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26. Mai 2010 15:06 Uhr

BZ-Interview mit Klaus Zehelein

"Wir stehen nicht in Konkurrenz mit RTL 5"

Freiburg ist Schauplatz der Jahrestagung des Deutschen Bühnenvereins. Und da wird es vor allem auch um die Zukunft der Theater und Orchester im Lande gehen. Klare Worte dazu von Bühnenvereins-Präsident Klaus Zehelein in der BZ.

  1. Seit 2003 Präsident des Deutschen Bühnenvereins: Professor Klaus Zehelein. Foto: Oggi e adesso

Die Zukunft unserer Theater, sie ist eng geknüpft an die Zukunft unserer Städte. Beiden wird es in den kommenden Jahren massiv an Geld fehlen. Schon deshalb erhob der Deutsche Bühnenverein vor seiner von Donnerstag bis Samstag dauernden Jahrestagung in Freiburg die Stimme und forderte die Theater auf, stärker um Unterstützung zu werben. Wie schwer das wird, und warum wir überhaupt Theater brauchen – darüber sprach Alexander Dick mit dem Präsidenten des Verbands, Klaus Zehelein.

BZ: Herr Zehelein, auf der Rückscheibe meines Autos befindet sich ein Aufkleber: "Theater muss sein!". Das ist ein Postulat, dem man auch mit einer Frage begegnen kann: Warum muss Theater sein, Herr Zehelein?
Klaus Zehelein: Wenn ich Ihnen in aller Kürze antworten soll: Weil der Mensch vom Brot allein nicht lebt, und schon gar nicht von der Diskussion über Milliarden Schulden. Es gibt jenseits der aktuellen Finanzkrise – von der Durchökonomisierung unserer Gesellschaft verdrängt – den viel notwendigeren Diskurs über ein menschenwürdiges Leben, der vor über 2500 Jahren im griechischen Theater begann. Das heißt wir müssen unglaublich aufpassen, dass wir selbst die rationale Seite unseres Daseins nicht auf das ökonomische Prinzip einengen und dass wir die emotionale Seite dessen, was wir leben, wegdividieren – zugunsten eines fatalen Glaubens an die Berechenbarkeit. Gesellschaft lässt sich nicht berechnen, das zeigt sich deutlich an der ganzen Finanz- und Wirtschaftskrise, wo niemand mehr wirklich weiß, was zu tun ist. Theater und Orchester sind vermittelnde Bildungseinrichtungen. Nämlich: Sie vermitteln zwischen dem ästhetischen Potenzial des Menschen, seiner gesamten Vorstellungskraft, Kreativität mit seinem sozialen, gesellschaftlichen Sein. Wenn das aus dem Blick gerät, gibt es kaum Hoffnung auf eine lebenswerte zukünftige Gesellschaft.

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BZ: Sie sind seit 2003 Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Ist es schwerer geworden in diesen sieben Jahren mit der Forderung "Theater muss sein!" bei den Entscheidungsträgern anzukommen?
Zehelein: In den letzten anderthalb bis zwei Jahren ist die Arbeit bestimmt umfangreicher, komplexer geworden. Das heißt: Je stärker der ökonomische Druck wird, umso stärker wird "ökonomisch-rational" argumentiert. Es wird letztlich ja gar nicht mehr danach gefragt, warum wir für die Künste streiten, das interessiert das durchökonomisierte Denken nicht: Schicksal wird an Milliarden gebunden. Diskutieren wir hier tatsächlich über den Kern unserer Gesellschaft oder gibt es nicht etwas ganz anderes, das viel wichtiger ist? Wenn wir unser Potenzial in Deutschland, nämlich die Ausbildung zu Selbstverantwortlichkeit, zu Mut und Kreativität verlieren, brauchen wird über die Milliarden gar nicht mehr zu diskutieren. Die Schulden überlassen wir eh’ unseren Kindern und Kindeskindern. Aber was hinterlassen wir sonst noch?

BZ: Wie steht es um die Akzeptanz der Theater in der breiten Gesellschaft? Die Konkurrenz mit anderen, moderneren Medien ist riesig.
Zehelein: Der Markt ist das Beherrschende. Das ist ja das Schreckliche, wenn Sie sich ansehen, was als "Freizeitgestaltung" angeboten wird! Ich würde das nicht als Angebot bezeichnen sondern als Druck, als dringende Aufforderung, sich als bloßen Konsumenten erniedrigen zu lassen. Wir können doch nicht immer von Optionen reden, die gar keine sind. Wir, die Theater, stehen nicht in Konkurrenz mit RTL5.

BZ: Weshalb?
Zehelein: Was dort passiert, ist die kalte gesellschaftliche Rationalität unter Ausklammerung jeder anderen Möglichkeit. Das ist Geschäft.

BZ: Dann will ich Ihnen ein Beispiel nennen. Wir haben hier in Freiburg gerade eine vorzügliche "Götterdämmerung" im Spielplan – eine riesige Leistung. Ich habe bei der Premiere von kommunalpolitischer Seite gerade den Kulturbürgermeister und ein, zwei Stadträte gesehen. Das spiegelt doch ein vernichtend geringes öffentliches Interesse wider.
Zehelein: Also wenn Sie unter dem öffentlichen Interesse das der Politiker verstehen, dann könnte ich Ihnen vielleicht recht geben. Dass die Politiker die "Götterdämmerung" vielleicht meiden, weil sie in diesem Szenario selbst befangen sind, kann man auch verstehen… Ich meine das Scheitern der Götter durch ihre Überheblichkeit, ihre Machtgier, durch ihre vermeintliche ökonomische Rationalität jenseits eines phantasievoll-emotionalen Daseins. Ihr Beispiel zeigt zumindest, dass Theater, Musik, Literatur aus dem Diskurs der Entscheider im Moment vielleicht ausgeschaltet sind. Aber sie sind die Entscheider und deshalb müssen wir mit ihnen reden, sie überzeugen von der Notwendigkeit der Künste.

BZ: Manchen Statistiken zufolge gehen die Besucherzahlen im Theater auch zurück.
Zehelein: Es stimmt nicht, dass der Besuch in den Theatern und Konzerten nachgelassen habe. Wir sind auf dem gleichen Stand wie in den letzten Jahren. Was die deutschen Theater und Orchester schon seit 15, 20 Jahren machen und was sich nicht unbedingt in Besucherzahlen niederschlägt, ist in einem eminenten Maß Bildungsarbeit. Sie begreifen sich als Vermittler von ästhetischen Prozessen. Schauen Sie, was in Magdeburg, München, Freiburg an Jugendarbeit passiert – da kann man doch nicht von Randerscheinungen sprechen. Die Theater übernehmen in einem hohen Maß Verantwortung für die eigenartige Kontur, die sich herstellt zwischen ästhetischem und sozialem Sein, und ich muss ganz ehrlich sagen, noch vor 10, 20 Jahren hätte ich das nicht so benannt. Theater müssen viel Mut und Kraft haben, um mitzuhelfen dass wir nicht in der eiskalten Flut fremder Interessen ertrinken.

BZ: Wie hoch ist der Druck auf die Intendanten vor dem Hintergrund der desaströsen öffentlichen Finanzen? Welchen Handlungsspielraum besitzen sie, wenn sie – noch mal das Beispiel "Ring" – verstrickt sind wie Wotan in Tarif-Vertragswerke, die nur noch ein Aufrechthalten des Apparates, aber nicht des künstlerischen Betriebes erlauben?
Zehelein: Wir müssen sagen, was wir machen und warum wir das tun. Wir verstehen unsere Arbeit aus Überzeugung nicht in der Aufrechterhaltung des Apparates – so scheint es manchmal unter dem finanziellen Druck –, sondern als Ansporn auch dort unsere Kunst zu leben, sie zu vermitteln, wo kaum mehr Raum für sie belassen ist. Dazu ist ja ein Treffen wie das bevorstehende in Freiburg da, die Öffentlichkeit von der Richtigkeit unseres Tuns zu überzeugen.

BZ: Werden von Freiburg Impulse ausgehen – neue Argumentationspositionen?
Zehelein: Erstens: Wir müssen auch pragmatisch sein, zusammen mit den Kommunen und den Ländern. Wir müssen Druck ausüben auf den Bund, dass die Steuerverteilung für die Kommunen anders aussieht. Es gibt bereits eine Kommission zur Neuordnung der Gemeindefinanzierung am Bundesfinanzministerium. Zweitens: Auf die finanziellen Nöte der Kommunen haben die Theater ja schon durch den Abbau von circa 7000 Stellen (von ursprünglich 45 000) in den letzten 15 Jahren reagiert. Nur: Wenn jetzt bei den Einsparungen der Rasenmäher in allen Bereichen – von der Bundeswehr bis in die Bildung – angesetzt wird, halte ich das für ein ganz falsches Konzept. Man muss schon gewichten: Damit Zukunft noch denkbar ist, das Zentrum einer kulturell bestimmten Gesellschaft nicht aus dem Blick gerät.

BZ: Es gibt ja die Forderung, diese weltweit einzigartige deutsche Theater- und Orchesterlandschaft zum Weltkulturerbe zu machen. Kann das in der jetzigen Situation helfen?
Zehelein: Ich glaube kaum. Ich würde es anders formulieren: Hier geht es um eine sehr komplexe Diskussion – was heißt zum Beispiel Leben in ländlichen Regionen, Leben in unseren Städten? Ich glaube, der deutsche Städtetag ist sich dessen bewusst, dass wir ja noch funktionierende Städte haben, Theater, die in die Kommunen hineinwirken, und der deutsche Gemeindetag weiß, was die Arbeit der Landesbühnen für die Regionen bedeutet. Es muss diesen Zusammenhalt geben, der Städte und Regionen zu jenen lebenswerten Organismen macht, die auch Zukunft haben. Und dazu gehören wesentlich Musik, Literatur, Kunst, Tanz, Architektur, Museen….

BZ: Lassen Sie uns eine Prognose wagen: die deutsche Theaterlandschaft in 40, 50 Jahren: Wie wird sie aussehen?
Zehelein: Ich denke, dass es einige "Symbiosen" mehr geben wird, weitere Theaterkooperationen, auch vielleicht Fusionen. Die Politik macht es sich aber zu leicht, wenn sie sagt: Ihr müsst Euch bewegen, Strukturen verändern. Wir wissen doch alle, was in England im Augenblick passiert mit den Theatern und Orchestern oder in Italien und den USA. Ich denke, dass die Repertoire- und Ensemblestruktur Grundlage auch zukünftiger Theaterarbeit sein wird. Für die Kommunen und Länder wird es enorm wichtig sein, Bezugssysteme zu erhalten und weiterzuentwickeln, die vordergründig und zeitlich nicht einem Kosten-Nutzen-Denken unterworfen sind. Was eine Gesellschaft ausmacht, definiert sich langfristiger dadurch, dass sie Orte des Ausprobierens, des Durchspielens, der Suche bereithält – Orte der Künste.

– Öffentliche Abschlussdiskussion: "Vom Wert der Kunst" mit Dirk Baecker, Jürgen Flimm, Barbara Mundel, Petra Roth, Klaus Zehelein. Moderation: Eggert Blum. Samstag, 29. Mai 11.15 Uhr, Theater Freiburg, Winterer-Foyer.

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Autor: Alexander Dick