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09. Februar 2012
Hygiene
Debatte um Mängel bei Müller-Brot
Behörden stießen in der Großbäckerei auf Mäusekot und Kakerlaken
MÜNCHEN. Beim bayerischen Großbäcker Müller-Brot ruht der Betrieb, weil Kontrolleure Mäusekot und Kakerlaken gefunden haben. Kunden waren jahrelang ahnungslos.
"Wenn der Fall etwas Gutes hat, dann dass er Bewegung in die Pattsituation bringen kann", sagt Andreas Winkler. Er arbeitet für die Organisation Foodwatch, die sich für den Verbraucherschutz bei der Ernährung stark macht. Mit Pattsituation meint Winkler die Hängepartie im Ringen um Veröffentlichungspflichten bei Hygienekontrollen, mit dem Fall den jüngsten Skandal bei Müller-Brot, einem Großbäcker. Am Firmensitz in Neufahrn bei München stehen seit einer guten Woche die Bandstraßen still. Die Behörden haben bei Kontrollen Mäusekot, Kakerlaken und Mehlwürmer gefunden.Der Skandal hat zwei Dimensionen. Das findet nicht nur Foodwatch, sondern auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Denn Missstände beim Großbäcker sind den Behörden seit Juli 2009 bekannt, räumten der zuständige Landrat Michael Schwaiger und der Chef des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittel (LGL), Andreas Zapf, ein. Sieben Mal waren Kontrolleure während der vergangenen zweieinhalb Jahre in Neufahrn auf Ekelerregendes gestoßen. Informiert wurde die Öffentlichkeit erst vor wenigen Tagen, als der Skandal nicht mehr unter dem Teppich zu halten war. Landrat und LGL verschanzen sich hinter der Behauptung, dass die Gesundheit von Kunden nicht gefährdet gewesen sei.
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Foodwatch zweifelt. Mäusekot könne durchaus ein Überträger von Krankheiten sein. Ekelerregend seien die Zustände auf alle Fälle, stellt Winkler klar und zitiert aus Paragraph 40 des Lebens- und Futtermittelgesetzbuchs. Danach sollen Behörden in solchen Fällen informieren. Sie müssen es nicht.
Das wollen Foodwatch, NGG und andere Kritiker ändern. Sie fordern ein Hinweissystem, das Verbrauchern im Internet und an der Tür zu Gaststätten oder Filialen des Lebensmittelhandels mittels Symbolen wie einem Smiley oder in Worten Auskunft über die hygienischen Zustände vor Ort gibt. "Seit Jahren blockiert Bayern die Einführung eines Smiley-Systems in Deutschland", kritisiert Foodwatch-Vize Matthias Wolfschmidt.
Würden hierzulande alle Ergebnisse amtlicher Hygienekontrollen nach dem Vorbild Dänemarks veröffentlicht, wären die Zustände bei Müller-Brot ordentlich oder die Verbraucher hätten einen Bogen um den Bäcker gemacht. Stattdessen mute Bayerns Regierung unter Horst Seehofer ihren Bürgern Ekelproduktion zu. Es sei bezeichnend, dass ausgerechnet der Freistaat von einem Hygieneskandal heimgesucht wird, sagt Winkler.
Ob Großbäckereien für verunreinigte Produktion besonders anfällig sind und Müller-Brot möglicherweise nur die Spitze eines Eisbergs ist, kann er mangels öffentlich zugänglicher Informationen nicht abschätzen. Denkbar sei schon, dass es andernorts ähnlich zugehe und Behörden wie in Bayern seit Jahren schweigen. Dort ermittelt seit Mai 2011 sogar die Staatsanwaltschaft Landshut gegen fünf Müller-Manager wegen Verstößen gegen das Lebens- und Futtermittelgesetz. Aber auch das erfuhren Verbraucher erst jetzt.
Müller-Brot gilt als Pionier des industriellen Backens. 1953 haben die Bayern die bundesweit erste Anlage zur Semmelfertigung installiert. Die Gründerfamilie ist 2003 ausgeschieden. Übernommen hat der ehemalige Kamps-Manager Klaus Ostendorf. Seine Gruppe ist nach Angaben des Verbands deutscher Großbäcker (VDG) die Nummer sieben der Branche und hat bis vor kurzem auch bayerische Lidl-Supermärkte beliefert. Die Kette hat Müller-Brot jetzt ausgemustert.
"Nur Betriebe mit hohen Hygienestandards werden wettbewerbsfähig bleiben", sagt VDG-Chef Armin Juncker. Er kann sich nicht erinnern, dass in Deutschland vor Müller-Brot einmal ein Betrieb dieser Größe die Produktion wegen Hygienemängeln einstellen müsste.
Autor: Thomas Magenheim
