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30. Dezember 2014 14:05 Uhr

Geburtstag

Dübelkönig Artur Fischer geht auch mit 95 noch ins Büro

Artur Fischer ist für seinen Fischer-Dübel bekannt. Mehr als 1100 Erfindungen hat der Schwabe gemacht – neben Dübeln auch Blitzgeräte und einen Eierbecher, in dem man Eier besonders gut köpfen kann. An Silvester wird Fischer 95 Jahre.

  1. Artur Fischer feiert an Silvester seinen 95. Geburtstag. Foto: dpa

Den Dübelkönig nennen ihn viele, aber wer Artur Fischer auf seinen weltbekannte Erfindung reduziert, verkennt die Vielfalt im Schaffen des Schwaben, der Silvester 95 Jahre alt wird.

Seine jüngste Patentveröffentlichung ist erst wenige Tage alt. Am 10. Dezember veröffentlichte das Deutsche Patentamt einen neuartigen Spreizdübel mit Schraube – eines von mehr als 1100 Patenten.

Der gelernte Schlosser Fischer gilt damit als einer der produktivsten Erfinder der Welt. Jüngst erfand er einen Eierbecher, in dem man mit einem Messer ein Ei köpfen kann, ohne dass es verrutscht. Von der heutigen Welt der spezialisierten Ingenieure hebt er sich dadurch ab, dass er für verschiedene Alltagsprobleme Lösungen gesucht und gefunden hat. Und das, wie er selbst sagte, auch immer mit dem Gedanken ans Geschäft.

Fischer hat mit seinen Erfindungen immer Alltagsprobleme lösen wollen

So war es von früh an im Leben des am Silvestertag 1919 in Tumlingen im Schwarzwald geborenen Fischer. Der Sohn des Dorfschneiders, der bis heute in seiner Heimatregion lebt, fing mit dem Erfinden schon als Schulbub an. Einst erzählte er, wie er als Schüler ein Aquarium baute – für die Heizung besorgte er sich beim Apotheker Röhren. Er habe den Preis um die Hälfte heruntergehandelt. "Das war meine erste kaufmännische Handlung."

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Nach dem Zweiten Weltkrieg begann das Geschäft richtig. Weil es kaum Streichhölzer gab, konstruierte er 1948 einen elektrischen Feueranzünder. Gegen Butter, Eier oder Speck tauschte den seine Frau ein. Der erste Massenerfolg für den Erfinder und Unternehmer war ein Blitzgerät für Fotoapparate, das die feuergefährlichen Pulverblitze ablöste. Agfa gab dem jungen Unternehmer einen Großauftrag zum Bau des von ihm erfundenen Blitzgeräts, das mit 13 Millionen verkauften Geräten ein gigantischer Erfolg wurde.

Als Erster setzte Fischer auf Dübel aus Nylon

"Man muss den Mut haben, das umzusetzen, was man für richtig hält", sagte Fischer einst. Mit dieser Maxime gelang ihm 1958 seine mit Abstand bedeutendste Erfindung, der Fischer-Dübel. Fischer war nicht der Erste, der mit Dübeln für den Halt von Schrauben in Wänden und Decken sorgen wollte. Aber er war der Erste, der auf das damals neue Material Nylon setzte. "Das kostete viermal so viel wie billigere Werkstoffe, aber ich wusste sofort: Das ist das Richtige für meine Zwecke." Artur Fischer erzählt die Geschichte seines Erfolges so, als handele es sich um etwas Banales: "Das Problem des Bohrens war noch nicht gelöst."

Pro Tag stellt das Unternehmen, zu dem Werke in Emmendingen und Denzlingen gehören, 14 Millionen Dübel her. Mit dem Tagesgeschäft hat Artur Fischer nichts mehr zu tun. An Neujahr 1980 übergab er seine Firma an seinen Sohn Klaus, der das Unternehmen internationalisierte und den Umsatz vervielfachte.

Dennoch ist in der Familie Fischer kein eitler Sonnenschein. Der Übergang von Vater auf Sohn geriet holprig. Und mit dem zweiten Kind, Tochter Margot, liegt der Patriarch seit Jahren im Clinch. Sie fühlt sich beim Erbe hintergangen und rächt sich nach mehreren verlorenen Prozessen mit der Internetseite www.fischerfratze.de. Ein dunkles Kapitel für den in diesem Jahr für sein Lebenswerk mit dem Europäischen Erfinderpreis ausgezeichneten Fischer. Und auch eines, das so gar nicht zu dem Kindern zugeneigten Bild des Erfinders passen mag. Denn Artur Fischer tüftelte auch immer wieder mit großer Leidenschaft für die Kleinsten.

Seine Bausätze mit Fischertechnik sind legendär. Auch das Fischer TIP, essbare Bausteinchen aus Kartoffelstärke, hat viele junge Fans. "Wer erfindet, kann Kind bleiben", sagt Fischer – vielleicht ist das das Geheimnis, wie er sich bis ins Methusalem-Alter die Tatkraft erhalten hat.

Fischer hat mit viel Arbeit, großem Willen und Gottvertrauen ein Imperium geschaffen

Artur Fischer erzählt das in einem Büro, dessen Wände mit dunkelbraunem Holz getäfelt sind und dessen beigefarbener Teppichboden jeden überflüssigen Laut verschluckt. Wer Fischer besucht, kommt zu einem Mann, der mit viel Arbeit, großem Willen und protestantischem Gottvertrauen ein Imperium erschaffen hat – in den Wirtschaftswunderjahren, in denen ein Josef Neckermann das Versandgeschäft erfunden hat, oder ein Hans Glas das Goggomobil, einen hunderttausendfach produzierten Kleinstwagen. Neckermann und Glas sind lange tot, ihre Firmen Geschichte. Nur Artur Fischer kommt noch an fast jedem Tag in sein Büro und erfindet Dinge.

Artur Fischer spricht heute langsam, sucht manchmal länger nach einem Gedanken, aber wenn er kommt, dann kommt er klar. Vor einigen Monaten ist er gestürzt, es folgte eine Reha, noch immer hat er Probleme mit dem Laufen. Was ihn nicht daran hindert, es zu tun. "Wenn man einmal der Hunderter-Marke nahekommt, dann lässt die Leistungsfähigkeit nach, das merkt man. Aber Aufgeben ist keine Lösung", sagt er. Es ist nicht einfach Artur Fischer, der da spricht, sondern eine ganze Epoche.

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Autor: Ralf Isermann (AFP) und Sebastian Stoll (epd)