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10. März 2014

Treibhaus-Trend

Deutsche pusten mehr CO2 in die Luft

Der Treibhausgas-Ausstoß steigt im zweiten Jahr in Folge / Handel mit Verschmutzungszertifikaten funktioniert nicht.

  1. Gilt als Klimakiller: das Gas Kohlendioxid. Foto: DPA

BERLIN. "Alles hängt mit allem zusammen" – ein Leitspruch der Kanzlerin gilt auch für den Klimaschutz und die Energiewende. Weil der schmutzige Kohlestrom boomt, geraten Deutschlands Kohlendioxid (CO2)-Ziele unter Druck.

Es gibt ein Foto, bei dem sicher viele Deutsche an den Klimaschutz denken. Im Sommer 2007 flog Angela Merkel nach Grönland, um sich mit eigenen Augen ein Bild von schmelzenden Gletschern und verlorenen Lebensräumen der Eisbären zu machen. In dicken, roten Funktionsjacken stellten sich die Kanzlerin und ihr damaliger Umwelt- und heutiger Energieminister Sigmar Gabriel (SPD) bei strahlender Polarsonne vor die Fotografen. Die Kulisse lieferte der Eqi-Gletscher, die Botschaft von Merkel an die Bürger daheim war: "Mutti" kümmert sich auch ums Weltklima.

Doch nicht erst seit mehreren weitgehend gescheiterten Klimaschutzkonferenzen weiß man, dass das leichter gesagt als getan ist. Ausgerechnet Deutschland, von Merkel als Vorreiter gepriesen, läuft Gefahr, beim Einhalten der selbst gesteckten nationalen Ziele zu patzen. Um 40 Prozent soll der deutsche Treibhausgas-Ausstoß 2020 niedriger sein als im Jahr 1990. Aktuell sind aber nur 23,8 Prozent geschafft, wie das Umweltbundesamt (UBA) ausgerechnet hat. Die Experten schlagen Alarm, weil im zweiten Jahr in Folge der CO2-Ausstoß gestiegen ist. "Hält das an, wird es kaum möglich, das Klimaschutzziel der Bundesregierung im Jahr 2020 zu erreichen", heißt es bei der Behörde in Dessau-Roßlau.

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Zwischen 2008 und 2009 waren die Emissionen infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise zunächst deutlich gesunken. Seit 2009 aber steigen sie in der Tendenz jährlich leicht an, 2010 war ein Sonderjahr auch wegen klimatischer Effekte. Wenn die Bundesregierung das 2020-Ziel noch schaffen will, müsste sie in den verbleibenden sieben Jahren den Treibhausgas-Ausstoß ab sofort jährlich um etwa 2,8 Prozent reduzieren. "Die derzeit gegebenen Rahmenbedingungen lassen dies nicht zu", konstatiert das Umweltbundesamt in einer Analyse schonungslos. Auch Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), erst seit Dezember im Amt, ist beunruhigt: "Wir haben einen Teil der bereits erreichten Treibhausgasminderungen wieder verspielt."

Braunkohlestrom-Produktion auf Rekordhöhe

Woran aber liegt es, dass im vergangenen Jahr mit 951 Millionen Tonnen fast zwölf Millionen Tonnen mehr Treibhausgase in die Luft gepustet wurden und Kohlekraftwerke durchlaufen? Zahlen die Verbraucher nicht die gigantische Summe von 23,5 Milliarden Euro pro Jahr für den Ausbau erneuerbarer Energien, damit – wie von der Politik versprochen – sauberer, grüner Strom aus der Steckdose kommt?

Tatsächlich jedoch wurde 2013 so viel klimaschädlicher Braunkohlestrom produziert wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Zwar ging dank neuer, effizienterer Kraftwerke, die weniger Kohle brauchen, der CO2-Ausstoß im Braunkohle-Tagebau laut UBA-Zahlen leicht um 0,9 Prozent zurück. Nach den Mineralölen hatte die Braunkohle 2013 aber mit geschätzt 181,5 Millionen Tonnen den höchsten Anteil an den energiebedingten Kohlendioxid-Emissionen.

Besonders negativ machte sich der um 4,3 Prozent höhere CO2-Ausstoß bei der Steinkohle-Verstromung bemerkbar. Damit fangen bei der Energiewende vor allem Kohlekraftwerke den Wegfall von acht Atomkraftwerken auf, während sich CO2-ärmere, aber im Betrieb teurere Gaskraftwerke kaum noch rechnen. An den höheren Treibhauswerten war aber auch der strenge Winter 2012/13 schuld; es wurde mehr mit Öl und Gas geheizt. Dazu erhöhte auch der um über sieben Prozent gestiegene Nettostromexport auf 33 Milliarden Kilowattstunden die Emissionen.

Schuld an diesem Dilemma der Energiewende ist vor allem das Scheitern des europäischen Handels mit Verschmutzungsrechten – kurz CO2-Papieren. Diese muss die Industrie für jede Tonne Kohlendioxid kaufen, die durch die Fabrik-Schornsteine in die Luft gelangt. Unternehmen können die Papiere auch untereinander handeln. Eigentlich sollte der Preis bei 30 Euro liegen, er dümpelt aber meist zwischen drei und fünf Euro, weil geschätzt zwei Milliarden CO2-Papiere zu viel im Markt sind. Die EU will befristet nur 900 Millionen Zertifikate zurückhalten, um das Angebot zu verknappen und den Preis zu treiben.

Hendricks reicht das nicht. Sie fordert eine ambitionierte Reform schon 2016 und nicht erst 2020, wie Brüssel es plant. "Mit einem funktionierenden Emissionshandel bekommt die Tonne CO2 einen Preis, der die klimaschädliche Kohleverstromung zugunsten effizienter Gaskraftwerke zurückdrängen kann", hofft sie.

Wie ernst Europas Politiker es mit dem Klimaschutz meinen, wird sich auch daran zeigen, ob das EU-Klimaziel für das Jahr 2030 von mindestens 40 Prozent weniger Treibhausgas Bestand hat. Außerdem wird die Pariser Weltklimakonferenz 2015 ein Gradmesser sein, ob die Bürger wieder das Grönland-Foto von Merkel sehen und sagen können: Das ist unsere Klimakanzlerin.

Autor: Tim Braune (dpa)