben rufen wollte. Die Telefone standen tagelang nicht mehr still, 100 E-Mails gingen ein. 350 betagte Menschen besuchten anschließend die Veranstaltung, auf der die Wissenschaftler ihr Projekt erklären wollten. Es ging dabei letzten Endes um die Sturzprävention, also um die Frage, wie Menschen Stürze möglichst vermeiden können.

Das Thema ist eminent wichtig in einer Gesellschaft, in der immer mehr Älteste leben werden und möglichst lange selbständig bleiben wollen. Im Jahr 2050 werden nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts mehr als zehn Millionen Menschen in Deutschland 80 Jahre und älter sein. Mit der Zahl der Lebensjahre wächst kontinuierlich auch die Gefahr, im Alltag zu stürzen und etwa den gefürchteten Oberschenkelhalsbruch zu erleiden. Urs Granacher, zuletzt Sportwissenschaftler der Uni Basel und jetzt in Jena tätig, berichtet in einem Aufsatz, dass 36 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer, die älter als 85 Jahre sind, mindestens einmal im Jahr stürzen. "Internationale Daten belegen, dass fünf Prozent aller Stürze bei selbständig lebenden älteren Menschen zu Frakturen führen."

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Aber wie genau können Seniorinnen und Senioren Stürze vermeiden? Welches Training ist das beste? Und was genau geschieht im Körper während des Trainings? Um diese Fragen ging es auch bei der Freiburger Studie. 20 Frauen und Männer, allesamt älter als 75 Jahre, durften daran teilnehmen. Es sei "hauptsächlich um Koordinationsübungen und Gleichgewichtstraining" gegangen, wie Christoph Maurer erklärt. Maurer ist Oberarzt der Neurologie im Neurozentrum der Uniklinik. Er organisierte zehn Wochen lang an jeweils zwei Tagen ein einstündiges, sehr moderates und ans Alter angepasstes Sportprogramm. Die Probanden sollten zum Beispiel versuchen, auf dem Kippbrettchen und auf Schaumstoffmatten die Balance zu halten und ihre Standsicherheit trainieren. "Wir boten den Probanden alles an, was Standstabilität provoziert", erklärt Albert Gollhofer, der Leiter des Sportinstituts an der Albert-Ludwigs-Universität. Das Training erstreckte sich über insgesamt 20 Stunden. Anschließend untersuchten die Wissenschaftler, ob und wie genau sich die Fähigkeit der Betagten, die Balance zu halten, verbessert hatte. Die Neurologen und Sportwissenschaftler konnten dabei aus ihren jeweiligen Bereichen Vergleichsdaten aus früheren Untersuchungen beisteuern. Die Mediziner verfügten etwa über Vorerfahrungen mit Parkinson-Patienten und Spastikern, die Sportwissenschaftler hingegen wussten eher über die Werte gesunder Athleten Bescheid.

Im Gegensatz zu einer 20-köpfigen Vergleichsgruppe, die keine Balanceübungen gemacht hatte, verbesserten die Freiburger Probanden ihre Stabilitätswerte beachtlich. Spannend war dabei die Frage, "welche Gelenke welchen Anteil an der Stabilisierung des Körpers haben", wie Christoph Maurer erklärt. "Vor allem die Rumpf- beziehungsweise Hüftgelenksstrategie hat sich verbessert." Maurer meint damit, dass die alten Menschen ihre Fähigkeit, Stabilität auch mit Hilfe von Bewegungen des Rumpfes zu erzeugen, erhöhen konnten. Diese Fähigkeit gehe im Alter zusehends verloren. "Normalerweise erzeugen alte Menschen Stabilität in erster Linie nur noch aus dem Sprung- oder Kniegelenk heraus", so Maurer. Das Training habe die Probanden in einem speziellen, aber sehr wichtigen Aspekt sozusagen verjüngt. Das lässt sich Maurer zufolge sogar beziffern: "Die Probanden verhielten sich von ihrer motorischen Strategie her wie acht Jahre jüngere Menschen. Wir haben sie auf der Altersskala acht Jahre jünger gemacht."

Welche Übungen mit welchen Hilfsmitteln sich wie auswirken, was während des Trainings im Gehirn geschieht, welche selektiven Verbesserungen bei alten Menschen möglichst nachhaltige Wirkung entfalten, wie ein Zuwachs an Freiheit und Beweglichkeit ermöglicht wird und wie wichtig dabei soziale Aspekte wie gemeinsames Training sind – das sind einige der Fragen, die sich Sportwissenschaftler und Mediziner in Freiburg und Basel zunehmend stellen. Nach wie vor gilt dabei der schöne Satz, dass die Wissenschaft vom Älterwerden im Grunde noch sehr jung ist.

Autor: Andreas Strepenick