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31. Mai 2011

Technische Berufe

Allein unter Männern: Wirtschaftsingenieurin Pia Gawlik-Rau

Technische Berufe kommen bei Frauen weiterhin nicht gut an: In Deutschland arbeiten mehr als eine Million Ingenieure. Nur 12,5 Prozent von ihnen sind weiblich. Bei den Automechanikern sind sogar nur 1,7 Prozent Frauen. Dabei bietet die Technikwelt Frauen eine große Chance.

  1. Pia Gawlik-Rau Foto: Ines Fuchs

Pia Gawlik-Rau lächelt ein wenig gequält. "Ich war jahrelang ein Mann", sagt sie. Sie meint das nicht biologisch. Vielmehr habe sie sich oft wie ein Mann gefühlt – und sei auch wie ein solcher behandelt worden, sagt sie. Wenn die Damen, also die Sekretärinnen, am Abend nach Hause geschickt wurden, und nur noch die Männer, also die Chefs, zur Besprechung blieben, blieb Pia Gawlik-Rau einfach sitzen.

Die 44-Jährige ist Wirtschaftsingenieurin und aufgewachsen in einer männerdominierten Branche. Kolleginnen hatte sie nur in Ausnahmefällen. Von einer erfolgreichen Karriere hat sie dies nicht abgehalten – im Gegenteil. Der Lebenslauf der ersten Vorsitzenden des Bezirksvereins Schwarzwald des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) zeigt, welche Möglichkeiten Frauen in technischen Berufen haben.

Den Grundstein ihres beruflichen Erfolges legen Pia Gawlik-Raus Eltern. Der Vater ist Bauingenieur. Sowohl Vater als auch Mutter achten darauf, dass die Tochter stets mit Puppen, aber auch mit Eisenbahnen spielen kann. Das ist in den 70er und 80er Jahren durchaus noch unüblich. "Sie haben mir einfach die Möglichkeit dazu gegeben, alles kennenzulernen." Doch diese Erfahrung bleibe nach wie vor vielen Kindern verwehrt, findet die Wirtschaftsingenieurin. Vor einiger Zeit, erzählt die zierliche Frau mit den halblangen Haaren, habe sie beim Einkaufen einen Jungen beobachtet, der ganz begeistert mit einer Spielzeugküche hantierte. Doch die Großmutter des Kindes zog den Jungen zur Seite mit dem Kommentar: "Komm, das ist doch nichts für einen Jungen." So lange es nicht selbstverständlich sei, dass Kinder klischeefremd unterschiedliche Erfahrungen machen können, werde sich an der niedrigen Frauenquote in technischen Berufen wenig ändern, glaubt Gawlik-Rau.

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Als Mädchen montierte sie mit dem Vater eine Holzdecke

Sie selbst findet am Schrauben, Montieren und Basteln schnell Spaß. Als Mädchen hilft sie ihrem Vater dabei, die neue Holzdecke im Haus der Großeltern zu montieren. Als später in der Schule das Fach Informatik eingeführt wird und alle Mädchen die Nase rümpfen, stellt sich die gebürtige Saarländerin hin und sagt: "Lasst uns das Fach doch erstmal ausprobieren, bevor wir darüber urteilen." Ihr gefällt es. Dass ihr beruflicher Weg in die Technik führen soll, ist schnell entschieden. Sie schwankt zwischen Architektur und Ingenieurwesen, entscheidet sich am Ende gegen die Architektur, um sich vom Vater abzugrenzen. Sie will ihre eigene Sache machen. Als sie dann das Studienfach Wirtschaftsingenieurwesen entdeckt, ist sie fasziniert. "Die Kombination von Wirtschaft und Technik fand ich spannend."

Sie packt das Studium an der Universität Karlsruhe obendrauf. Kommilitoninnen hat Pia Gawlik-Rau noch einige, doch nur wenige trifft sie später im Beruf wieder. Nach einer Erhebung des VDI sind unter den Ingenieurstudenten 23 Prozent Frauen. Auf dem Arbeitsmarkt finden sich aber nur 12,5 Prozent Ingenieurinnen. Viele Frauen steigen aus, sobald es um die Familienplanung geht.

Nachdem Pia Gawlik-Rau zunächst bei einem Medizintechnikhersteller im Produktmanagement und im Vertrieb eines Autozulieferers gearbeitet hat, kommt ihre erste Tochter auf die Welt. Statt sich von der Berufswelt zu verabschieden, macht sie sich als Marketingberaterin für Ingenieure selbstständig. 2001, sie hat bereits ihre zweite Tochter bekommen, sucht sie nach einer neuen Herausforderung. Die neue Aufgabe, die sie findet, hat mit Technik ausnahmsweise nichts zu tun. Sie versucht sich als Schriftstellerin.

Aus dem E-Mail-Austausch mit einer Freundin, die ihr schreibt, dass sie schwanger ist, entsteht das Buch "Hi Pia, ich bin schwanger" – ein Schwangerschaftsratgeber. Besonders gut verkaufen lässt sich das Buch nicht, "aber immerhin wurde es auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt", sagt die Autorin und grinst.

2002 flattert ein Angebot von Bosch ins Haus, sie beginnt, wieder als Angestellte zu arbeiten. 2005 wechselt sie zum Ventilatorenhersteller EBM-Papst nach St. Georgen, bevor sie 2008 erneut den Schritt in die Selbständigkeit geht. Heute arbeitet sie zudem als Dozentin an den Hochschulen Offenburg und Furtwangen.

Dass sie der Angestelltenwelt erneut den Rücken gekehrt hat, hat mit der Tatsache nichts zu tun, dass sie dort fast nur mit Männern zusammenarbeitete. Im Gegenteil: Sie hat sich in der Männerwelt eigentlich immer ganz wohl gefühlt. Blöde Sprüche gab es fast nie – zumindest hat Pia Gawlik-Rau davon nichts mitbekommen. Viel hänge allerdings vom Auftreten der Frau ab, sagt sie. Eine extrem dominierende Art komme genauso wenig an, wie eine sehr verschüchterte. Aber dies gelte ja nicht nur für Frauen. "Ich habe eigentlich immer positive Rückmeldungen von meinen Kollegen bekommen. Ich glaube, sie hatten nie ein Problem damit, dass ich eine Frau bin."

Manche Kunden glaubten, sie sei die Sekretärin

Im Gegensatz zu einigen Kunden. Früher, da ist es ihr oft passiert, dass sie vom Kunden am Telefon gefragt wurde, für wen sie anrufe. "Dann musste ich erklären, dass ich nicht die Sekretärin, sondern selbst die Wirtschaftsingenieurin bin", sagt Pia Gawlik-Rau.

"Wenn ich das heute meinen Töchtern erzähle, glauben die mir kein Wort." Ihre Töchter sind elf und 13 Jahre alt. Die eine mag Puppen, aber auch Autos. Und die andere, die kann mit Puppen nun wirklich nichts anfangen.

Autor: Ines Fuchs