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07. August 2010

Deutsche Greencard hat Südbaden nicht geholfen

Die rot-grüne Bundesregierung führte eine Greencard nach US-Muster ein. Sie sollte Computerexperten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt verschaffen. Vor allem auf indische Fachleute hoffte man vor zehn Jahren. Den Betrieben in Südbaden hat das aber nicht geholfen.

  1. Nicht sonderlich begehrt – der Bundesadler. Foto: dpa

FREIBURG. Eine alte Debatte kommt neu in Gang – die Zuwanderung von Fachkräften. Auf dem Höhepunkt des Internetbooms im Jahr 2000 ging Deutschland das qualifizierte Personal schon einmal aus. Die rot-grüne Bundesregierung unter dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder führte eine Greencard nach US-amerikanischem Muster ein. Sie sollte Computerexperten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt verschaffen. Vor allem auf das Wissen indischer Fachleute hoffte man vor zehn Jahren. Den Betrieben in Südbaden hat das aber nicht geholfen.

"Die Regelung der Greencard war damals schon nicht nachvollziehbar", sagt der Freiburger IT-Experte Till Hahndorf. Das habe zum einen daran gelegen, dass die deutsche Greencard auf fünf Jahre beschränkt war. Ein längerer Verbleib im Land sei an zu hohe Bedingungen geknüpft gewesen, als dass die Greencard ein echter Köder für Hochqualifizierte gewesen wäre, in die Bundesrepublik zu kommen. "Zudem wollen die Inder eher in die USA", so Hahndorf weiter.

Hahndorf leitet eine Firma, die bei Outsourcing-Projekten berät. Das heißt: Hahndorf macht es möglich, dass eine südbadische Firma ihre neue Software in einem anderen Land entwickeln lässt. Er ist also ein Teil jener Bewegung, die genau in die andere Richtung zielt als es die Regierung Schröder vorhatte – nicht rein nach Deutschland, sondern raus. Nicht die ausländischen Fachkräfte kommen für ein Projekt ins Land, sondern das Projekt wird in ein anderes Land verlegt. Auch Indien sucht hier nach Wegen, mit deutschen Firmen ein Geschäft zu machen. Der indische Industrielle Rajan Tata, bekannt geworden durch sein Billigauto für 2000 Euro, hat auch eine große Computerfirma. "Seine drei Prioritäten in Europa lauten derzeit Deutschland, Deutschland und Deutschland", sagt Hahndorf.

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Während in den vergangenen acht Jahren nie mehr als 4000 Greencards für Computerexperten vergeben wurden, steigt der Bedarf nach Outsourcing-Projekten im Ausland. Dabei ist Indien gar nicht die erste Adresse. Von eigenen Entwicklungsbüros in Indien lassen südbadische Firmen in der Regel die Finger. Wenige gibt es, die das gemacht haben und wenn, dann mit schlechten Erfahrungen. "Wir haben dort viel Lehrgeld gezahlt", sagt Clemens Sexauer, Chef der Endinger IT-Firma Beo Software. Die Entwicklungsabteilung sitzt heute wieder am Kaiserstuhl. Beo stellt Programme her, die vor allem beim Warenexport gebraucht werden und beschäftigt 50 Mitarbeiter.

Oxid E-Sales entwickelt stattdessen in Litauen. Die Freiburger IT-Firma hat sich auf Verkaufssoftware für das Internet spezialisiert. "Viele Firmen sind nach Osteuropa oder ins Baltikum gegangen", bestätigt Hahndorf. "Dort sind auch die kulturellen Unterschiede nicht so groß." Das sieht auch Oxid-Chef Roland Fesenmayr so. "Im Baltikum haben wir eine Lücke gesehen", sagt er. Seit sieben Jahren gibt es dort ein Entwicklungsbüro mit rund zehn Mitarbeitern. "Mittlerweile sind allerdings auch dort Informatiker sehr schwer zu finden", sagt Fesenmayr. "Der Markt ist leergefegt."

Zwar sind die Entwickler vom Baltikum deutlich günstiger als deutsche. Dennoch hätte Fesenmayr die Stellen gerne in Südbaden geschaffen oder wenigstens am zweiten deutschen Standort, in Halle an der Saale. Doch das war nicht mal mit den ausländischen Experten zu machen. "Für Litauer ist Deutschland im Gegensatz zu beispielsweise den USA oder England keine Option." Es scheitere nicht an guten Jobs oder der Bezahlung, sondern vielmehr an weichen Faktoren. Etwa dem Gefühl, hier in Deutschland nicht wirklich willkommen zu sein. "Da gibt es für die Politik dringenden Handlungsbedarf." Denn die Branche stehe vor dem nächsten Fachkräftemangel. "Die Lage spitzt sich wieder zu", sagt Fesenmayr.

66 000 Euro Jahresgehalt – wer hat die schon?

Der Fluss von IT-Fachleuten, die nach Deutschland kommen, fließt zäh. 2009 wurden gerade 2500 Greencards ausgestellt, schätzt der Branchenverband Bitkom. "Das aktuelle Zuwanderungsgesetz ist für den Zuzug von Hochqualifizierten immer noch zu restriktiv", sagt Verbandschef August-Wilhelm Scheer. So erhalten die Spezialisten nur dann eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, wenn sie einen Arbeitsplatz mit einem Jahresgehalt von mindestens 66 000 Euro nachweisen können. "Davon machen pro Jahr nur 150 Personen Gebrauch", so Scheer.

Der Verbandschef hofft daher, dass mit dem neuen Vorstoß von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) Leben ins Thema Zuwanderung kommt. Der hat ein Begrüßungsgeld für Fachkräfte ins Gespräch gebracht, was Kanzlerin Angela Merkel aber prompt ablehnte. Scheer schert sich weniger ums Begrüßungsgeld. Er fordert stattdessen neben dem Wegfall der Einkommensgrenze auch eine Arbeitserlaubnis für die Ehepartner. Laut Bitkom hat derzeit bereits jedes dritte IT-Unternehmen ein Problem mit dem Fachkräftemangel. Vor zwei Jahren, auf dem Höhepunkt des Aufschwungs, seien es sogar 60 Prozent der Firmen gewesen.

De Maizière kritisiert Die Wirtschaft

In der Debatte über die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière der Wirtschaft Versäumnisse vorgeworfen. Der Grund für den Fachkräftemangel seien nicht zu restriktive Zugangsregelungen, sondern fehlende attraktive Angebote, sagte de Maizière dem Handelsblatt: "Deshalb sollte sich die Wirtschaft lieber an die eigene Nase fassen und nicht eine Änderung der Rechtslage verlangen." In Deutschland fehle eine Willkommenskultur, sagte der Minister. Entscheidend sei, wie die Menschen behandelt werden. Gute Arbeitsbedingungen, das Lohnniveau, attraktive Zusatzangebote wie Hilfe bei der Wohnungssuche seien wichtig für die Attraktivität von Angeboten. "Die Wirtschaft hat oft ihre Hausaufgaben nicht gemacht", sagte der Minister. De Maizière zufolge ist die Rechtslage von einer "prinzipiellen Offenheit gegenüber Zuwanderung geprägt". Hochqualifizierte mit einem Jahreseinkommen von 66 000 Euro bekämen ein unbefristetes Daueraufenthaltsrecht. Diese Gehaltsschwelle halte er nicht für zu hoch. Unter diesem Mindesteinkommen bekämen Hochqualifizierte eine fünfjährige Aufenthaltserlaubnis. Ausländische Studenten dürften nach ihrem Abschluss noch ein Jahr in Deutschland bleiben, um sich einen Job zu suchen.  

Autor: epd

Autor: Moritz Förster