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31. Januar 2009 05:04 Uhr

1968 in Lahr

"Wir hatten nur Musik im Kopf"

Vor rund 40 Jahren schwappt der Beatrhythmus als Vorläufer von Rock und Pop aus England in die Ortenau. Jeden Sonntag heizen zeitweise drei verschiedene Bands den Jugendlichen in Tanzlokalen ein. Allen voran: I.F.E United.

  1. I.F.E United waren: Isolde Wawrin, Gerhard Vogl, Horst Munz, Wolfgang Lauer, Roland Zitzlaff, Wolfgang Huck. Foto: bz

  2. Yeah! Wolfgang Lauer singt’s raus. Foto: bz

  3. Isolde Wawrin tanzt ab bei Filmaufnahmen zu einem SWF-Beitrag Foto: bz

  4. Die Band beim Auftritt – ohne Sängerin. Foto: bz

  5. Isolde Wawrin spielt im „Talentschuppen“ des SWF. Foto: privat

  6. Isolde Wawrin heute als Musikerin Foto: Heidi Foessel

  7. Isolde Wawrin als Künstlerin Foto: erika Sieberts

Die Boxen im Innern des VW-Bus’ hämmern den Beat. Sechs junge Leute, alle noch keine 20 Jahre alt, lauschen der Musik wie verzaubert. Es ist ihr Stück, das da im Radio läuft. "Wir hatten gerade erst angefangen, eigene Songs zu schreiben", erinnert sich Wolfgang Lauer. Er war damals Bassist der Beat-Band I.F.E United, die sich in wenigen Jahren zur Institution in Lahr aufgeschwungen hatte. "Wir kamen gerade vom Folklorefest in Lüdenscheid, östlich von Köln. Irgendeiner von uns hat den Luxemburger Sender ,Salut les copains’ eingeschaltet und da spielten sie unser Lied."

Das Erlebnis stammt von irgendwann gegen Ende der 1960er Jahre. Genau weiß Lauer das nicht mehr. Auch Roland Zitzlaff, damals Keyboarder der Band kann die wenigsten Erinnerungen noch genau datieren: "Das war so eine bewegte Zeit damals, da haben sich die Ereignisse überschlagen." Die Hochjahre der Band aus Lahr waren von 1966 bis 1970. "Vier Jahre, die einem heute vorkommen, wie zwei Wochen", schwelgt Lauer. "Eine richtig verrückte Zeit."

Mit den Beatles habe auch in Lahr alles angefangen, ist sich Roland Zitzlaff sicher. "Wenn wir im Radio hörten, wie die vier Liverpooler ,I wanna hold your hand’ sangen, da sind wir mitgegangen und waren elektrisiert. Ich dachte: ,Sowas willst du auch machen!’" Mit dem Gedanken war Zitzlaff nicht allein. So konkurrierten Anfang der 1960er Jahre gleich zwei Beat-Bands in Lahr um die begehrten Auftritte: die "Earls" und "The Four". "Alle lebten auf den Sonntagnachmittag hin", erinnert sich Zitzlaff. "Um drei Uhr pilgerten dann die jungen Leute von Lahr zum Tanzcafé Terras an der Feuerwehrstraße." Dort habe man dann ganze Musiknachmittage mit den Tanzenden zelebriert.

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Damals spielte Roland Zitzlaff noch bei den "Earls". "Wir standen immer im Schatten der großen ,The Four’. Eines Tages kam dann aber meine Chance." Der Organist der Band fiel aus. Er hatte sich den Arm gebrochen. Entgegen dem Konkurrenzdenken meldeten sich "The Four" bei den "Earls". Ob Zitzlaff kurzfristig einspringen könne. "Was hätte ich da lange zögern sollen?", sagt Zitzlaff heute. "Ich war stolz wie Oskar, dass die mich baten, bei ihnen mitzuspielen." Zwei Proben vor dem Auftritt reichten und der Auftritt von "The Four" mit dem einen "Earl" ging glatt über die Bühne. So glatt, dass eine neue Band aus der Taufe gehoben wurde. Als Sängerin holte man Isolde Wawrin ins Boot, später folgte ihr der Kanadier Doug Grose. Man einigte sich auf den Bandnamen I.F.E. United. Er sollte die Entwicklung der Gruppe widerspiegeln: I für "Isolde", F für "The Four" und E für "Earls". "Von da an haben wir abgeräumt", ist Zitzlaff noch heute begeistert.
"Wenn wir um die Ecke bogen, guckten uns die Mädchen hinterher und tuschelten."Wolfgang Lauer
Mit der größeren Berühmtheit stiegen auch die Chancen beim anderen Geschlecht: "Richtige Groupies hatten wir zwar nicht", berichtet Wolfgang Lauer, "wohl aber eine feste Fangemeinde. Und zu der gehörten auch eine Menge Mädchen. Da standen einem schon gewisse Möglichkeiten offen", schmunzelt er. Zitzlaff hält sich den Bauch vor Lachen, als er einhakt und eine Anekdote zum Besten gibt: "Einmal wollten wir schon das nächste Stück anzählen, da merkten wir, dass Wolfgang fehlte." Ratlos hätten sich die jungen Musiker angeschaut. Wo steckte er nur, der Lauer? "Nach einer Ewigkeit kam er dann aus einer dunklen Ecke des Saals mit Lippenstift auf der Backe zurück. Da wussten wir Bescheid…" Auch abseits der Auftritte wurden die I.F.E.-Musiker von verzückten Blicken verfolgt: "Wenn wir um eine Ecke bogen, guckten uns die Mädchen hinterher und tuschelten: ,Guck mal! Da sind welche von der I.F.E.!’", erinnert sich Lauer.

"Mit unserem Rhythmus protestierten wir gegen Freddie Quinn und das Kleinbürgertum unserer Eltern", sagt Roland Zitzlaff. Dabei mussten sie das Rad gar nicht neu erfinden. Im Gegenteil: "Je besser wir die Hits aus dem Radio nachspielten, desto begeisterter war das Publikum." Also habe man sich abends vor das Tonbandgerät gesetzt und Harmoniefolgen mitgeschrieben. "Wir hörten uns einzelne Passagen so lange an, bis wir das Stück zusammen hatten. Die Texte versuchten wir selbst herauszuhören." Das gelang nicht immer. Aber zum Glück gab es ja das Musikhaus Schmittlin und seine Textheftchen. Instrumente und Noten kamen vom damaligen Offenburger Musikhaus Pfettscher. Manches gab es dort sogar auf Pump.

Der ganze Trubel der 68er-Bewegung ging derweil an den meisten der Jungmusiker vorbei. "Ganz im Ernst, ich verstehe das heute selbst nicht", Roland Zitzlaff schüttelt ungläubig über seinen eigenen Worten den Kopf. "Ich habe damals nichts mitgekriegt von den Studentenrevolten und den Protesten gegen das Establishment. Wir hatten alle nur die Musik im Kopf!" Er selbst sei nicht mal dazu gekommen, in die Tanzstunde zu gehen, was in der Zeit eigentlich ein absolutes Muss für jeden Teenager war. "In manchen Wochen haben wir uns drei, viermal zum Proben getroffen", erinnert sich Wolfgang Lauer. Die Musik sei für sie das bestimmende Element gewesen.

Relativ unspektakulär sei die Ära der Beat-Bands dann mit dem Aufkommen der ersten Diskotheken um 1970 herum zu Ende gegangen. Zitzlaff: "Plötzlich blieb das Publikum weg und die Veranstalter sagten, sie organisierten keine Live-Konzerte mehr. Disko war angesagt." Da sei mit einem Mal ein ganzer Markt weggebrochen. "Was für ein Sündenfall!", klagt Lauer. Dann kam eins zum anderen. Die Leute fingen an zu studieren, einzelne Bandmitglieder gingen weg aus Lahr. "Irgendwann hatte es einfach keinen Sinn mehr", sagt Zitzlaff.

Heute, rund 40 Jahre nach dieser Zeit, geht es für Lauer und Zitzlaff wieder weiter: Beide spielen in der Rockband "Rößler & Company".

Hörproben:

 
(MP3-Datei)

 
(MP3-Datei)

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Autor: Bastian Henning