Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
01. August 2009
Der Herr der Gläschen
Claus Hipp setzte sich für ökologische Landwirtschaft ein, als kaum einer den Begriff kannte. Heute ist er Babykost-Markführer
Wie ein Revolutionär sieht der nette ältere Herr im blauen Zwirn nicht aus. Auch nicht wie ein erfolgreicher Unternehmer und Multimillionär. Raumgreifende Gesten und Belehrungen sind ihm fremd. Claus Hipp antwortet kurz und präzise, den Blick in sich gekehrt. Dabei ist er ein gefragter Gesprächspartner – auch im Freiburger Walter-Eucken-Institut.
Claus Hipp, 70, hat eine der ungewöhnlichsten Erfolgsgeschichten der deutschen Geschichte geschrieben: Er hat bewiesen, dass Öko erfolgreich sein kann. Umsatz 420 Millionen Euro, Gewinn im zweistelligen Millionenbereich, 1000 Mitarbeiter, Betriebsstätten in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Ungarn, Kroatien, Russland und der Ukraine. 6000 Bauern bewirtschaften 15 000 Hektar für Hipp, 1,5 Millionen Gläschen rollen im Stammsitz in Pfaffenhoffen täglich vom Band.
Claus Hipp sorgt dafür, dass ängstliche Mütter gut schlafen, weil sie ihm vertrauen. Er ist nicht nur der unangefochtene Marktführer für Babynahrung in Deutschland geworden. Das Unternehmen mit dem quietschbunten Herzchenlogo ist auch der bekannteste Biobauer Deutschlands und der weltgrößte Vermarkter von organisch-biologischen Rohstoffen.
Werbung
Leicht war es nicht. Mitte der fünfziger Jahre war Bio eine irre Idee. Es wurde gesprüht und gestreut, was die Chemieindustrie hergibt. Die Hipps wollten Bircher Müesli verkaufen und brauchten naturreines Getreide. Wer damals saubere Feldfrüchte suchte, konnte nur bei einem landen: Hans Müller, ehemaliger Lehrer, Schweizer Nationalrat und angefeindeter Begründer des organisch-biologischen Landbaus. Der junge Hipp ist begeistert. Von Müller lernt er, wie ökologische Landwirtschaft funktioniert: mit abwechslungsreicher Aussaat auf den Feldern, mit Nistplätzen für Vögel als natürliche Schädlingsbekämpfer – und mit Charakterstärke. Der 16-Jährige stellt den Bauernhof, den seine Eltern gekauft haben, auf Bio um, bequatscht die Bauern in der Umgebung, die ihm den Vogel zeigen.
Aus der Karriere als Biobauer wird nichts. Hipp will Maler werden. Oder Schauspieler. Oder Musiker. Oder Dressurreiter. Kunst und Jura hat er am Ende studiert, über russisches Arbeitsrecht promoviert. Er wählte die sichere Variante: den elterlichen Betrieb.
Gezweifelt hat er an seiner Idee nie, seine Standfestigkeit schöpft der Katholik aus seinem starken Glauben. "Wir dürfen keine Schäden machen, die die kommende Generation nicht mehr beseitigen kann." So versteht Hipp die Genesis, Kapitel 1: Macht euch die Erde untertan. Mit demselben Argument kämpft er auch gegen die grüne Gentechnik. "Das ist ein Eingriff in die Natur, die von der nächsten Generation nicht mehr rückgängig gemacht werden kann." Der erste Satz im Unternehmensleitbild lautet deshalb: "Wir sehen uns als Unternehmen, das bewusst in christlicher Tradition steht, verpflichtet, uns mit dem Thema Unternehmensethik aktiv auseinanderzusetzen."
Das Geschäft mit der Babynahrung ist älter. Weil Claus Hipps Großmutter ihre 1899 geborenen Zwillinge nicht voll stillen konnte, mixte Großvater Joseph, von Beruf Konditormeister, aus Kuhmilch und Zwiebackmehl einen Babybrei, den er auch seinen Kunden anbot. Die Zwillinge überlebten zusammen mit sechs Geschwistern – das war die Geburtsstunde des Familienunternehmens. Heute hat das Unternehmen 243 Artikel im Angebot, die Auswahl reicht von der Sondennahrung für Schwerkranke über Brei, Babykost, Müesli bis zur Babypflege.
Hipp ist ein Perfektionist. Die Zutaten werden auf 800 Schadstoffe untersucht, bevor sie ins Glas kommen, das Endprodukt durchläuft 260 Kontrollen. Die wild wachsenden Bananen in Costa Rica sind satellitenüberwacht, das Unkraut wird von Hand gerupft. "Dafür stehe ich mit meinem Namen", sagt Hipp in Fernsehspots vor einem Millionenpublikum – und die Mütter vertrauen dem zufriedenen Landwirt im Trachtenjanker.
Manchmal liegen auch der Gutmensch Hipp und der Geschäftsmann Hipp im Clinch. Der Gutmensch will seinen Milchbauern faire Preise zahlen, der Geschäftsmann schaut auf die Kosten – und zahlt dann doch nur den marktüblichen Milchpreis. Denn der Markt für Babynahrung ist heftig umkämpft. Zwar hat sich Biokost für Kinder durchgesetzt, doch langfristig bleibt die Kundschaft aus: die Deutschen bringen immer weniger Kinder zur Welt. Die Idee mit Gläschen für Senioren floppte. Ältere wollen auf keinen Fall als Alte angesprochen werden.
Mit Hilfe der Marktforschung hat Hipp bereits eine neue Zielgruppe entdeckt: "Gesundheitsbewusste junge Frauen greifen häufig zu Kindernahrung." Sie fühlen sich offenbar bestens versorgt, wenn sie zwischendurch mal ein Gläschen löffeln. Das Wachstum soll vor allem durch die Expansion im europäischen Ausland erfolgen. Während deutsche Mütter am liebsten zu Karotten greifen, werden ungarische Babys vor allem mit Kürbis gefüttert. Seit jüngstem gibt es Babykost im Plastikbecher. Das ist nicht nur leichter handhabbar, sondern spart auch kosten beim Transport und der Logistik.
Ein Querdenker ist Claus Hipp geblieben. Als Präsident der IHK München und Oberbayern kam er gern mit dem Fahrrad zu Terminen – "den Luxus gönn’ ich mir". Empfänge und lange Abendessen sind nicht sein Ding. Lieber geht der Biodynamiker in sein Atelier und malt abstrakte Bilder oder spielt in einem Laienorchester Oboe. Von der Politik will er sich erst recht nicht vereinnahmen lassen. Er ist das Original. "Die Grünen haben wir doch mit Bionahrung großgezogen."
Autor: Petra Kistler
