BZ-Serie Jobmotor 2017

Ohne Flüchtlinge blieben viele Lehrstellen unbesetzt

mor, weg

Von Moritz Lehmann & Jörg Buteweg

Di, 23. Januar 2018 um 17:13 Uhr

Wirtschaft

Das Handwerk sucht Nachwuchs, viele junge Flüchtlinge suchen Arbeit. Was wie eine Traumkombination klingt, erweist sich in der Praxis als mühevoller Weg. Trotzdem gehen ihn viele Betriebe.

Das Handwerk sucht Nachwuchs, viele junge Flüchtlinge suchen Arbeit. Was liegt da näher, als beide zusammenzubringen? Was wie eine Traumkombination klingt, erweist sich in der Praxis allerdings als mühevoller Weg. Das zeigen die Berichte, die Moritz Lehmann und Jörg Buteweg aufgezeichnet haben:

Philipp Lay, Bäckermeister und Inhaber der gleichnamigen Freiburger Bäckerei:

"Ich habe aus der Not eine Tugend gemacht. Es gibt immer weniger Lehrlinge in Deutschland, deshalb bilde ich zwei junge Geflüchtete aus Gambia aus. Hierzulande wird dem Nachwuchs immer seltener gesagt: Werde Bäcker, da lernst du was Richtiges. Stattdessen wollen die Eltern, dass ihre Kinder studieren. Die beiden jungen Flüchtlinge, die bei mir im Betrieb eine Ausbildung machen, sind sehr nett und zuverlässig. Kulturell gab es kaum Schwierigkeiten. Dabei ist die Sprache natürlich das Allerwichtigste: Die beiden gehen dreimal die Woche zum Deutschunterricht und bekommen dafür dann auch frei. Inzwischen sprechen sie ganz gut Deutsch. Manchmal verständigen wir uns halb auf Deutsch, halb auf Englisch, aber während der Arbeit kommt man immer irgendwie klar. Am Anfang musste ich klarstellen, dass man fünf Minuten eher da ist und Guten Morgen sagt – aber das muss ich bei deutschen Lehrlingen häufig auch. Eine bürokratische Hürde war, dass die beiden eine Arbeitserlaubnis, aber keine Ausbildungsgenehmigung hatten. Das ist mir unbegreiflich. Aber wir haben uns dahintergeklemmt und das hinbekommen. Bei allen bürokratischen Belangen und Behördengängen haben die beiden Unterstützung von ehrenamtlichen Helfern bekommen – das hat mich sehr beeindruckt. Wir müssen jetzt sehen, ob es bei den beiden mit der Abschlussprüfung klappt. Die beiden kommen zwar klar in der Schule, aber sie verstehen nicht alles. Ansonsten brauchen Sie eben vier Jahre statt nur drei. Aber auch das kommt bei deutschen Lehrlingen vor. Ich hatte auch schon Geflüchtete bei mir als Praktikanten, die nicht so nett waren wie diese beiden. Mein Vater hat immer gesagt: ’Die schlechten Menschen sind auf der Welt gleichmäßig verteilt.’ Das Ausbilden macht mir unglaublich viel Spaß – aber auch ich würde nicht jeden nehmen."

Omar Trawally, 22 Jahre alt, Flüchtling aus Gambia, macht eine Ausbildung im zweiten Lehrjahr bei der Bäckerei Lay:

"Ich hatte ein Jahr Berufsvorbereitung an der Berufsschule und habe dabei auch ein Praktikum bei der Bäckerei Lay gemacht. Das hat mir sehr gut gefallen und ich habe gefragt, ob ich hier eine Ausbildung machen darf. Wenn ich zurück nach Afrika gehe, dann kann ich damit auch etwas anfangen. Wenn ich mit meiner Ausbildung fertig bin, würde ich zwar erst mal gerne weiter hier in der Bäckerei arbeiten. Aber ich weiß nicht, ob das möglich ist. Dass ich als Bäcker nachts arbeiten muss, war am Anfang schon etwas schwierig. Aber eigentlich ist es kein Problem: Wenn ich nach Hause gehe, kann ich einen Mittagsschlaf machen. In der Schule war es am Anfang schwierig mit der Sprache, vor allem im ersten Lehrjahr. Aber jetzt geht es. Die Arbeit hat mir beim Deutschlernen sehr geholfen. Ich habe auch jetzt noch dreimal die Woche Deutschunterricht. In der Flüchtlingsunterkunft, wo ich früher gelebt habe, gab es viele andere Afrikaner. Untereinander haben wir natürlich kein Deutsch gesprochen – so lernt man nichts."

Peter Duffner, Klassenlehrer einer Bäckerklasse an der Gertrud-Luckner-Gewerbeschule in Freiburg:

"Von den 107 Bäckerlehrlingen im Bereich der Handwerkskammer Freiburg sind 46 Flüchtlinge oder ausländischer Staatsangehörigkeit. Ich habe 19 Schüler in der Bäckerklasse, zwölf davon Flüchtlinge, darunter neun Gambier, je ein Iraner, ein Iraker und ein Junge aus Kamerun. Zwei Flüchtlinge haben das Handtuch geworfen, die anderen zehn kämpfen sich durch – und zeigen viel Einsatz. Wenn in einer Klasse Einheimische neben Leuten sitzen, die nur notdürftig Deutsch sprechen, macht das den Unterricht natürlich schwierig. Die Fachsprache in den Lehrbüchern ist wirklich schwer zu verstehen, dass die Flüchtlinge sich da extrem schwertun, liegt auf der Hand. Ich bin jedes Mal versucht, den Stoff zu reduzieren, aber das hieße auch, dass die einheimischen Schüler weniger lernen, als sie müssten. Wir bräuchten mehr Lehrer, dann könnten wir die Klasse teilen. Das Kultusministerium bietet Zusatzstunden Deutsch als Zweitsprache für die Nicht-Deutschsprechenden an. Das ist gut, es reicht aber nicht für den Theorieunterricht in der Berufsschule. Diese Schüler müssten zusätzliche Stunden in der Berufsschule verbringen, um die berufsspezifische Sprache zu erlernen. In den Backstuben der Betriebe kann man die Arbeit vormachen, dann machen die Auszubildenden das nach und verstehen, wie etwas funktioniert. In der Berufsschule funktioniert das so nicht."

Johannes Ullrich, Präsident der Handwerkskammer Freiburg:

"Die Flüchtlinge könnten die Rettung sein in vielen Handwerkszweigen, die freie Lehrstellen nicht mehr besetzen können. Ohne die Ausbildungsverträge mit Flüchtlingen gingen in unserem Kammerbezirk, der von der Ortenau bis an den Hochrhein reicht, die Ausbildungszahlen gewaltig zurück. Es gibt allerdings große Unsicherheit in den Betrieben, die Flüchtlinge ausbilden. Dürfen die Auszubildenden bleiben oder werden sie womöglich abgeschoben? Das belastet sehr. Ich beschäftige in meinem Malerbetrieb einen Flüchtling und weiß auch nicht, wie die Sache sich entwickelt. Es ist nicht wirtschaftlich für mich, jemanden auszubilden, der nicht bleibt. Ich mache es trotzdem. Wenn mich die Leute fragen, sage ich: Ich bin halt so gestrickt. Ich halte es für meine Pflicht zu helfen mit meinen Möglichkeiten. Da bin ich nicht allein, es ist viel guter Wille da. Ich gebe aber zu, dass es auch Handwerker gibt, die skeptisch sind, bis hin zur kompletten Ablehnung von Ausländern. Es gibt etliche Betriebe, die mit viel gutem Willen gestartet sind und enttäuscht wurden. Denn das Aufenthaltsrecht ist so kompliziert, da macht man schnell Fehler. Wenn etwas schiefgeht, schlägt die Enttäuschung in Ablehnung um. Wir haben das Problem: Wir sprechen darüber, dass höhere Qualifikation nötig ist. Zugleich belasten wir das Ausbildungssystem mit einer Integrationsleistung, die enorm viel Kraft kostet."
Flüchtlinge in Ausbildung

Rund 270 Flüchtlinge haben im Herbst eine Ausbildung im Bereich der Handwerkskammer Freiburg begonnen. Ohne sie könnten viele freie Stellen nicht besetzt werden, sagt Wolfram Seitz-Schüle, Geschäftsführer der Kammer. In Baden-Württemberg haben 2300 Menschen aus den acht Hauptasylherkunftsländern und Gambia eine Lehre begonnen. Im Jahr zuvor waren es noch 1000. Die Flüchtlinge arbeiten etwa zu gleichen Teilen in den Bereichen Handwerk sowie Industrie und Handel.

Bundesweit haben nach den Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) 9500 eine Berufsausbildung begonnen. Stichtag für alle diese Zahlen ist der 30. September. Dem Institut zufolge haben 26 400 Menschen mit Fluchthintergrund nach einer Ausbildungsstelle gesucht. Ein gutes Drittel war dabei auch erfolgreich.

Die 3+2- Regelung

Weil es vorkam, dass Flüchtlinge, die Arbeit gefunden hatten, nicht als Asylbewerber anerkannt und abgeschoben wurden, wurde auf Drängen der Wirtschaftsverbände für Flüchtlinge in Ausbildung die sogenannte 3+2-Regelung geschaffen. Sie besagt: Wer eine dreijährige Ausbildung macht – das ist die übliche Dauer hierzulande – wird in dieser Zeit nicht abgeschoben, auch wenn sie oder er nicht als Flüchtling anerkannt wird und damit ein Bleiberecht erhält. Statt dessen gibt es dann eine sogenannte Ausbildungsduldung. Nach absolvierter Ausbildung darf ein Flüchtling noch zwei Jahre bleiben und in einem Betrieb arbeiten, dann müssen abgelehnte Asylbewerber gehen.

Was klar und unmissverständlich scheint, ist es in der Praxis offenbar jedoch nicht. "Die 3+2-Regel bietet hohen Schutz gegen Abschiebung. Es ist aber ein schwieriger Prozess, bis man diesen Schutz hat", sagt Handwerkskammer-Präsident Johannes Ullrich. So könne die Ausbildungsduldung erst ausgesprochen werden, wenn ein Asylantrag endgültig abgelehnt sei. Wenn man aber eine Frist versäume, laufe das Abschiebeverfahren, so Ullrich. Dann werde ein Arbeitsverbot ausgesprochen und es zu spät. "Das ist sehr kompliziert, und für die Leute in den Betrieben schwer zu verstehen", sagt der Kammerpräsident.