Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

07. März 2017 08:42 Uhr

Investition

300 neue Jobs im Elsass - nur wenn es keinen Frexit gibt

Ein deutsches Unternehmen will in Ensisheim im Elsass 300 Jobs schaffen – macht das aber vom Ausgang der Präsidentenwahl in Frankreich abhängig. Das Geschäft wird unwirksam, sollte die neue Regierung Frankreich aus der Eurozone führen wollen.

  1. Ein deutscher Internethändler für Kfz-Ersatzteile will im Elsass 300 Arbeitsplätze schaffen – nur wenn kein Frexit droht. Foto: Daniel Ernst / fotolia.com

Ein deutscher Internethändler für Kfz-Ersatzteile plant im Südelsass ein Logistikzentrum und will dort 300 Arbeitsplätze schaffen. Doch sein Grundstückskauf wird angesichts des französischen Präsidentschaftswahlkampfs zum Politikum. Im Kaufvertrag hat er sich eine ungewöhnliche Klausel ausbedungen. Das Geschäft wird demnach unwirksam, sollte Frankreich vor dem Jahresende 2017 einen Austritt aus der Eurozone vorbereiten.
Eigentlich handelt es sich um eine rundum positive Nachricht. Nahe Ensisheim, auf der Gemarkung Biltzheim und damit rund 20 Kilometer von der deutsch-französischen Grenze entfernt, will ein Internethändler aus Deutschland Gebäudeflächen von 100 000 Quadratmetern für Lager und Logistik errichten. Das entspricht der Fläche von etwa 14 Fußballfeldern.

Ein Frexit wäre nicht im Sinne eines europaweit agierenden Unternehmens

Mit dem zuständigen Gemeindeverband hat das deutsche Unternehmen, dessen Name erst am heutigen Dienstagnachmittag bekannt gegeben werden soll, im Vertrag über den Erwerb eines 18 Hektar großen Grundstücks im neuen Gewerbepark eine Ausstiegsklausel vereinbart. Der Investor will sich damit vertraglich gegen die politischen Risiken aus der bevorstehenden Präsidentschaftswahl in Frankreich absichern.

Werbung


In den beiden Wahlgängen am 23. April und am 7. Mai entscheiden die Franzosen, wer ihr Land künftig politisch lenken wird. Die rechtsextreme Marine Le Pen (Front National/FN) verspricht ihren Wählern, ein Referendum über einen EU-Austritt anzusetzen. Sie will auch, dass Frankreich, die hinter Deutschland zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone, die Währungsunion verlässt. Der ultralinke Kandidat Jean-Luc Mélanchon will die europäischen Verträge und die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank geändert sehen; andernfalls will auch er Frankreich aus der Eurozone führen. Le Pen kann anders als Mélanchon, glaubt man den Wahlprognosen, mit einem Einzug in die Stichwahl rechnen.

Der Vorgang hat im Elsass erheblichen politischen Wirbel ausgelöst

Ein Frexit, also ein Ausstieg Frankreichs aus Eurozone und womöglich auch aus der EU, wäre nicht im Sinne eines europaweit agierenden Unternehmens. Schließlich dürfte die verkehrsgünstige Lage im Elsass ein wichtiges Argument für die geplante Ansiedlung des deutschen Unternehmers dort sein. Zudem gibt es im Elsass viele potenzielle Arbeitskräfte. Die Arbeitslosenrate im elsässischen Süden liegt bei elf Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie im benachbarten Südbaden. Nicht von ungefähr wirbt auch der Internethändler Zalando im Elsass um Mitarbeiter für sein Logistikzentrum im südbadischen Lahr.

Der Vorgang in Ensisheim hat im Elsass erheblichen politischen Wirbel ausgelöst. FN-Regionalrat Thomas Laval bezichtigt das deutsche Unternehmen der Erpressung. So etwas würden elsässische Wähler nicht einfach hinnehmen, wird der FN-Regionalpolitiker Andréa Didelot zitiert. Gilbert Vonau, der parteilose Bürgermeister von Biltzheim und Vizepräsident des für den Vertragsabschluss zuständigen Gemeindeverbandes, steht dagegen hinter der Abmachung und der Ausstiegsklausel. "Die Menschen müssen wissen, was sie auslösen, wenn sie Front National wählen", sagte Vonau im regionalen Sender France Bleue Alsace. Wer als Unternehmen den europäischen Markt im Auge habe, wolle nicht unvermittelt mit Zoll- und Währungsgrenzen konfrontiert zu werden.

In den sozialen Netzwerken brodelt es

Bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 2012 kam in Ensisheim das konservativ-bürgerliche Lager des späteren Verlierers Nicolas Sarkozy noch auf 60 Prozent der Stimmen. Drei Jahre später votierten 43 Prozent der Wahlberechtigten des Städtchens für den FN, dicht hinter der bürgerlichen Liste (45 Prozent). Eric Straumann, konservativer Parlamentsabgeordneter und Départementspräsident aus Colmar, sieht in dem Investitionsplan des Deutschen den Beweis, wie attraktiv der Standort ist. Er sagte, er freue sich, dass für 80 Prozent der 300 angekündigten Jobs nur eine geringe Qualifikation erforderlich sein soll.

In den sozialen Netzwerken brodelt es dagegen. Von "Schande" und "Wirtschaftsterror" ist dort die Rede. Aber auch moderate Stimmen sind im Internet zu vernehmen. "Warum diese Hasskommentare?", fragt jemand, wolle doch "ein Unternehmen im Elsass investieren und Arbeitsplätze schaffen".

Mehr zum Thema:

Autor: Bärbel Nückles