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18. Januar 2010

Das Mietshäusersyndikat wirtschaftet erfolgreich in einer Nische

Die in Freiburg gegründete Organisation zwischen Firma und Genossenschaft bietet preiswerten Wohnraum / 50 Projekte in der Bundesrepublik

  1. Wohninitiative Susi im Freiburger Stadtteil Vauban Foto: kitzler

FREIBURG. Sie besetzt lediglich eine Nische zwischen Wohnungsgenossenschaften und Baugruppen. Aber mit ihrem deutschlandweit einmaligen Modell hat die in Freiburg gegründete Organisation Mietshäusersyndikat inzwischen über die badischen Grenzen hinaus Erfolg.

Ziel des seit 1992 bestehenden Netzwerks ist es, dauerhaft günstigen Wohnraum zu erhalten und Häuser vor Spekulation zu schützen. Vor Anfragen kann sich das Mietshäusersyndikat inzwischen kaum mehr retten. Diese kommen mittlerweile aus allen Teilen der Bundesrepublik und sogar aus dem Ausland. Überall wollen sich neue Hausprojekte im Stil des Mietshäusersyndikats gründen. Eine Tatsache, die den Freiburger Genossenschaftsexperten Burkhard Flieger nicht verwundert: "Der Wunsch nach selbstbestimmten Wohnformen wächst."

Er selbst hat schon einmal eine Expertise über die besondere Form des Mietshäusersyndikats geschrieben. Denn eine Genossenschaft ist die Organisation nicht – auch wenn die Hausprojekte von der Idee her genossenschaftlich sind. Die Rechtsform ist jedoch eine andere. Zwar zahlen die Mitglieder des Mitshäusersyndikats auch eine Kapitaleinlage. Für jedes Projekt wird jedoch eine eigene GmbH gegründet, an der das Mietshäusersyndikat zu 49 Prozent und der jeweilige Hausverein zu 51 Prozent beteiligt sind.

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Dadurch hat das einzelne Projekt mehr eigenen Spielraum, gleichzeitig behält das Mietshäusersyndikat jedoch noch Einfluss auf die Entscheidungen. "Durch diese Form ist zum Beispiel sichergestellt, dass ein Haus nicht einfach verkauft oder privatisiert werden kann, damit gibt es keine Möglichkeit für Spekulationen", erklärt Jochen Schmidt. Er ist einer der offiziellen Geschäftsführer des Mietshäusersyndikats, die allerdings ehrenamtlich arbeiten. Denn auch der Wissenstransfer ist Teil des Modells: Erfahrene Mitglieder beraten die Neueinsteiger. Schließlich muss sich jedes Hausprojekt selbst um die Finanzierung kümmern.

Eine Besonderheit hierbei ist, dass viel Geld aus Direktkrediten stammt – also von Freunden, Verwandten und Bekannten der Mitglieder. "Es ist schon oft anstrengend, das nötige Geld zusammen zu bekommen", sagt Helma Haselberger vom Mietshäusersyndikat. Die Wirtschaftskrise unterstützt diesen Prozess jedoch eher: Viel mehr Menschen als früher wollen wissen, wo ihr Geld angelegt ist. Unterstützung bekommen die neuen Hausvereine außerdem von den schon länger etablierten Projekten des Mietshäusersyndikats. Diese zahlen in einen Solidarfonds ein, der zurzeit rund 200 000 Euro umfasst.

Selbst wenn die Häuser abbezahlt sind, leben die Mitglieder des Mietshäusersyndikats deshalb nicht umsonst – die Bewohner sind keine Eigentümer, sondern bleiben Mieter. Den strengen Kontrollen einer Genossenschaft würde ein solches Modell nicht standhalten, sagt Genossenschaftsexperte Burkhard Flieger: "Aber es scheint ja zu funktionieren."

50 Projekte in ganz Deutschland hat das Mietshäusersyndikat seit seiner Gründung realisiert und dafür zusammen 34 Millionen Euro investiert – vom kleinen Einfamilienhaus bis zur Freiburger Initiative Susi, in der 260 Menschen zusammenleben. Nur selten kommt es vor, dass das Mietshäusersyndikat die Häuser aufgrund einer Anzeige kauft oder dass die Gebäude neu gebaut werden. Häufiger sind die Objekte schon lange in der politischen Auseinandersetzung: Das Mietshäusersyndikat ist aus der Hausbesetzerszene entstanden und will sich auch heute noch als politische – und bunte – Organisation verstanden wissen. "Bei uns", sagt Jochen Schmidt "leben alle: vom Punk bis zur Seniorin."

Autor: Beate Beule