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05. August 2010

"Bargeld ist das Blut in den Adern der Kriminalität"

In Skandinavien wächst das Misstrauen gegenüber Münzen und Scheinen / Junge Leute zahlen jetzt schon am liebsten mit Karte.

  1. Hat in Skandinavien Münzen und Scheine ersetzt: Karten Foto: DDP

KOPENHAGEN. "To ryndstykker" verlangt Steffen beim Bäcker in Kopenhagen, das Mädchen hinter dem Tresen reicht ihm die zwei Brötchen: "Fünf Kronen". Steffen schiebt die Chipkarte in den Leser, tastet seine Geheimnummer ein und lässt die umgerechnet knapp 70 Cent von seinem Konto abbuchen. Die Verkäuferin verzieht keine Miene. Sie ist gewohnt, dass die Kunden selbst Kleinstbeträge bargeldlos bezahlen. Steffen hat nie Cash in der Tasche. Das ist typisch für junge Skandinavier.

Ob die Drinks in der Bar, das Ticket in der S-Bahn oder der Flug nach Australien, alles wird mit Karten, Handy oder Internet-Banking abgewickelt, selbst Kredite verschaffen sich die konsumfreudigen Wikingernachfahren oft (zu horrenden Zinsen) via SMS.

Der Trend zur bargeldlosen Gesellschaft kam in Skandinavien früher und ist weiter fortgeschritten als im übrigen Europa. Die Einführung des Euro machte den Finnen wenig Kopfzerbrechen. Ob von ihrer Kreditkarte 15 Finnmark oder drei Euro abgebucht wurden, machte nicht viel Unterschied. Als während Islands Bankkrach das Wechseln der Landeswährung zum Problem wurde, machten sich Reisende Sorgen, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollten. Unnötige Sorgen: mit der Visakarte konnte man überall einkaufen, speisen und wohnen.

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Touristen auf Nordland-Rundfahrt, die sich vorsorglich mit Banknoten eingedeckt haben, merken rasch, dass sie sich die Mühe hätten ersparen können: Mit ihrer Karte kommen sie genauso weit, ohne fremde Geldbündel im Portemonnaie.

Geldscheine helfen der Schwarzarbeit, sagen die Schweden

In Schweden läuft eine Kampagne für bargeldloses Zahlen, nicht nur im Sinne der Bequemlichkeit, sondern auch zur Sicherheit. Wenn weniger Bares im Umlauf ist, kann weniger gestohlen werden. "Bargeld ist das Blut in den Adern der Kriminalität", sagt Stockholms Polizeichefin Carin Götblad und bestand darauf, selbst ihren Christbaum mit der Karte zu bezahlen. Sie regt an, die 500- und 1000-Kronen-Scheine – umgerechnet rund 50 und 100 Euro wert – abzuschaffen. Sie würden doch nur für Schwarzarbeit und Hehlerdeals verwendet. "Zwei von drei Bargeldkronen sind doch schwarz", sagt auch Gewerkschafterin Maria Löök.

Nach einer Serie von Überfällen auf Chauffeure strich Stockholms Verkehrszentrale kurzerhand den Ticketverkauf im Bus. Jetzt muss man sich am Automaten bedienen oder mit Handy bezahlen. Nach Raubzügen gegen Banken und Geldtransporter hat man den Umsatz an Barem begrenzt. Es gibt selbst bargeldlose Bankfilialen, der Geldverkehr wird ja doch übers Internet getätigt. "25 Prozent der Bankangestellten waren Opfer von Überfällen", sagt Mikael Sjöberg, der Chef des Arbeitschutzamtes. "Es nicht akzeptabel, dass Menschen Angst haben müssen, wenn sie zur Arbeit gehen." Seine Behörde untersucht nun die gefährdeten Läden, Kioske und Tankstellen. 3000 von ihnen droht ein Bargeldbann.

Der Verband der Kleinunternehmer wehrt sich, ältere Menschen beklagen, dass sie sich mit der Technik nicht zurechtfinden. Nur eine Frage der Gewöhnung, sagen die Experten. Gerade für Ältere sei der bargeldlose Verkehr ein Vorteil. Sie seien Diebstählen besonders ausgesetzt und hätten Schwierigkeiten, die Münzen zu finden.

Die Proteste von Datenschützern sind spärlich geblieben, obwohl das Cash-freie System jede Geldtransaktion kontrollierbar macht und Konsumverhalten und Zahlgewohnheiten offen legt. Doch in Skandinavien hat man sich daran gewöhnt, dass der Staat jedem aufs Konto und in den Geldbeutel guckt. Bankguthaben und Zinszahlungen werden automatisch der Steuerbehörde gemeldet. Das schwedische Öffentlichkeitsprinzip gibt jedem Neugierigen das Recht auf Einblick in die Steuererklärung des Nachbarn.

"Wer Bares besitzt, hat etwas zu verbergen", lautet der Slogan der Lobbyisten für ein Dasein ohne Klimpern in der Geldtasche. Für Steffen ist das Normalität. Und wenn er doch mal Bargeld braucht? Auch das geht beim Bäcker. "Gibst du mir 100 Kronen drauf?", fragt er das Mädchen an der Kasse, und sie verbucht für die zwei Brötchen 105 Kronen und reicht ihm den Hunderter in bar.

Autor: Hannes Gamillscheg