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26. August 2010

Autos zerstören die tollste Ökobilanz

Oft entscheidet sich erst auf den letzten Kilometern zum Kühlschrank, wie umweltfreundlich ein Produkt ist.

Jüngst sind einige gängige Öko-Klischees ins Wanken geraten. Im Mai veröffentlichte die Stiftung Warentest eine Studie, die belegt, dass Ökolebensmittel nicht gesünder sind als normale Kost. Und das Ifeu-Institut aus Heidelberg hat kürzlich festgestellt, dass bei Lebensmitteln regional nicht unbedingt gleichbedeutend ist mit umweltfreundlich. Lohnt sich die Mühe also gar nicht, ökologisch einkaufen zu wollen? Doch, sagen Experten. Und eines ist auf jeden Fall klar: Einen entscheidenden Anteil an der Ökobilanz einer Ware hat der Verbraucher selbst. Fährt er mit dem Auto zum Supermarkt, ist die tollste Ökobilanz schnell dahin.

Elmar Schlich hat sich mit dem Thema intensiv beschäftigt. Der Professor von der Universität Gießen hat an seinem Lehrstuhl für Prozesstechnik die Energiebilanzen verschiedener Lebensmittel berechnet – von der Produktion über den Vertrieb bis in den Einkaufswagen der Verbraucher. Schlich ist dabei immer wieder zu den gleichen Ergebnissen gekommen, die klassische ökonomische Theorien bestätigen. Demnach haben Lebensmittel immer dann die beste Klimabilanz, wenn sie aus großen Betrieben stammen, sagt Schlich. Denn nur sie könnten eine gute Logistik garantieren. Selbst wenn die Produkte um die halbe Welt transportiert werden: Pro Kilogramm Lebensmittel entstehe weniger klimaschädigendes Kohlendioxid (CO2), als wenn ein kleiner Landwirt seine Äpfel oder Karotten zum nächsten Wochenmarkt fahre.

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Umwelt- und Verbraucherschützer finden diese Betrachtungsweise zu einseitig (siehe Interview). Schlichs Untersuchungen halten manche "aus wissenschaftlicher Sicht nicht für akzeptabel", wie Guido Reinhardt vom Ifeu-Institut sagt. Schlich habe wichtige Aspekte in seinen Untersuchungen nicht beachtet, die Studien seien methodisch falsch. Wenn man mehr auf die Herstellung als auf die Logistik schaut, kommt man zum Beispiel bei Äpfeln zum gegenteiligen Ergebnis.

Trotzdem kommt das Ifeu-Institut oft zu ähnlichen Resultate wie Schlich: Regional sei nicht unbedingt umweltfreundlich. Beispiel Brot: Hierbei – also unabhängig von anderen Kriterien wie dem Geschmack – schneide ein industriell gefertigtes Produkt vom Discounter deutlich besser ab als ein Brot aus einer kleinen Backstube. Ökologisch noch weniger sinnvoll sei es, sein Brot im heimischen Backofen selbst zu backen. Denn in Großbäckereien wird pro Kilogramm Brot deutlich weniger Energie verbraucht.

Auch beim Fleisch kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass beispielsweise Rindfleisch aus Argentinien – trotz des langen Transportwegs – ökologisch besser ist als deutsches Fleisch aus einem Mastbetrieb. Denn für die Aufzucht der Tiere auf der argentinischen Weide werde kaum Energie benötigt. Aber die Materie ist komplex. Und deshalb falle die Bilanz ganz anders aus, wenn die Rinder auch in Deutschland zumindest zum Teil draußen leben. "Man kann nicht alles über einen Kamm scheren", sagt Guido Reinhardt.

Dies gilt auch beim Salat: Im Sommer ist laut Ifeu-Institut regionaler Salat besser. Im Winter jedoch kann es sinnvoller sein, Kopfsalat aus Spanien zu kaufen. Denn hierzulande wächst der Salat im Winter in stark beheizten Treibhäusern. Dabei würden mehr klimaschädigende Gase frei als beim Transport. Statt Kopfsalat zu kaufen, kann der Verbraucher alternativ aber auch zu winterharten Sorten aus Deutschland greifen.

Einheitliche Ergebnisse gibt es also nicht. Bei vielen Produkten hat zudem noch die Art der Verpackung einen entscheidenden Einfluss auf die Energiebilanz. Das macht es dem Verbraucher nicht leichter. "Im Grunde ist es aber immer gut, regional und saisonal einzukaufen", rät Reinhardt. Vor allem sei es wichtig, nicht für den Einkauf von drei Äpfeln und zwei Litern Milch ins Auto zu steigen. Zu diesem Ergebnis kommt auch Elmar Schlich von der Universität Gießen. "Die letzten Kilometer zum Verbraucher sind in der Transportkette die entscheidenden", sagt er. Auf dem Weg zum heimischen Kühlschrank werde – zum Beispiel pro Apfel gerechnet – oft mehr Energie verbraucht als beim Transport der Produkte von Neuseeland nach Deutschland. Statt mit dem Auto sollten Verbraucher deshalb kleinere Einkäufe zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen – und nur noch die großen mit dem Auto.

Autor: Beate Beule